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Anwalt im NSU-Prozess Der schwierigste Fall seines Lebens

Mehmet Daimagüler vertritt die Nebenkläger im NSU-Prozess. Deshalb reist er, der sein Geld eigentlich als Wirtschaftsanwalt verdient, gerade quer durch Deutschland.

Mehmet Daimagüler ist eigentlich Wirtschaftsanwalt. Im NSU-Prozess vertritt er die Nebenkläger. Foto: dpa/Elsner

Vor ein paar Wochen saß Mehmet Daimagüler neben Heinz Buschkowsky im Grand Hyatt. Die beiden wirkten wie zwei Hälften eines Baumstammes, in den der Blitz eingeschlagen hatte. Der deutsche Rechtsanwalt mit türkischen Wurzeln neigte seinen Oberkörper mit ernster Miene nach links; der Neuköllner Bezirksbürgermeister mit teils schlesischen Wurzeln neigte seinen Oberkörper mit ernster Miene nach rechts. Sie sollten in dem Nobelhotel am Potsdamer Platz über das Thema Integration diskutieren. Ohne Überwindung schien das nicht möglich zu sein.

Zunächst hielt Buschkowsky einen Vortrag. Der 64-Jährige machte sich über die Weltfremdheit „biodeutscher Eltern“ lustig. Er benutzte Formulierungen wie „Da steppt der Bär“ und sagte, Berlins demokratische Parteien hätten „kein Körperteil in der Hose“. Der typische Buschkowsky-Sound. Der Saal wieherte vor Vergnügen. Als der Sozialdemokrat fertig war, sollten die Berliner Integrationsbeauftragte Monika Lüke und Daimagüler auf die Bühne kommen. Letzterer versuchte zunächst, Buschkowsky auszuweichen. Doch es gelang ihm nicht. Plötzlich saßen sie nebeneinander. Nach und nach entkrampfte sich die Körpersprache der Kontrahenten. Als Zeichen des Friedens und der Versöhnung schenkte der eine dem anderen Diskutanten Wasser in sein Glas. Doch der Eindruck täuschte. Während Buschkowsky am Schluss der Veranstaltung die Huldigungen seiner Fans entgegennahm („Wegen Ihnen bin ich 40 Jahre in der SPD geblieben“), stand der Anwalt, gezeichnet von einer überwiegend migrationskritischen Stimmung, etwas verloren am Rande des Büfetts und sagte: „Ich werde das nicht mehr machen; das bringt doch alles nix.“ Er meinte Debatten dieser Art.

In den USA fragt ihn keiner nach seinem "Migrationshintergrund"

Nun sitzt Mehmet Daimagüler im Café Einstein Unter den Linden, trinkt eine Bloody Mary und später eine zweite und gibt zu Protokoll, der Buschkowsky verkörpere „das Provinzielle in seiner traurigsten Art und Weise“. Wieder ist der 1,70 Meter große Mann wie aus dem Ei gepellt. Nur hat er diesmal einen Rollkoffer dabei. Denn Daimagüler kommt von einer kleinen Deutschland-Reise zurück. Er war in seiner Heimat Niederschelden, einem Stadtteil von Siegen. Danach war er in Köln und Hannover. Und irgendwann wird er in seine Zweier-WG in der Mauerstraße gehen, einem Niemandsland in Mitte.

Daimagüler ist konzentriert und gut gelaunt. Etwas verloren wirkt er auch diesmal. Das hat mit seinem Dasein zu tun. Der Jurist pendelt zwischen seinem Arbeitsort Berlin und Niederschelden, wo eine Schwester wohnt. Ab und an sieht er die Mutter, die heute wieder in Istanbul lebt. Schließlich gibt es da noch einen Ort, der so etwas wie sein Sehnsuchtsort ist: die Ostküste der USA nördlich von New York. Hier hat er einst studiert. Und hier fragt ihn keiner nach dem, was die Deutschen „Migrationshintergrund“ nennen.

Daimagüler ist einer, der seinen Platz sucht. Immer noch. Er ist so deutsch wie kaum ein Zweiter. Dennoch fühlt er sich von Menschen wie Buschkowsky stets aufs Neue auf den Migrantenstatus verwiesen. Die eigene Biografie wiederum mündet in das, was vor ihm liegt. Denn vor einiger Zeit sind Frauen auf Daimagüler zugekommen, deren männliche Angehörige vom Nationalsozialistischen Untergrund ermordet wurden.

Eine Mandantin wohnt im Ruhrgebiet, die andere in Hessen. Beide hatten Daimagülers Buch gelesen: „Kein schönes Land in dieser Zeit“. Und obwohl er eigentlich längst darauf spezialisiert ist, mittelständische Unternehmen in Rechtsstreitigkeiten zu vertreten, nahm Daimagüler das Mandat als Vertreter der Nebenklägerinnen an und wird also ab dem 17. April dreimal wöchentlich im Oberlandesgericht München anwesend sein.

Dort muss er die Interessen der Frauen vertreten, kann wie ein Staatsanwalt Beweisanträge stellen, Sachverständige ablehnen und Rechtsmittel einlegen. Über die NSU-Opfer sagt er: „Die Toten sind tot, weil sie so sind wie ich.“ Das ist sein Motiv – zweifelnd, „ob mir das Mandat gut tut“. Es geht in München irgendwie auch um ihn.

Armut und Gewalt in der Kindheit

Sein Leben erzählt Mehmet Daimagüler im Gespräch nicht weniger anschaulich als in jenem beeindruckenden Buch, dessen Titel einem alten deutschen Volkslied entlehnt ist, und das sich bislang 10?000 Mal verkaufte. Seine Eltern wanderten aus der Türkei nach Deutschland aus. Sie landeten schließlich in jenem Ort, den der Moderator im Grand Hyatt mit dem Kalauer vorstellt: „Was ist schlimmer als verlieren? Siegen.“

Die Familie Daimagüler ist arm. Der Vater schlägt seine Söhne – aus psychischer Not, und weil viele türkische Väter das früher eben so machten. „Gewalt ist Teil meiner Vergangenheit, Teil meiner Gegenwart und vielleicht auch Teil meiner Zukunft“, schreibt Daimagüler. „Gewalt ist Teil meines Lebens.“

Als der Vater stirbt, steht die weithin mittellose Restfamilie ohne deutschen Pass vor der Ausweisung. Der kleine Mehmet muss in der Schule Spießruten laufen. Die Schläge des Vaters werden von den Schlägen seines Halbbruders Murat ersetzt, der auf die schiefe Bahn geraten ist. Wohlmeinende Menschen in Daimagülers Umgebung sorgen dafür, dass er Abitur machen darf.

Danach wird die Karriere sehr schnell sehr steil. Der Deutsche mit türkischem Elternhaus geht zum Jura-Studium nach Bonn. Politisch interessiert, bewirbt er sich um Mitarbeit beim früheren Bundesinnenminister Gerhart Baum von der FDP. Der erkundigt sich als Erstes, wie man Daimagülers Namen richtig ausspricht – und nimmt ihn dann. Es ist die Zeit, als auch der heutige grüne Vorsitzende Cem Özdemir aufzusteigen beginnt. Die Herkunft erweist sich erstmals als Vorteil.

Daimagüler lernt Guido Westerwelle kennen, leitet das Büro des liberalen Hasardeurs Wolfgang Kubicki und geht mit ihm für zwei Jahre nach Kiel, studiert noch einmal an den US-amerikanischen Elite-Universitäten Harvard und Yale, arbeitet für eine Unternehmensberatung – und lässt sich als Wirtschaftsanwalt in Berlin nieder.

Die Kanzlei hat ihren Sitz in der feinen Charlottenburger Schlüterstraße, wo Mehmet Daimagüler zuletzt über der 500-seitigen NSU-Anklageschrift brütete. Von dort geht er schon mal ohne Mantel und Jackett aus dem Haus, einfach so, um in einem der angrenzenden Restaurants etwas zu essen. Das hat etwas Anarchisches.

"Nun lass doch mal diese Loser-Themen"

Wer „Kein schönes Land in dieser Zeit“ gelesen hat, der weiß: Dieser Mann hat 45 sehr intensive Jahre durchlebt – Jahre, die Spuren hinterließen. Er ist sehr intelligent und sehr gebildet. Und er rollt das R wie ein Siegerländer. „Meine Heimat ist Niederschelden, wo ich die Menschen kenne, und wo die Menschen mich kennen“, hat er notiert und: „Ich möchte einmal in Niederschelden bestattet werden.“

Andererseits hat Daimagüler für seine Vergangenheit einen hohen emotionalen Preis bezahlt. Er leidet unter Depressionen, Beziehungsschwierigkeiten – und Selbstmordgedanken. Die physische und psychische Gewalt der Türken-Hasser auf Deutschlands Straßen und die Gewalt daheim haben in ihm und seinesgleichen „eine Wahnsinnswut“ erzeugt.

Im Ganzen ähnelt dieses Leben dem immer wieder vergeblichen Versuch, nach Hause zu kommen. Nichts illustriert das Dilemma dabei besser als jenes Treffen mit dem türkischen Ministerpräsidenten. Recep Tayyip Erdo?an sagte zu Daimagüler, sein Türkisch müsse aber noch besser werden. Daraufhin erwiderte der Kosmopolit aus Westfalen: „Herr Ministerpräsident, ich finde, für einen Deutschen ist mein Türkisch ganz gut.“

Das Fremdsein zeigt sich auch parteipolitisch. Daimagüler, der es bis in den FDP-Vorstand gebracht hat, kämpft dort für eine liberale Ausländerpolitik. Irgendwann sagt der heutige Außenminister, dem sich Daimagüler lange Zeit in tiefer Freundschaft verbunden weiß, und mit dem er fünf Mal die Woche joggen ging: „Mehmet, nun lass doch mal diese Loser-Themen. Damit gewinnst Du keinen Blumentopf.“

2002 versucht der aufstrebende Jung-Liberale, einen Türkei-kritischen Antrag der Parteispitze zu kippen – und unterliegt. Das ist der Anfang vom Ende. 2008 geht er. Westerwelle, urteilt Daimagüler heute, habe versucht, an die Spitze zu kommen, „ohne zu wissen, was er da will. Dazu war mir meine Zeit zu schade.“

Kein Leben in Harmonie

Wer daran glaubt, dass Zufälle oft mehr sind als Zufälle, und dass ihnen eine Logik innewohnt, der wird einen solchen Zufall darin erkennen, dass Daimagülers Buch erschien, als die Taten des NSU bekannt wurden. Beide Ereignisse bringen die inneren Widersprüche des Landes und die inneren Widersprüche des Opferanwalts zum Klingen.

Der sagt im Café Einstein, dass die Türkei ihm „nicht fremd, aber auch nicht Heimat“ sei. Er spricht so kritisch über sich wie wohl nur wenige andere in dieser Republik. Er geht mit sich buchstäblich ins Gericht. „Scheitern ist ein Teil von uns, jedenfalls von mir“, findet Daimagüler. Er habe eine Familie haben wollen, ein Zuhause und ein Leben in Harmonie mit anderen und sich selbst.

Das alles habe er nicht erreicht. Stattdessen passe sein Hab und Gut in zwei Koffer. Schon jetzt erwägt Daimagüler, nach dem NSU-Prozess erneut für einige Jahre in die USA zu gehen, den dauernden Identitätskonflikten der Heimat entzogen. Neben einer zuweilen zärtlichen Betrachtung der Welt lugt Zorn hervor – auch auf die eigene Person.

Dann nennt er Buschkowsky „die Rache Alt-Deutschlands an Neu-Deutschland“ und den Daimagüler von vor zehn Jahren, der bei Johannes B. Kerner in der Talkshow saß, „einen Polit-Kasper mehr“, den die Erfolge nicht klug, sondern „dumm gemacht“ hätten. Daimagüler ist nach eigenem Bekunden „extrem traurig, extrem empfindlich, extrem aggressiv“. Ausbalanciert wirkt er nur in gewissen Stunden.

Und nicht im Angesicht der NSU-Täter. „Das waren sympathische Kindergesichter“, sagt Mehmet Daimagüler. Niemand sei als Verbrecher geboren und niemand als Nazi. Ihn beschäftige, was diesen Kindern zugestoßen sei, dass aus ihnen eiskalte Mörder wurden. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos seien ja in anonymen Gräbern verscharrt worden.

Keine Alternative zu "lebenslänglich"

„So sollte kein Mensch enden.“ Dabei schwingt die Reflexion über das eigene und in Teilen unentrinnbare biografische Erbe mit. Ob Opfer oder Täter – darüber, das hat Daimagüler schmerzlich erfahren, entscheiden nicht selten Kleinigkeiten. Ungeachtet dieser Einsicht und des Mitleids hofft er, dass der überlebenden Beate Zschäpe „die Morde nachzuweisen sind.

Und wenn ihr die Morde nachzuweisen sind, dann kommt aus meiner Sicht keine andere Bestrafung als lebenslänglich in Frage, inklusive der Feststellung einer besonderen Schwere der Schuld.“ Dies schlösse eine vorzeitige Entlassung aus.

Die Schnittstellen-Existenz zwischen deutscher und türkischer Welt wird dem gefühlvollen Anwalt im Schwurgerichtssaal des Oberlandesgerichts so oder so eine Sonderstellung geben.

Am Ende des Gesprächs im Café Einstein greift Mehmet Daimagüler zu seinem weißen iPhone, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Er startet ein Video, auf dem sein junger Großneffe singt: „Rabimmel, Rabammel, Rabumm.“ Es ist der Refrain des Martinsliedes „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“, eines christlichen Liedes also in Erinnerung an einen Mann, der mit einem Armen seinen Mantel teilte. Der säkulare muslimische Großonkel strahlt dazu.

Bei Heinz Buschkowsky strahlt er nicht. Kurz vor Schluss der Debatte sagt ein älterer Herr, niemand habe die Deutschen je gefragt, ob sie mit all den Ausländern ihr Land teilen wollten.

So einer kann Mehmet Daimagüler immer noch spielend in die Verzweiflung treiben.

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