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Die Mythen der Rechten Die gespielte Unschuld der Rechten

Antidemokraten verstehen es meisterlich, sich als vermeintliche Tabubrecher zu inszenieren. Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn spricht im Interview über die gespielte Unschuld der Rechten und ihre nazistischen Traditionslinien.

Die Rechten faseln und hetzen und kommen damit durch. Foto: rtr

Herr Salzborn, in sozialen Medien kursieren vielfach absurdeste Theorien oder Falschmeldungen, die Vorurteile vermeintlich bestätigen – in letzter Zeit vor allem über Flüchtlinge. Warum teilen Menschen so etwas offenbar so gern?
Theorien haben einen Anspruch auf rationale Erklärung, solche Dinge nicht. Das Ziel ist ein ganz praktisches: Man will nicht wirklich die komplexe Welt verstehen, sondern einfach eine Bestätigung für das, was man glaubt, ohnehin schon zu wissen. Der durchschnittlichen User sucht in aller Regel nicht nach neuer Inspiration, sondern nach Bestätigung. Das hat einen multiplizierenden Effekt, der gigantisch sein kann. Denn wenn bestimmte Ressentiments, Vorurteile oder gar Lügen von Menschen geglaubt werden – nicht obwohl, sondern weil sie falsch sind –, werden sie auch immer weiter verbreitet. Im schlechtesten Sinne ist das genau das Gegenteil von Bildung.

Lohnt es sich da überhaupt zu diskutieren?
Ja und Nein. Das hängt davon ab, mit wem man es zu tun hat. Personen mit einem geschlossenen Weltbild, an die kommt man nicht ran, die sind aufklärungsresistent. Aber es gibt auch solche, die zufällig über so etwas stolpern. Die sind für Argumente vielleicht noch zugänglich. Letzten Endes muss man immer versuchen, zu argumentieren. Man muss sich als Vertreterin/Vertreter der Aufklärung immer auf den Standpunkt stellen, dass es überprüfbare Fakten gibt, die man rational belegen kann. Man kann dann nur hoffen, dass man es mit Personen zu tun hat, die dafür noch ansprechbar sind.

Sie haben sich ausführlich mit Antisemitismus befasst. Welche Denkweisen sind typisch für Menschen, die solchen Weltbildern anhängen?
Auffällig ist zunächst ein dichotomes Denken, also eine klare Trennung zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Es gibt dabei eine Abgrenzung zwischen gedachten Kollektiven. Das Weltbild unterstellt, dass die Menschen vor allem Teil solcher Großgruppen seien – nicht Subjekt, nicht Individuum. Diese Kollektive werden als einheitlich handelnd und denkend sowie in dauerhafter Feindstellung zu anderen Kollektiven vorgestellt. Wenn man dieses Weltbild nicht grundlegend in Frage stellt, ist man auch immer wieder in der Lage, scheinbare Bestätigungen zu finden. Denn kennzeichnend ist schließlich auch eine hermetische Abgeschlossenheit des Weltbildes. Es ist auf Widerspruchsfreiheit orientiert und lehnt jede Form von Ambivalenzen ab – und damit den Kern von Demokratie.

Gibt es da graduelle Unterschiede?
Wir haben alle Vorannahmen über Situationen oder Menschen, das ist auch erst einmal nicht problematisch. Wenn das zu einem Vorurteil wird, heißt das: Ein Mensch entwickelt eine Sicht auf eine soziale Situation, die vorgeprägt ist, aber durch Erfahrungen oder neue Informationen noch revidierbar sein kann. Das Vorurteil kann sich aber immer weiter schließen. Wenn ein Vorurteil zu einem Ressentiment geronnen ist, entscheidet nicht mehr die Realität, was richtig oder falsch ist, sondern der eigene Kopf, was die Realität sein soll.

Oft sickern rechte Begriffe in die öffentliche Diskussion ein. Wie funktioniert das?
Am deutlichsten lässt sich das am Schlagwort der „political correctness“ nachvollziehen. Das ist ein Begriff, der aus dem rechten Spektrum stammt und in den 90er Jahren als Kampagne lanciert wurde. Mittlerweile ist er soweit in die Öffentlichkeit eingesickert, dass niemand mehr bewusst wahrnimmt, dass es sich um einen rechten Kampfbegriff handelt. Das bleibt er aber, denn er behauptet ja, dass bestimmte Dinge nicht offen gesagt werden können. Das ist eine Fantasie. Es gibt niemanden, außer dem Strafrecht, der Menschen verbieten würde, etwas zu denken oder zu sagen. Wer den Begriff verwendet, auch ohne rechte Absicht, bedient damit ein Denksystem, das solche Verbote unterstellt. Das öffnet die Tür für rechtes Denken. Denn wer erst einmal glaubt, dass es so etwas wie Meinungskontrolle gibt, ist nicht weit entfernt davon, zu fragen, wer dahinter steckt. Der nächste Schritt führt dann zu rechtsextremen und vor allem antisemitischen Antworten.

Wie ist das mit Begriffen aus dem Nationalsozialismus, zum Beispiel dem der „Volksgemeinschaft“, der etwa von der AfD wieder in den Umlauf gebracht wird?
Der Begriff der Volksgemeinschaft ist ohne jeden Zweifel ein nationalsozialistischer Begriff. Das kann man mit relativ wenig historischem Wissen schon erkennen. Selbst wenn man das nicht weiß – und das ist eine beliebte Strategie von rechten Agitatoren, sich naiv zu machen – ist der Begriff durch und durch belastet von einem Denken in Kollektiven. Das sieht man am Begriff des Volkes, das als homogen gedacht wird, im Gegensatz zum westlichen Begriff der Nation, der sehr viel offener ist. Gemeinschaft ist der Gegenbegriff zur Gesellschaft: Die offene Gesellschaft, in der Austausch, Dialog und auch Streit möglich und gewünscht sind, steht im Gegensatz zur Gemeinschaft, in der das nicht gewollt ist. Da soll es intern keine Streitigkeiten geben, alle Ambivalenzen sollen zerstört sein. Der Begriff ist also völlig untragbar.

Warum fällt es manchen schwer, solche Begriffe zu erkennen?
Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ist politisch und wissenschaftlich sehr umfangreich erfolgt. Gleichwohl ist innerhalb der Familiengeschichten der Nationalsozialismus nach wie vor ein Bereich, der viel zu wenig aufgearbeitet und reflektiert wird. Was ist mit den eigenen Groß- oder Urgroßeltern? Wie verstrickt waren sie? Wenn man sich solche Fragen nicht stellt, dann verdrängt man auch, dass es bestimmte Begriffe gibt, die objektiv in einem bestimmten Spektrum verwurzelt sind.

Sie haben diese „Naivität“ als rhetorische Strategie benannt. Rechte inszenieren sich oft als Tabubrecher – von Sarrazin bis Pegida. Warum eigentlich?
Wir kennen das Phänomen aus der Antisemitismusforschung: Viele Antisemiten stellen sich als Tabubrecher dar. Die deutsche Geschichte ist aber voll von Antisemitismus, sowohl in der Politik als auch in den Medien. Das Tabu war also nie da, der Wunsch es zu brechen dagegen stets. Als vermeintlicher Tabubrecher kann man sich selbst als besonders wagemutige, heldenhafte Person darstellen. Es gibt aber relativ wenige Themen in der öffentlichen Diskussion, die tatsächlich tabuisiert sind – und politische sind eigentlich nicht darunter. Diese Inszenierung ist letztlich eine Offenlegung der eigenen Schwäche. Das zeigt eine enorme Infantilität, sich so darstellen zu müssen, statt einfach Argumente in Debatten einzubringen. Eine sehr kindliches Verhalten, das eigentlich den Personen peinlich sein müsste, wenn sie eine entsprechende Realitätskontrolle hätten.

Beobachten Sie derzeit eine Verrohung des Diskurses?
Ich glaube man sollte nicht von einem einzigen Diskurs sprechen, sondern genau hinsehen. Über die Art der Diskussion in Politik und Medien kann man sich weit weniger beklagen als bei den Debatten zu Flüchtlingen und Rassismus Anfang der 90er. Da gibt es einen sensibleren Umgang – zumindest in der Tendenz. Die empirische Sozialforschung sagt uns seit Jahrzehnten, dass wir in der deutschen Gesellschaft kontinuierlich einen Anteil von etwa einem Fünftel Rassisten und Antisemiten haben. Die hört man mittlerweile eben viel lauter, auch weil es soziale Netzwerke vor 20 Jahren noch nicht gab. Das nimmt Formen an, die für Demokratinnen und Demokraten unerträglich sind, aber auf der anderen Seite heißt das auch, dass wir das Problem klarer sehen.

Diese Stimmen werden lauter, obwohl sie zugleich der „Lügenpresse“ vorwerfen, sie zu verschweigen.
Ja, dieser Teil der Gesellschaft verschafft sich entgegen der eigenen Vorurteile viel mehr Gehör. Das ist ja das Paradoxe: Die NS-Terminologie von der „Lügenpresse“ wird verwendet und gleichzeitig gelingt es diesen Leuten in exorbitanter Weise ihre Positionen öffentlich zu artikulieren. Das zeigt wie unsinnig diese Unterstellung faktisch ist.

Löst die erhöhte Präsenz solcher Positionen einen Schneeballeffekt aus?
Dadurch dass man merkt, es gibt noch andere, die ähnliche Positionen vertreten, fühlt man sich bestärkt. Das schafft zunächst einmal eine virtuelle Gemeinschaft der Antidemokraten, die aber auch real wird, etwa bei solchen Demonstrationen wie denen der Pegida. Das führt auch dazu, dass Menschen eher entsprechend handeln.

Was wäre zu tun gegen das von Ihnen erwähnte Fünftel der Gesellschaft, das antidemokratisch denkt, wenn Argumentieren nicht funktioniert?
Ich bin davon überzeugt, dass es keine Alternative zur Aufklärung gibt, dass man aus Sicht der Demokratie immer an Rationalität und Aufklärung festhalten muss – samt Pluralität und Streithaftigkeit. Das scheint mir unhintergehbar. Was das im Umgang mit diesen 20 Prozent der Gesellschaft heißt, ist unterschiedlich. Es ist einerseits eine Bankrotterklärung weiter Teile der Konzepte in Pädagogik und Sozialarbeit. Da gibt es viel zu viel Verständnis, zu viel Entgegenkommen für rechtsextreme und rassistische Positionen.

Gibt es andere Ansätze?
Mir scheinen Ansätze antirassistischer Bildungsarbeit vielversprechender – also eine Orientierung auf die Opfer und auf eine klare Konfrontation gegen rassistische Positionen. Andererseits gibt es viele Möglichkeiten, gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus strafrechtlich vorzugehen. Der rechtliche Rahmen ist da. Nur gibt es offenbar Hemmschwellen, den auch zu nutzen. Da wäre zu überlegen, wie man die Sensibilität der Polizei und der Behörden erhöhen könnte – etwa durch andere Inhalte in der Ausbildung. Gerade denen mit geschlossenem Weltbild, die für Aufklärung nicht erreichbar sind, muss man zeigen: Demokratie und Rechtsstaat sind wehrhaft.

Interview: Martín Steinhagen

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