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Die Mythen der Rechten Bösartiges Spiel mit der Statistik

Für die Rechten steht fest, wer Schuld trägt an der kolportierten „Vergewaltigungsepidemie“ in Schweden trägt: die Multi-Kulti-Gesellschaft und die mit ihr eingewanderten Migranten muslimischen Glaubens.

A police officer keeps guard as migrants arrive at Hyllie station outside Malmo
A police officer keeps guard as migrants arrive at Hyllie station outside Malmo, Sweden. Picture taken November 19, 2015. REUTERS/Johan Nilsson/TT NEWS AGENCY ATTENTION EDITORS - THIS IMAGE WAS PROVIDED BY A THIRD PARTY. FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. THIS PICTURE IS DISTRIBUTED EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS. SWEDEN OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN SWEDEN. NO COMMERCIAL SALES. - RTX24DEM n Foto: © TT News Agency / Reuters (X02350)

Wenn rechte Publizisten nach einem Beleg für das Scheitern einer „multikulturellen Gesellschaft“ suchen, ist ihnen das Beispiel Schweden schnell zur Hand. Seit mindestens sechs Jahren steigt dort wahlweise die Zahl der Vergewaltigungen „rapide“ (Junge Freiheit), wird es von einer „Vergewaltigungsepidemie“ überrollt (Fjordman), oder es entwickelt sich zur „Vergewaltigungsmetropole des Westens“ (Gatestone-Institut).

Als Beleg führen alle einschlägigen Publikationen die auffällig hohe Vergewaltigungsquote an. Und natürlich steht für rechte Blogs und Blätter auch fest, wer verantwortlich ist: muslimische Zuwanderer. Ein Narrativ, das neue Nahrung durch Berichte erhielt, die schwedische Polizei habe bei mehreren Fällen von sexualisierter Gewalt durch Asylbewerber deren Herkunft nicht öffentlich gemacht.

Anderer Rechtsbegriff

Tatsächlich ist die Rate der polizeilich gemeldeten Vergewaltigungen in Schweden auffällig hoch. 2014 dürfte sie nach der Eingangsstatistik des Nationalen Rats zur Kriminalitätsprävention bei 69 Fällen auf 100 000 Einwohner liegen. Ein unverändert hoher Wert, der Schweden wie bereits seit gut einer Dekade regelmäßig Spitzenplätze in entsprechenden internationalen Vergleichsstudien beschert. Auch die rund 6700 gemeldeten Vergewaltigungen 2014 wirken angesichts der Einwohnerzahl von zehn Millionen überproportional hoch. Zum Vergleich: Laut polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) wurden in Deutschland mit seinen knapp 80 Millionen Einwohnern im selben Zeitraum 7345 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung zur Anzeige gebracht.

Das Zahlenmaterial dient in der rechten Publizistik und insbesondere in den sozialen Netzwerken als Grundlage für ein Schauermärchen. Das liberale Schweden, das sich vor vier Jahrzehnten bewusst dazu entschloss, ein Einwanderungsland zu werden, erlebe einen „Multi-Kulti-Alptraum“, in dem weiße, schwedische Frauen zum Freiwild für vorwiegend muslimische Zuwanderer geworden seien.

Es ist ein perfides Spiel mit Zahlen, das keiner genaueren Überprüfung standhält. Der schwedische Kriminalitätspräventionsrat verweist darauf, dass Vergleiche mit anderen Rechtssystemen bestenfalls schwierig sind. Das liegt unter anderem daran, dass in Schweden – im Gegensatz zu Deutschland etwa – bei einer Anzeige jede Vergewaltigungshandlung einzeln gezählt wird. Wird beispielsweise eine Frau in einer Beziehung von ihrem Partner regelmäßig einmal die Woche vergewaltigt und bringt dies nach einem Jahr zur Anzeige, zählt die schwedische Statistik 52 Fälle von Vergewaltigung. Hinzu kommt, dass in Schweden die Definition des Rechtsbegriffs „Vergewaltigung“ weiter ausgelegt ist als in anderen Ländern und in den vergangen zehn Jahren noch zweimal erweitert wurde. Seit 2005 beispielsweise gelten auch Fälle als Vergewaltigung, in denen das Opfer bewusstlos war, seit 2013 auch Fälle, in denen das Opfer in den Geschlechtsverkehr einwilligte, um sich aus einer ausweglosen Situation zu befreien.

Migranten als Opfer ignoriert

Aus Sicht des Präventionsrates gibt die Polizeistatistik daher kaum Aufschluss über das eigentliche Kriminalitätsniveau. Verlässlicher – wenn auch ebenfalls fehleranfällig – seien die jedes Jahr durchgeführten Viktimisierungs-Befragungen mit bis zu 20 000 Teilnehmerinnen, bei denen die Befragten Auskunft darüber geben, ob sie Opfer einer Straftat wurden. 2013 hatten 2,4 Prozent der befragten Frauen angegeben, bereits einmal Opfer eines Sexualverbrechens geworden zu sein. Es war ein Höchststand. 2014 fiel der Anteil auf 1,8 Prozent. Über die letzten zehn Jahre lag er meist um die 1,5 Prozent.

Was die Täterschaft angeht, so erfasst die Polizei weder Nationalität, Ethnie noch Religion der Opfer. Frühere Untersuchungen zu der Thematik haben gezeigt, dass Migranten bei Straftaten im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung überrepräsentiert sind. Nach Aussagen des schwedischen Autoren Tino Sanandaji stellen Menschen der ersten und zweiten Auswanderergeneration die Mehrheit der wegen Mord, Raub und Vergewaltigung Inhaftierten.

Diese Überrepräsentation jedoch zeigt sich ebenso bei den Opfern und würde sich relativieren, sobald weitere sozio-ökonomische Faktoren wie Einkommen, Wohnort, Geschlecht oder Alter in Betracht gezogen werden, erläutert Hradilova Selin vom Kriminalitätspräventionsrat. Ihr Urteil über den Mythos von der „schwedischen Vergewaltigungsepidemie“ ist eindeutig: „Es gibt sie einfach nicht.“

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