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"Genderwahn" Die rechte Angst vorm Holzpenis

Im "Genderwahn" werden Kinder sexualisiert, um die natürliche Geschlechterordnung zu zerstören – ein Lieblingsirrsinn der neuen Rechten. Wer betreibt die große Sexualisierung eigentlich?

Mann, Frau, oder eher egal? So ein Lächeln bringt die sexuell gerne labilen Rechten in Rage. Foto: imago stock&people

Es geschah in Salzkotten, einer wenig bekannten Kleinstadt im Niemandsland zwischen Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen. Scheinbar hatte, womöglich in einer Art aufklärerischem Furor, eine Behörde ihre Muskeln spielen lassen. Zwei Mütter wurden ins Gefängnis gesteckt, weil sie sich weigerten, ihre Kinder dem Sexualunterricht auszusetzen.

Dürfen nicht auch liberale Zeitgenossen zweifeln, ob es sinnvoll ist, Achtjährige im Onanieren zu unterrichten oder sie Kondome über Holzpenisse streifen zu lassen? Regine Schwarzhoff vom Elternverein NRW hört da am „Nottelefon“ ihrer Organisation jedenfalls immer wieder schreckliche Geschichten, und so schaffte es die engagierte Mutter, die Geschehnisse über die Grenzen des Lipper Landes hinaus bekannt zu machen.

Die eingesperrten Salzkottenerinnen stießen auf eine vorbereitete Öffentlichkeit. Sexualisierung von Kindern hat als Problem in jüngster Zeit eine große Karriere gemacht. In Baden-Württemberg und in der Schweiz führten Elternproteste gegen Lehrpläne schon zu Parlamentsdebatten. Wer kann da wissen, was sich irgendwo ein progressistischer Provinzamtsleiter in seinem Überschwang alles ausdenkt? Und ist Gefängnis nicht in jedem Fall weit übertrieben?

Gegenteil von Sexualisierung

Alle Gedanken, die sich bei der Nachricht aus Salzkotten einstellen, gehen am Problem komplett vorbei. Tatsächlich hatte das Amtsgericht in Paderborn eine Geldstrafe verhängt, die die Eltern sich weigerten zu zahlen. Wenn jemand nicht zahlt, geht das in Deutschland seinen Gang und entfernt sich rasch vom ursprünglichen Anlass. Schon der aber war ganz anders als unterstellt: Die Kinder hatten überhaupt nicht „aufgeklärt“ werden sollen. Vielmehr ging es darum, sich ein Theaterstück mit dem Titel „Mein Körper gehört mir“ anzuschauen. In dem Stück geht es darum, dass Kinder sich nicht ungefragt von Erwachsenen küssen, streicheln, anfassen lassen müssen – also um das exakte Gegenteil von Sexualisierung.

Damit nicht genug der Ungereimtheiten: Die Beschwerdeführer in Salzkotten waren russlanddeutsche Angehörige einer christlich-fundamentalistischen Gemeinde. Bundesweit in Schutz genommen wurden sie aber ausgerechnet von einer Szene, die Zuwanderern aus fremden Kulturkreisen ein mittelalterliches Verhältnis zur Sexualität unterstellt. Muslimischen Eltern wird der Schwimmunterricht für ihre Töchter zum Prüfstein für Integrationswilligkeit. Auch die Geschichte mit den Holzpenissen, die aus der Schweiz kommt, erwies sich als grob verdreht. Geht es um Sex, werden Widersprüche nicht als störend empfunden. Nur emotional muss alles passen.

Geschlechtlichkeit nimmt seit etwa 2005 in Europas neuen rechten Organisationen und Parteien hinter der Zuwanderung den zweiten Platz ein. Religion ist dabei nicht das Thema: Radikale Baptisten wie die aus Salzkotten werden von einer Mehrheit auch der Rechten eher beargwöhnt. Von der „Sexualisierung“ führt vielmehr eine gefühlsmäßige Brücke über die Homosexualität zum Gender Mainstreaming. Verbunden sind die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Themen über das Gefühl, die eigene sexuelle Natur werde manipuliert. Arglose Kinder werden sexualisiert, unsichere Jugendliche verschwult. Männer werden verweiblicht, Frauen vermännlicht.

Mit den Publizistinnen Gabriele Kuby und Eva Herman, der Journalistin Birgit Kelle und dem Blogger Hadmut Danisch hat die sexualpolitische Bewegung ihre Meinungsführer. Das Internet-Portal „Wikimannia“ baut mit zig Artikeln an einem in sich schlüssigen Denkgebäude. In Österreich schuf sich die frühere FPÖ-Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz mit einem schmalen Sachbuch über „MenschInnen“ eine Fangemeinde. Solche Galionsfiguren gibt es einige. Am bekanntesten ist die 75-jährige Dale O’Leary in den USA.

Das Urproblem bildet in der rechten Gedankenwelt die Unterscheidung zwischen „Sex“ und „Gender“, den englischen Wörtern für das biologische und das soziale – oder bloß grammatische – Geschlecht. Fallen biologisches und soziales Geschlecht nicht zusammen, kann man auf den Gedanken kommen, beide hätten nichts miteinander zu tun. Dann kann man sich, so legt es die US-Philosophin Judith Butler nahe, selber aussuchen, ob man Mann, Frau oder etwas Drittes sein möchte. Eine besondere Herausforderung ist für die Naturrechtler entsprechend die Transsexualität, das Gefühl mancher Menschen, sie lebten im falschen Körper – ein Thema, das ebenfalls seit rund zehn Jahren eine ungeahnte Konjunktur erlebt, nur eben in liberalen Kreisen. Politisch ist das Hauptangriffsziel der Rechten die Homo-Ehe. Sexualität ist von der Natur determiniert, so der Grundgedanke. Was abweicht, ist künstlich.

Gender Mainstreaming

Alles was auf der Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht aufbaut, wird unter dem Schlagwort „Genderwahn“ attackiert – ein Wort, das es zusammen mit dem verwandten „Genderwahnsinn“ im deutschen Google auf mehr als 100 000 Treffer bringt. Der Bann trifft Genderforschung und dafür vorgesehene Lehrstühle, vor allem aber das „Gender Mainstreaming“, die Gleichstellungspolitik, die sich die meisten liberalen Staaten auf die Fahne geschrieben haben.

Dabei hat Gender Mainstreaming mit dem Verwischen von Geschlechtsunterschieden so wenig zu tun wie das Sensibilisieren von Kindern mit Sexualisierung. Stärker als frühere feministische Ansätze lässt Gender Mainstreaming Unterschiede gerade gelten. Statt Verschiedenheit einzuebnen, soll die Lebenswelt so eingerichtet werden, dass alle daran teilhaben können. Wenn Frauen nicht für den Gemeinderat kandidieren, weil der sich immer spätabends in verrauchten Hinterzimmern trifft, wird die Sitzung eben in ein anderes Ambiente verlegt. Männer und Frauen sollen bleiben dürfen, wie sie sind, aber nach für beide fairen Regeln spielen.

„Der 150-jährige Kampf der Frauen für Gleichberechtigung“, so Gabriele Kuby, sei gerechtfertigt gewesen. „Aber dann wurde das umformuliert in Gleichstellung.“ Das war für Kuby der Sündenfall: Teilen Männer und Frauen erst ihre Sphären und Domänen in Arbeitswelt und Privatleben, so verlieren sie „Bindung und Identität“ und wissen am Ende nicht mehr, ob sie Männchen oder Weibchen sind.

In dem Argument steckt allerdings ein Widerspruch. Wenn die Natur alles so fest vorgibt, wie die Rechten behaupten, lassen die Geschlechtsidentitäten sich eben auch durch gemeinsame Lebenswirklichkeit nicht verwischen. Eigentlich also könnten die Anti-Gender-Fighter ganz entspannt bleiben, wenn in Schulen „in Frankreich“ Jungen dazu angehalten werden, zum Empathie-Training einen Tag lang im Rock zur Schule zu kommen.

Unausgesprochen bleibt die Frage, wer die große sexuelle Gleichmacherei eigentlich betreibt. Die Befunde – dass Männer verweiblicht und Frauen vermännlicht werden – sind meistens im Passiv formuliert; Ross und Reiterin werden selten genannt. Der Islam ist es ausnahmsweise nicht. Von Kuby ist zu erfahren, dass es eine „kleine Gruppe“ war, die 1995 auf der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking den Urknall zündete. Mit einem Trick: Die Konferenz wurde verlängert, und die eher skeptischen Vertreterinnen aus der Dritten Welt konnten es sich nicht leisten, ihre Flüge umzubuchen.

Hinter der Manipulation stand einmal mehr Judith Butler. Kuby stellt sie als „Amerikanerin, Jüdin, Lesbe“ vor. Wer sich richtig gruseln will, stößt im Netz auf die „jüdische Lesbe“ Pauline Moreno, die ihren Adoptivsohn verhexte: „Schon mit sieben Jahren wollte sich der arme Junge selbst verstümmeln, um eine Frau zu werden wie seine beiden lesbischen Mütter.“ Fast schien es, als hätte der „ewige Jude“ endlich ausgedient. Wenn allerdings „Bindung und Identität“ in Gefahr sind, muss er wieder ran.

Der Abschluss der Reihe „Mythen der Rechten“ erscheint im September.
Die Reihe im Netz: fr.de/mythen

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