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Schweden Mutmaßlicher rassistischer Heckenschütze vor Gericht

Wegen dreifachen Mordes und 12 Mordversuchen muss sich der 40 Jahre alte Schwede Peter Mangs vor Gericht verantworten. Bei den ersten Morden tappt die Polizei noch im Dunkeln, doch als immer mehr Menschen in Malmö durch Schüsse getötet werden, kommen ihm die Ermittler auf die Spur.

Ein Gerichtszeichner illustriert den Angeklagten Peter Mangs vor Gericht. Foto: AFP

Anders Breivik hat Peter Mangs als Waffenbruder gehuldigt, doch was der 40-jährige Schwede von diesem Vergleich hält, ist nicht bekannt. Im Unterschied zu dem redseligen norwegischen Massenmörder hüllt Mangs sich in Schweigen. Ab Montag steht der hagere, kahlköpfige Mann wegen dreifachen Mordes und 12 Mordversuchen in Malmö vor Gericht, und wenn seine mutmaßlichen Verbrechen auch nicht die Dimensionen von Breiviks Untaten erreichen, fallen sie doch in die gleiche Kategorie: dass einer glaubt, seinen Widerstand gegen die Zuwanderungspolitik mit der Mordwaffe ausdrücken zu können.

Belastende Beweise

Während Breivik mit seinen Taten prahlt, leugnet Mangs. Breivik motivierte sein Massaker in einem 1800-seitigen Manifest. Bei Mangs gibt höchstens ein schütteres Tagebuch Einblick in sein Denken. Über die mutmaßlichen Motive will Chefanklägerin Solveig Wollstad nicht spekulieren: „Es ist schwer, ihn zu fragen: warum hast du getan, was du leugnest.“ Ihre Aufgabe sei, die Taten zu beweisen, nicht zu begründen. Die Evidenz ist hart: in Mangs Wohnung fand die Polizei die beiden Waffen, die bei den Anschlägen benützt wurden. Handyspuren binden ihn an die meisten Tatorte. Gegenüber einem Bekannten hat er zumindest einen der Morde gestanden und ihn bedroht, falls er zur Polizei ginge, und nach seiner Verhaftung hat er einem Psychiater von den Taten erzählt. Ein paar Monate lang war er in der Untersuchungshaft zusammenarbeitswillig, dann verweigerte er jede Aussage und stimmte Lieder an, wenn er verhört werden sollte.

Es dauerte lange, bis Malmös Polizei dem Serientäter auf die Spuren kam. Zwei Morde an einem 66-jährigen Iraner und einem 23-Jährigen aus Irak im Jahr 2003 legte sie als ungeklärt ab, ohne an einen Zusammenhang zu denken. Als sechs Jahre später eine junge Frau in einem Auto getötet und der Mann an ihrer Seite schwer verletzt wurde, glaubte man an einen Racheakt aus der Unterwelt, denn der 22-Jährige hatte Ausgang aus dem Gefängnis. Doch in der Folgezeit mehrten sich die Schussattentate, und auch wenn sie keine tödlichen Folgen mehr hatten, breitete sich in Malmö Panik aus. Die Opfer hatten nichts gemeinsam außer ihrer dunklen Hautfarbe. Auf der Straße und an Bushaltestellen wurden sie beschossen, vor dem Schwimmbad und im Fitnesscenter, bei der Imbissbude und im Schneiderladen.

Jagd auf Einwanderer

Da teilte die Polizei mit, dass es sich bei all den Taten vermutlich um ein und denselben Täter handelte, der als Heckenschütze Jagd auf Einwanderer mache. Viele wagten nicht mehr, auszugehen und ihre Kinder auf die Straße zu lassen, über der ganzen Stadt lag eine Stimmung von Angst und Schrecken. Bis die Polizei am 9.November 2010, zwei Wochen nach dem letzten Attentat, die Festnahme eines Verdächtigen bekannt geben konnte. Ein anonymer Tipp hatte den Weg zu Mangs gewiesen, der Mitglied eines Schützenvereins war und ein Eigenbrötler, der, seit seine Schwester an einer Überdosis starb, nur noch mit seiner Mutter Umgang pflegte. In seinem Computer fand die Polizei fremdenfeindliches Material, unter dem Pseudonym Usama Bin-Ladulås schrieb er auf konspirativen rechten Websites, von anderen wurde er als zu extrem rausgeschmissen. „Halt den Mund, du bist ja ein mieser Rassist“, schalt ihn die Mutter, wenn er zu aggressiv wurde.

Für Breivik ist Mangs „Teil der militanten Vortruppe, die den bewaffneten Kampf zwischen Multikulturalisten und Nationalisten“ eingeleitet habe. Dass Mangs seine Opfer unter Einwanderern wählte, deute auf eine Breivik-Parallele, sagte Verhörsleiter Börje Sjöholm. Doch die schwedische Polizei will sich nicht auf ein einzelnes Motiv festlegen. Sie fand in Mangs Hinterlassenschaft auch Zeichen genereller Wut auf die Gesellschaft, auf Kriminelle, eine Sehnsucht nach Recht, Ordnung und einer „arischen Ethik“. Aber auch die Suche nach Spannung und Nervenkitzel. Maskiert und bewaffnet suchte Mangs absichtlich Menschenansammlungen auf, um den Adrenalinstoß zu spüren. Er sei überrascht gewesen, wie einfach das Töten sei, sagte er dem Bekannten, dem er den ersten Mord gestand.

Mangs bestreitet die Taten, räumt aber ein, zu den betreffenden Zeitpunkten an den betreffenden Orten gewesen zu sein. Er protestierte nicht, als sich die Voruntersuchung verzögerte und ihn 18 Monate in U-Haft hielt. Und zum Unterschied von Breivik, der nichts mehr fürchtet als für unzurechnungsfähig erklärt zu werden, hätte Mangs wohl nichts gegen die Verwahrung in einer psychiatrischen Anstalt: „Vielleicht tauge ich nicht für das Leben da draußen“, sagte er dem Verhörschef.

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