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Anwältin im NSU-Prozess Der schwierigste Fall ihres Lebens

Anja Sturm ist eine der Verteidigerinnen der wegen der Neonazi-Morde angeklagten Beate Zschäpe. In dem Prozess warten 500 Seiten Akten und über 70 Nebenkläger auf sie.

13.04.2013 23:56
Sabine Rennefanz
Anja Sturm hat schon mutmaßliche Mörder, Islamisten und Mafiosi verteidigt. Foto: AKUD/Lars Reimann

Anja Sturm öffnet die Tür zu ihrem hellen, lichtdurchfluteten Anwaltsbüro in der Kurfürstenstraße in Berlin-Tiergarten. Sie ist groß, hat kurze blonde Haare und einen festen Händedruck. Ihr Büro ist geschmackvoll eingerichtet, weiße Wände, abgezogenes Parkett. An der Wand hängt ein farbenfrohes Werk mit zwei abstrakten Köpfen, die aufeinanderprallen.

Es könnte ein Symbol für den Gerichtssaal sein, wo die Ansichten von Verteidigung und Anklage aufeinandertreffen. Sie hat es bei einem südfranzösischen Künstler entdeckt. Anja Sturm, 42 Jahre alt, hat vor kurzer Zeit Brustkrebs überstanden, jetzt steht sie vor dem schwierigsten Fall ihres Lebens: die Verteidigung der mutmaßlichen Rechtsterroristin Beate Zschäpe. Die Anwältin ist eine von drei Pflichtverteidigern.

Ihr Schreibtisch ist bedeckt von Ordnern, Papieren, Akten, mittendrin liegt eine angebrochene Schachtel „American Spirit“. Sie ist übernächtigt, schläft im Moment nicht viel. Eine kleine Schwäche, das Rauchen, gönnt sie sich.

500 Seiten Anklageschrift

Es ist Mitte März, es sind noch etwa vier Wochen Zeit bis zum Mammutprozess vor dem Oberlandesgericht München. Knapp 500 Seiten umfasst die Anklageschrift, es gibt über 70 Nebenkläger und ihre Anwälte und eine Angeschuldigte, auf die sich alle Tatvorwürfe konzentrieren. Sturm hat schon mutmaßliche Mörder, Islamisten und Mafiosi verteidigt, aber noch nie war sie an einem so verwickelten, politisch brisanten Prozess beteiligt wie gegen die einzige Überlebende des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Zschäpe ist wegen zehnfachen Mordes, Raubüberfällen, versuchtem Mord, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und besonders schwerer Brandstiftung angeklagt. Auch wenn sie an keinem der Morde direkt beteiligt war, wird ihr Mittäterschaft vorgeworfen. Das wirkt so schwer, als habe sie selbst die Waffe geführt.

Zschäpe hatte sich im November 2011 gestellt, der Jenaer Anwalt, der sie zur Polizei begleitet hat, merkte schnell, dass der Fall zu groß wird – und verwies sie an den Strafverteidiger Wolfgang Heer aus Köln weiter. Als die Aktenberge wuchsen, kamen zwei Kollegen hinzu, erst Wolfgang Stahl aus Koblenz und schließlich Anja Sturm aus der Berliner Anwaltskanzlei Axel Weimann.

Hat es eine Rolle gespielt, dass sie eine Frau ist, wie die Angeklagte? Anja Sturm schiebt ihren Stuhl ein wenig weiter nach hinten, als wolle sie Distanz schaffen. Sie antwortet nicht sofort, sie fixiert die Fragestellerin mit einem undurchdringlichen Blick, den bald wahrscheinlich auch die Zeugen im Kreuzverhör noch kennenlernen werden.

Für einen Moment mag man eine gewisse Amüsiertheit daraus lesen, aber sie ist zu professionell, um sich das länger anmerken zu lassen, und dann sagt sie ausweichend, dass sie wegen des immensen Umfangs der Anklage dazu geholt wurde.

Natürlich sieht es auch auf Fotos ganz gut aus, die zwei Männer und eine Frau, eine Geschlechterverteilung wie bei dem NSU. Kennengelernt haben die drei Strafverteidiger sich vor Jahren auf einer Tagung für Strafverteidiger. Keiner von ihnen steht in dem Verdacht, Sympathien für rechtsradikales oder rassistisches Gedankengut zu hegen, obwohl schon gewitzelt wurde, dass sich Zschäpe die drei nur wegen ihrer Namen ausgesucht hat. Zusammen wirken sie, als wären sie einer amerikanischen Anwaltsserie entstiegen, alle um 40, smart, ehrgeizig. Sie sehen ihre Chancen, auf großer Bühne zu zeigen, was sie können.

Wenn man sie fragt, warum sie den Fall unbedingt wollte, redet sie zunächst von Leidenschaft, Herausforderung. Es sei ihr wichtig, für ein rechtsstaatliches Verfahren zu sorgen und politischem Druck entgegenzuwirken. Sie hat den Eindruck, Beate Zschäpe werde in der Öffentlichkeit vorverurteilt. Zeitungen bezeichnen sie als Killerbraut, als Inkarnation des Bösen. „Jeder erwartet doch schon einen Schuldspruch, das berührt mein Gerechtigkeitsempfinden“, sagt sie. Sie sehe ihre Aufgabe darin, sie vor der Übermacht der Justiz zu schützen.

Es rege sie auf, sagt sie, wenn Politiker fordern, ihre Mandantin solle an der Aufklärung der Taten mitwirken und aussagen. „Hier steht die Verurteilung doch schon fest, und unsere Mandantin soll daran noch mitwirken. Kein Mensch muss zu seinem eigenen Urteil beitragen.“ Sturm spricht normalerweise sehr kontrolliert, klar, aber sie kann auch impulsiv werden. Bisher hat es keine Einlassungen von Beate Zschäpe gegeben. Auch im Gericht wird sie schweigen, das raten ihr ihre Anwälte.

Das, was sich die Nebenkläger wünschen, eine vollständige Aufklärung der Taten, wird der langwierige, detailreiche Indizienprozess aus Sicht von Sturm nicht leisten können.

In der Anklageschrift wird Zschäpe nicht nur als gleichberechtigtes, voll eingebundenes Mitglied dargestellt, sondern beinahe als Strippenzieherin, als Mastermind der Terrorbande. So soll sie die Tarnpapiere besorgt, die Finanzen verwaltet und für gute Beziehungen zu den Nachbarn gesorgt haben, damit das Versteck der Terroristen nicht auffliegt. Es gibt Zeugenaussagen, die belegen, dass sie meistens diejenige war, die Auslagen und Rechnungen für die drei bezahlte. In bar.

Doch diese Indizien überzeugen die Verteidigerin Anja Sturm und ihre Mitstreiter nicht. Sie halten die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft für keinesfalls so stabil ,wie die 500 Seiten erscheinen lassen. Vor allem der Mordvorwurf werde nicht aufrechtzuerhalten sein. „Aus der bisherigen Beweislage lassen sich weder Mittäterschaft noch Beihilfe zum Mord belegen“, sagt Sturm.

Die Anwälte sehen in der Anklageschrift nur eine Ansammlung aus Unterstellungen. Hätte sie wirklich alles wissen müssen, nur weil sie 14?Jahre lang mit zwei Männern zusammenwohnte? Erzählen Männer zu Hause alles? Und selbst wenn sie von den Tötungen wussten, heißt das, dass sie sie auch gutgeheißen hat?

Wieso unterstellt die Bundesanwaltschaft, Zschäpe habe ein rechtsradikales und rassistisches Weltbild, wenn ihre Nachbarn sich doch an keine politische Äußerung erinnern? Was beweise es, dass Zschäpe beim Urlaub auf der Insel Fehmarn viel Bargeld in der Tasche hatte?

Könnte es sein, dass sie zwar gegen die Morde war, aber bei den Männern geblieben ist, weil sie ihr ein großzügiges, aus Banküberfällen erbeutetes Einkommen sicherten? Laut Ermittlungsakten soll sie zu einer Nachbarin gesagt haben, sie könne sich kein Leben vorstellen, bei dem man jeden Pfennig umdrehen müsse.

Doch soll Zschäpe nur die brave unpolitische Hausfrau gewesen sein, die Mundlos und Böhnhardt bekochte, wenn die Männer von ihren bewaffneten Streifzügen zurückkamen?

Zeuge belastet Beate Zschäpe

Ein Mitbeschuldigter, Holger G., hat Zschäpe in der Zeugenvernehmung belastet. Er sagt laut Ermittlungsakte, dass sie bei einer Übergabe einer Waffe dabei war. Ob er im Gericht aussagen wird, ist unklar. Sein Anwalt Stefan Hachmeister will zur Prozessstrategie keine Auskunft geben. Sturm, Stahl und Heer haben zu den Anwälten der anderen Angeklagten nach eigenen Angaben keinen Kontakt. Sie bauen ihre Verteidigung allein auf. Dazu gehört auch, dass sie den NSU-Untersuchungsausschuss besuchen.

Februar, Bundestag, NSU-Untersuchungsausschuss. Sturm und ihr Kollege Wolfgang Heer sind gekommen, um den ehemaligen Chefs des Landesamtes für Verfassungsschutz Thüringen zuzuhören. Sie wollen ein Gefühl für die Verbindungen zwischen Verfassungsschutz und rechter Szene bekommen.

Das Amt war damals eine Chaosbehörde, vor deren Augen das gesuchte Neonazi-Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe entwischen konnte. Spätere Hinweise auf Waffen und Raubüberfälle wurden ignoriert. Der Vize-Chef, der an jenem Tag aussagt, will sich an nichts mehr erinnern.

In der Mittagspause stehen Sturm und Heer zusammen im Café des Bundestages. Sie loben beide , wie harmonisch die Zusammenarbeit zu dritt laufe. Und ja, ihre Familien halten ihnen den Rücken frei, wenn sie künftig unter der Woche nach München müssen. „Mein Mann hat sofort gesagt, du musst das machen“, sagt Sturm.

Sie ist Alleinverdienerin, ihr Mann, ein Kommunikationsberater, passt auf die Kinder auf, neunjährige Zwillinge. Als sie das erste große Interview in einer Zeitung gesehen haben, haben sie gesagt: „Mama, wirst du jetzt berühmt?“ Sie musste ihnen erst mal erklären, was das eigentlich bedeute, nämlich, dass Mama weniger Zeit für sie haben wird. Es hat etwas Sympathisches, mit welcher Selbstverständlichkeit sie über ihre umkehrte Rollenverteilung zu Hause spricht.

Sie nimmt für ihre Überzeugungen Nachteile in Kauf. Reich wird man als Pflichtverteidigerin nicht, bei 435 Euro pro Sitzungstag liegt der Honorarsatz, plus Spesen. Bei den Wahlen in der einflussreichen Berliner Strafverteidiger-Vereinigung fiel sie vor wenigen Wochen durch. Sie wollte einen Sitz im Vorstand, aber einige Mitglieder hatten wohl Bedenken, die Anwältin von Beate Zschäpe zu wählen. Weil man Neonazis grundsätzlich nicht verteidige. Sturm nahm den Misserfolg hin und sagt im Rückblick, die Wahl sei ein ganz normaler Vorgang.

Anja Sturm wuchs am Niederrhein auf, in Jena, wo Zschäpe herkommt, war sie noch nie. Sie studierte an der Universität Bayreuth Rechtswissenschaften, an derselben Uni wie Karl-Theodor zu Guttenberg. Zum Strafrecht kam sie über Umwege. Lange wusste sie nicht so recht, was sie später sollte, sie strengte sich nicht besonders an. Erst als sie durch das erste Examen fiel, wachte sie auf. Sie fing an zu lernen, hängte sich rein. Sie entdeckte, wie sehr im Strafrecht Grundrechte und die Menschenwürde berührt werden.

Sie schaut auf ihre Fälle wie ein Chirurg

Sie musste erst mal lernen, sich in dem Männerberuf, zwei Drittel aller Strafverteidiger sind männlich, durchzusetzen. Gefördert wurde sie von der bekannten Berliner Strafverteidigerin Ulrike Zecher, die sie zu Verfahren mitnahm und ihr half, Kontakte in der Branche zu knüpfen. Vor einiger Zeit verteidigte sie einen jungen Islamisten, dem Propaganda für Al-Kaida vorgeworfen wurde.

Dabei lernte sie auch den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl kennen, dem sie im NSU-Verfahren wiederbegegnen wird. Sie lobt ihn als sehr gründlich. Andere sagen, er gilt als Pedant.

Sie schaut auf ihre Fälle mit einem Verteidigerblick, wie ein Chirurg oder ein Onkologe. Es sei nicht ihre Aufgabe, betroffen zu sein, sagt sie mit fester Stimme.

Wenn man sie so in ihrem Büro reden hört, kann man sich vorstellen, wie sie mit ihrer Krankheit umgegangen ist: sachlich, stets zuversichtlich. Als handle es sich um einen Fall, dessen Widersprüche und Ungenauigkeiten herausgearbeitet werden müssten, um am Ende zu einer guten Lösung zu gelangen. 2010 wurde bei Anja Sturm Brustkrebs diagnostiziert. Operation, Chemotherapie folgten.

Dem Spiegel sagte sie, sie werde nun oft gefragt, wo denn ihre langen Haare geblieben seien. Die sind der Chemo geopfert worden, sage sie dann, damit gleich alles klar sei. Sie wolle Mut machen, dass die Krankheit zu besiegen sei.

Man kann verstehen, warum Zschäpe sie sich ausgesucht hat, sie ist direkt, sie ist taff. Unter den freundlichen Umgangsformen, der charmanten Art, verbirgt sich ein harter Kern.

Hat sie die Krankheit gelehrt, anders mit Zeit umzugehen? Sie blickt erstaunt, als hätte sie sich die Frage nie gestellt, dann sagte sie: „Ich habe gelernt, rigoroser zu sein.“ Das werden auch die Richter im Schwurgerichtssaal München zu spüren bekommen.

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