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Neonazis in Themar Bürger gegen braune Horden

Rechtsextreme planen im thüringischen Themar drei Konzerte, erwartet werden tausende Neonazis aus ganz Europa. Das wollen sich die Ortsansässigen nicht gefallen lassen.

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Ortsansässige wollen sich gegen Events mit zahlreichen Neonazis wehren. Foto: istock

Arndt Morgenroth steht im einstigen Kolonialwarengeschäft seiner Eltern im thüringischen Themar. Wie es darin aussah, hat der pensionierte Pfarrer noch genau vor Augen. „Hier stand die Ladentheke, wo mein Vater auch mal einen Schnaps rüber gereicht hat“, sagt er und deutet mit seinen Armen die Ausmaße des Möbels an. „Und hier“ – ein Schritt zur Seite, die Arme wandern von oben nach unten durch die Luft – „das Regal mit Wasch- und Putzmitteln“ – ein weiterer Schritt zur Seite – „und hier das Regal mit Bürsten, Besen und so weiter.“

1866 hatte Morgenroths Großvater den Laden aufgemacht, gut einhundert Jahre lang gab es in dem Geschäft alles, was man so braucht in einer Kleinstadt wie Themar. Seit Jahren steht es nun leer. Aber was heißt schon leer. Regelmäßig zwischen April und Oktober kommen Bürger aus Themar in das alte Kolonialwarengeschäft im „Haus Morgenroth“, wie sie das Gebäude hinter der St. Bartholomäus-Kirche nennen. Dann gibt es Lesungen, manchmal singt jemand oder spielt ein wenig Theater. Oder sie reden einfach nur miteinander über das Heute und Gestern in Stadt und Land.

An diesem warmen Frühsommertag ist Morgenroths alter Laden wieder einmal voll. Zwei Dutzend Stühle stehen im Kreis, keiner ist freigeblieben. Bewohner von Themar und aus den Nachbargemeinden sind gekommen, die Pastorin der Stadt, Kindergärtnerinnen, Einzelhändler, Bürgermeister, auch der Anglerverein ist da und „Themar trifft Europa e.V.“ – sie alle wollen Gesicht zeigen und reden mit dem angereisten Reporter. Reden über die Neonazis, die im Juli zu Tausenden aus ganz Europa zu drei Konzerten auf einer Wiese am Stadtrand von Themar kommen werden, über die Angst vor den „braunen Horden“, wie man sie hier nennt, über Mut und Widerstand. Und über die Sorge, dass ihr Themar ins Gerede kommen könnte. Hierzulande und auch draußen in der Welt. „Das ist doch unsere Stadt“, sagt Anette Peter, die in Themar aufgewachsen ist. „Die da kommen, das sind doch keine von uns. Wir wollen solche Leute hier nicht.“

Themar liegt in Südthüringen, nicht weit von Hildburghausen und der Landesgrenze zu Bayern. Gut 1200 Jahre alt ist der Ort, der knapp 3000 Einwohner hat und am Ufer der Werra liegt. Eine gut erhaltene Stadtmauer schirmt das alte Stadtzentrum zur Bundesstraße 89 ab, trutzig ragen zwei mächtige Wachtürme heraus. Vom alten Stadttor stehen noch die steinernen Seitenpfeiler. Durch sie hindurch führt die Ernst-Thälmann-Straße auf die B 89 zur Gottesacker-Kirche mit Friedhof und der benachbarten Tankstelle. Neben dieser erstreckt sich eine Wiese, 100 Meter lang, 50 Meter breit. Hier werden an drei Wochenenden im Juli ein Dutzend Nazi-Bands aus Deutschland aufspielen.

„Wir haben als Stadt die Wahl, wie wir mit diesen Nazi-Konzerten umgehen“, sagt Bürgermeister Hubert Böse. „Nehmen wir das mit Murren und Zähneknirschen hin, weil es ja praktisch vor unserer Stadtmauer geschieht, da draußen auf einer Wiese? Oder suchen wir nach Formen des Protestes und des Widerstands?“ Es ist eine rhetorische Frage, was schon der Blick in die Runde im Haus Morgenroth beweist. Helmut Thein aus Lengfeld, einem kleinen Nachbardorf von Themar, spricht dann auch aus, was alle hier denken: „Wir können die Braunen zwar nicht vertreiben, weil das nicht in unserer Macht liegt. Aber wir können ihnen zeigen, was wir von ihnen halten – und dass wir uns ihnen in den Weg stellen.“

Fototafeln mit finsteren Kapiteln der Stadtgeschichte

Wer noch einen weiteren Grund dafür herausfinden will, warum Themar sich so sehr zur Wehr setzt gegen die geplanten Nazi-Konzerte, der muss in einen anderen Raum im Haus Morgenroth gehen. Hier hängen Fototafeln an den Wänden, die von einem finsteren Kapitel der Stadtgeschichte berichten – der Vertreibung der Juden während der NS-Zeit.

„Mein Onkel hat uns mal geschildert, wie es damals war, als sie die Juden abholten“, erzählt Arndt Morgenroth mit leiser Stimme. „Männer, Frauen und Kinder wurden auf Laster getrieben, die auf dem Kirchplatz standen. Und als sie da oben saßen und sich gegen die Planen des Lasters lehnten, da rissen einige Bürger der Stadt Latten vom Zaun und schlugen auf die Rücken der Juden ein, die sich unter der Plane abzeichneten.“

Das Schweigen in Themar darüber hat lange angehalten, sehr lange. Aber seit 2008 arbeiten die Bürger das Schicksal ihrer jüdischen Mitbürger auf. Eine Professorin aus Kanada hilft ihnen dabei, die Lebensgeschichte der vertriebenen und deportierten Juden von Themar zu recherchieren. Sie sind auf den Fototafeln im Haus Morgenroth dokumentiert. Vor dem Friedhofseingang haben die Bürger außerdem einen Gedenkstein für die jüdischen Familien ihrer Stadt aufgestellt.

Und auch Stolpersteine sind schon überall in Themar verlegt worden. 21 Stück. Im September kommen weitere hinzu. Die meist in den USA lebenden Angehörigen der damals Vertriebenen werden zu der Zeremonie eingeladen. „Doch wie sollen wir denen unter die Augen treten, wenn sie zu Hause davon lesen, dass in Themar Tausende Nazis aufmarschieren und rassistische und judenfeindliche Lieder singen?“, fragt Morgenroths Ehefrau Barbara. „Auch ihnen sind wir es schuldig, dass wir uns wehren.“

Sie hätten ja bereits damit gerechnet, dass sich die Nazis wie in den Jahren zuvor auch diesmal wieder einen Veranstaltungsort in ihrer Region suchen, sagt Bianca Kühn-Pankow, die Bürgermeisterin von Bischofrod. Ihr Dorf habe daher mit den anderen Nachbargemeinden Themars, die in der „Verwaltungsgemeinschaft Feldstein“ zusammengeschlossen sind, in den letzten Monaten sehr genau geprüft, welche Grundstücke dafür in Frage kommen könnten, um rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen. „Wir konnten ja nicht damit rechnen, dass einer aus unserer Mitte uns in den Rücken fallen wird“, sagt sie bitter.

Gemeint damit ist Bodo Dressel, der Bürgermeister von Grimmelshausen. Das 300-Seelen-Dorf, dem mit dem „Simplicissimus“ ein literarisches Denkmal gesetzt worden ist, gehört zur „Feldstein“-Gemeinschaft. Dressel war noch als CDU-Mitglied in das Bürgermeisteramt seiner Gemeinde gewählt worden, inzwischen gehört er der AfD an und sitzt in deren Kreisvorstand.

AfD-Bürgermeister verpachtet an Rechtsextreme

Dem AfD-Bürgermeister gehört die Wiese vor Themar. Er hatte sie vor Jahren gekauft, um dort ein Autohaus zu eröffnen. Die Genehmigung dafür bekam er aber nicht, weil gleich hinter der Wiese ein Naturschutzgebiet liegt. Nun hat Dressel das schmale Stück Land an einen stadtbekannten Rechten für die Nazi-Konzerte verpachtet. Die Themarer Bürger sind zornig darüber. Auch weil die Stadt keine rechtlichen Möglichkeiten hat, die Konzerte zu unterbinden. Natürlich habe man deshalb auch über Straßenblockaden nachgedacht oder darüber, in der Nacht vorher einen Güllewagen auf der Wiese auslaufen zu lassen, erzählt Helmut Sailer, der vor zwei Jahren aus Schwaben hergezogen ist und nun in der Runde in Morgenroths Haus sitzt. „Aber wir wollen uns an Recht und Gesetz halten, sonst sind wir ja nicht anders als die“, sagt er noch.

Die drei für den 1., 15. und 29. Juli geplanten Konzerte auf der Wiese von Themar sind von den Rechten als Versammlungen angemeldet worden. Begründet wird das damit, das zwischen den Bands Redner auftreten und politische Statements abgeben. Das Konzert am 15. Juli zum Beispiel ist als Kundgebung unter dem Titel „Rock gegen Überfremdung“ geplant. Zu den Rednern an diesem Tag werden einschlägig bekannte Neonazis gehören, darunter der 77-jährige frühere NPD-Vorsitzende und mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilte Holocaust-Leugner Günter Deckert und Thügida-Chef David Köckert.

Das Landratsamt in Hildburghausen aber hat eine Versammlungsgenehmigung abgelehnt. Da auf der Konzertwiese Bands auftreten und rechte Versandfirmen, Mode- und Plattenlabels gleich mehrere Verkaufsstände aufbauen wollen, handele es sich um eine kommerzielle Veranstaltung, argumentiert die Behörde. Die Rechten wollen juristisch gegen diese Entscheidung vorgehen, die – sollte sie Bestand haben – für sie mit höheren Kosten und strengeren Auflagen verbunden wäre. Denn nur wenn die Konzerte als Versammlung genehmigt werden, muss die Stadt Themar die Beschilderung im Ort, Parkmöglichkeiten und die Zufahrt zum Gelände sicherstellen und die Polizei die Kundgebung absichern. Im anderen Fall muss der private Veranstalter das alles auf eigene Kosten organisieren.

In Themar aber will man sich nicht darauf verlassen, dass dem Ort die Nazi-Konzerte durch einen Gerichtsentscheid vielleicht doch noch erspart bleiben. Und so bereitet sich die Stadt auf den Tag X vor. Nicht alles, was man sich schon überlegt hat, will man verraten. Nur soviel, dass man – wie Bürgermeister Hubert Böse sagt – „ein sichtbares Zeichen setzt, dass die Nazis in unserer Stadt nicht willkommen sind“. Geplant ist zum Beispiel, große Transparente und Plakate an der Zufahrtsstraße zur Veranstaltungswiese anzubringen. Gewerbetreibende im Ort und in den Nachbargemeinden will man davon überzeugen, die Veranstalter nicht zu beliefern, auch Hotels und Pensionen sollten keine Zimmer an die Besucher vermieten. Als Gegenpol zu den Nazi-Konzerten plant man zudem Feste in der Stadt, Musiker und prominente Redner aus Bund und Land will man dafür gewinnen.

Bürgermeister Böse ahnt aber auch, dass es nicht einfach sein wird, alle Themarer zum Mitmachen zu bewegen. „Ich verstehe es, wenn manche Leute Angst haben, die Nazis werfen ihnen nachts die Fenster ein, wenn sie Transparente an ihr Haus hängen“, sagt er. Wichtig sei daher, dass die Politik den Bürgern Mut mache, sich ihren Ort nicht von den Rechten wegnehmen zu lassen. „Ein klares Wort der Kanzlerin oder unseres Ministerpräsidenten würde ich mir wünschen“, sagt der Bürgermeister. „Schaut nach Themar, sollen sie sagen, die Bürger dieser kleinen Stadt machen es vor, wie man sich den Rechten in den Weg stellen kann.“

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