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Die Mythen der Rechten Zurück zum Tabu

In Stuttgart tun sich Rechte zusammen, um ein Familienbild von vorgestern durchzusetzen - auf Kosten diskriminierter Minderheiten. Die Initiative „Demo für alle“ macht Biologieunterricht zum Schlachtfeld für mehr Intoleranz.

Demo für alle – außer für die, die sie nicht haben wollen: Aufmarsch der Rechten, die Angst vor Sex haben. Foto: imago

An einem sonnigen Frühjahrssonntag war es mal wieder so weit: Die Initiative „Demo für alle“ hatte gerufen, und Tausende kamen. Von 4500 Menschen auf dem Stuttgarter Schlossplatz wurde hinterher berichtet.

Demo für alle? Das soll natürlich an „Ehe für alle“ erinnern, allerdings negativ. Sehr negativ. Die Menschen, die hier versammelt sind, wollen nicht, dass auch Lesben und Schwule irgendwann richtig heiraten dürfen, und überhaupt kommen ihnen sexuelle Minderheiten viel zu einflussreich vor. Mit anderen Worten: Die „Demo für alle“ ist gerade nicht für alle, sondern für die, die nicht wollen, dass alle die gleichen Rechte haben. Ein weit verbreitetes Argumentationsmuster im Grenzbereich zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus.

Auf dem Stuttgarter Schlossplatz ist dieser Grenzbereich prominent vertreten. Es sprechen unter anderem ein österreichischer Weihbischof, der Generalsekretär der konservativen „Evangelischen Allianz“ in Deutschland und ein Vertreter der „Bruderschaft des Weges“, in der „homosexuell empfindende“ Christen sich das aktive Schwulsein abgewöhnen wollen. Und es sprechen Hedwig von Beverfoerde, die Organisatorin der „Demo für alle“, sowie die Publizistin Birgit Kelle.

Hedwig von Beverfoerde hat die „Demos für alle“ ins Leben gerufen, es ist jetzt schon die siebte. Auslöser war und ist das Projekt eines neuen „Bildungsplans“ für Baden-Württemberg, das die grün-rote Landesregierung bis zur Landtagswahl am 13. März vorangetrieben und kurz danach noch rasch in Kraft gesetzt hat. Dort lautet eines der Lernziele, hier für den Biologieunterricht der Jahrgangsstufen sieben bis neun: „Die Schülerinnen und Schüler können … unterschiedliche Formen der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität wertfrei beschreiben.“ Und zum „Leitbild“ einer „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ soll unter anderem ein „diskriminierungsfreier Umgang mit Vielfalt in personaler, religiöser, geschlechtlicher, kultureller, ethnischer und sozialer Hinsicht“ gehören.

Wer das für einen harmlosen Anlauf zu tolerantem Umgang mit Minderheiten hält, kennt Hedwig von Beverfoerde nicht. Einen „Kulturkampf“ gegen „Gender-Ideologie“ und „tabufreie Sexualpädagogik“ ruft sie auf dem Schlossplatz aus, und das Ziel ist klar: die grün-roten „Ideologen“ in der Landesregierung schleunigst „abzuwählen“. Was dann bekanntlich im März nur bei den roten gelang.

Alle? Natürlich gehören auch die Gegendemonstranten nicht dazu, die sich in Stuttgart versammelt haben. Diese „Schreihälse“, schreit Publizistin Kelle auf den Schlossplatz herunter, seien „meist kinderlos“ und hätten ihr nicht zu sagen, wie sie ihre Sprösslinge erziehen solle: „Kriegen Sie erst mal eigene, dann reden wir weiter!“ Donnernder Applaus. Kelle hat vor allem dadurch in gewissen Kreisen Berühmtheit erlangt, dass sie auf die Empörung über die plump belästigende Anmache einer Journalistin durch den FDP-Politiker Rainer Brüderle mit einer Internet-Kampagne und einem Buch antwortete, Titel: „Dann mach halt die Bluse zu“.

Vor allem Hedwig von Beverfoerde führt bei der „Demo für alle“ die rechte Argumentationsspirale gegen Toleranz mustergültig vor. Die Forderung, auch in der Schule „Akzeptanz“ zu lehren, deutet sie schlicht und einfach um: von einer Haltung, die unterschiedliche Lebensweisen unbehelligt existieren lässt, in einen angeblichen Zwang zur Wahllosigkeit: „Akzeptanz bedeutet, dass alle Schüler jede Art von Sexualverhalten unterschiedslos gut finden sollen.“ Woraus im nächsten logischen Schritt schließlich folgt, dass „Sexualität in allen Spielarten“ nicht nur „gut gefunden“, sondern zum „Leitbild der gesamten Schulbildung werden“ soll. Was im Bildungsplan nirgendwo steht.

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So verwandelt sich bei den „Demos für alle“ und in den dahinterstehenden Netzwerken der Anspruch auf Toleranz in eine „rücksichtslos vorangetriebene Gender- und Sex-Agenda“. Mit den wirklichen Zielen einer modernen Genderpolitik, die Diskriminierungen zu bekämpfen sucht, hat das nichts zu tun – aber man sollte sich schon fragen, warum Tausende diesen Bedrohungsfantasien begeistert applaudieren. Offensichtlich können die Protagonisten jener Strömung, die Volk, Familie und Vaterland gern wieder zu den Leitbildern der Gesellschaft machen möchte, zurückgreifen auf ein Potenzial der Verunsicherung, das weit über den ideologisch gefestigten Kern ihrer Gefolgschaft hinausgeht.

Was „unpolitische“ Menschen auf die „Demos für alle“ treibt, ist wahrscheinlich mit einem schwer auflösbaren Dilemma zu erklären: Wenn es um den Abbau von Benachteiligungen geht – wie beim Gender Mainstreaming –, dann richtet sich die politische Aufmerksamkeit zwangsläufig besonders auf die Benachteiligten, meist Minderheiten. Und die erscheinen dann in der öffentlichen Debatte und Wahrnehmung zunächst größer, als sie sind.

Das dürfte unausweichlich sein, solange es darum geht, ein besonderes Augenmerk auf das Überwinden der Diskriminierung dieser Minderheiten zu lenken. Aber es scheint auf manch einen so zu wirken, als fielen seine Interessen – zum Beispiel als „normaler“ heterosexueller Familienmensch – den Wünschen der Minderheit zum Opfer. Man muss sich nur den tosenden Applaus anschauen, den Hedwig von Beverfoerde für ihre Behauptung erntet, wenn sie die Beratungs- und Unterstützungsangebote der Stuttgarter Landesregierung als „handfeste Privilegien für Mitglieder der LSBTTIQ-Community“ verunglimpft.

LSBTTIQ? Die Abkürzung geht den rechten Familienschützern nur mit Abscheu über die Lippen, aber sie verwenden sie gerade deshalb, so oft es geht. LSBTTIQ steht für „lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer“. Das Ungetüm, im Jargon der Fachleute längst verankert und auch im Akzeptanz-Programm der alten Stuttgarter Regierung zu finden, stellt also den ziemlich sperrigen Versuch dar, alle möglichen Orientierungen in einem Kürzel zusammenzufassen.

Das mag skurril erscheinen, aber es ist keineswegs bedrohlich für heterosexuelle Mitglieder einer Vater-Mutter-Kind-Familie, die natürlich ebenso akzeptiert werden sollen wie alle anderen. Aber schon die Häufung von Begriffen, deren Bedeutung sich vielen Unbeteiligten nicht einmal erschließen dürfte, scheint hier und da Angst auszulösen – zumal in einer Zeit, da hergebrachte Geschlechterrollen und Familienbilder ja tatsächlich in Auflösung begriffen sind.

Genau dieses Unbehagen wird zum Baumaterial für die Verschwörungstheorie der Hedwig von Beverfoerde: „Es geht um eine Umerziehung der gesamten Gesellschaft, um die Auflösung von Ehe und Familie.“ Damit ist auch klar: Wer hier demonstriert, darf sich als potenzielles, aber tapfer sich wehrendes Opfer einer systematisch betriebenen „Indoktrination“ verstehen: „Wir werden bekämpft, mit allen Mitteln.“

So weit das Musterbeispiel aus dem Arsenal rechter Rhetorik. Wer die Hoffnung nicht aufgeben mag, diesem Weltbild mit Argumenten beizukommen, könnte auf die schlichte Tatsache verweisen, dass die Ideologie der Rechtsreaktionäre auf einer simplen Umkehrung der Machtverhältnisse beruht: Die Mehrheit wird zum Opfer, und die Diskriminierungsopfer, um die es eigentlich geht, erscheinen als mächtige, alles bestimmende Mehrheit. Ob es um die Verteidigung der klassischen Familie gegen ihre vermeintliche Bedrohung durch eine „Gender- und Sex-Agenda“ geht oder um die angebliche Bedrohung des „Volkes“ durch Zuwanderer – das Muster ist immer das gleiche. Und wenn liberale Politik es versäumt, ihre Anti-Diskriminierungs-Agenda auch den von Verlustängsten geplagten „Normalos“ nachvollziehbar zu erklären, ist der Weg zur „Demo für alle“ nicht weit.

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Dass es eine Demo für alles Mögliche ist, aber sicher nicht für alle, fällt den versammelten Gleichgesinnten dann gar nicht mehr auf. Dabei ist eigentlich nicht zu übersehen, dass Beverfoerde & Co. genau das tun, was sie den Kämpfern für Gleichberechtigung unterstellen: Sie maßen sich an, eine bestimmte Lebensform als einzig „natürliche“ absolut zu setzen und über alle anderen zu stellen.

Die zentrale These ist auf der Homepage von „Demo für alle“ in einem Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel zu lesen: „Es ist unsere Natur, dass der Mensch aus dem Liebesakt eines Mannes mit einer Frau gezeugt wird. Den verbindlichen Rahmen dafür bietet seit jeher die Ehe. Das Wesen der Ehe als Lebensbund zwischen Mann und Frau ist nicht von menschlichen Gesetzgebern erfunden, sondern vorstaatlich und kann weder von Parlamenten noch vom Zeitgeist verändert werden.“

Richtig daran ist zweifellos, dass „der Mensch aus dem Liebesakt eines Mannes mit einer Frau gezeugt wird“, von neueren Entwicklungen im Reagenzglas einmal abgesehen. Ob die Vermutung, dass dieser „Akt“ in der Regel mit „Liebe“ verbunden sei, immer zutrifft, kann dahingestellt bleiben – sie ist immerhin romantisch. Aber die für die Ideologie der Eheschützer fundamentale Idee, dass die Vater-Mutter-Ehe „seit jeher“ den „verbindlichen Rahmen“ dieses Liebesakts bilde, hat mit der historischen Realität so gut wie nichts zu tun.

Luther sah in der Ehe kein Ideal

Den Retterinnen und Rettern des christlichen Abendlandes müsste schon ein Blick in die kirchliche Publizistik genügen, um ihren Irrtum zu erkennen. So schreibt zum Beispiel Godwin Lämmermann, als evangelischer Pfarrer und emeritierter Theologieprofessor unchristlicher Umtriebe unverdächtig, auf dem Portal evangelisch.de: „Je mehr die monogame, heterosexuell orientierte, lebenslange Ehe in die Krise gerät, umso stärker wächst die Anzahl ihrer – oft fundamentalistischen, evangelikalen oder konservativen – Verteidiger. (…) Doch die Ehe war im frühen Christentum durchaus kein Ideal. Bekanntlich war es für den vermutlich selbst unverheirateten Apostel Paulus besser, nicht verheiratet zu sein als verheiratet zu sein; nur zur Eindämmung von Unzucht sei die Ehe eine Hilfskonstruktion.“

Lämmermann weiter: „Schon Martin Luther sah im Ehestand – entgegen langlebiger Legenden – kein Ideal, sondern einen von Gott verordneten Hemmschuh gegen Hurerei und Unkeuschheit. Selbst die hoch gehaltene Einehe ist keine Entwicklung, die der Einzigartigkeit der Liebe zweier Menschen entsprungen ist; vielmehr trat sie ihren Siegeszug aus erbrechtlichen Gründen an (…) – und wo Liebe in der Ehe entstand, war das ein erfreulicher Nebeneffekt, der problematisch wurde, wenn politische oder ökonomische Gründe eine Ehescheidung notwendig machten.“

Und schließlich: „Auch mit der ,ehelichen Treue‘ ist es, zumindest historisch gesehen, nicht allzu weit her. Außereheliche Beziehungen galten bis weit in die Neuzeit hinein auch in der öffentlichen Meinung durchaus als normal und sie waren zumindest bis zum 17. Jahrhundert im Adel ein allgemeines Ideal; Mätressen waren teilweise hoch angesehen und einflussreich.“

Dass das ausgerechnet einer Hedwig Freifrau von Beverfoerde (geborene Freiin von Lüninck) entgangen ist, könnte einen fast erstaunen. Dass sie und ihre Gefolgsleute die heterosexuelle Familie mit Kindern für die ideale Lebensweise halten, ist ihnen natürlich nicht vorzuwerfen. Das Problem ist „nur“, dass sie diese Form der Ehe zum „seit jeher“ geltenden Naturgesetz erklären, um andere Lebensformen als minderwertig zu diskriminieren.

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