Lade Inhalte...

„Merkel muss weg“-Demo in Hamburg Frauen an die Front

Zum dritten Mal fordern Demonstranten in Hamburg „Merkel muss weg“. Wer steckt überhaupt hinter der Demo und was ist das überhaupt für ein Slogan? Kommentar.

"Merkel muss weg"-Demo in Hamburg
Zum dritten Mal demonstrierten Merkel-Gegner in Hamburg - mit bekannten Parolen. Foto: dpa

„Merkel muss weg“ hieß es am vergangenen Montag zum dritten Mal in Folge in Hamburg, diesmal nicht am Jungfernstieg, sondern am Gänsemarkt. Unter großem Polizeiaufgebot protestierten rund 200 Leute gegen die „Merkel-Diktatur“: mit freundlicher Unterstützung von der AfD Hamburg-Nord und begleitet von rund 800 Gegendemonstranten.  

Begonnen hatte der rechte Spuk mit Uta Ogilvie, die auf ein altrosa Pappschild „Merkel muss weg“ pinselte und das als bürgerlichen Protest verstanden wissen wollte. Leider kam sie mit diesem Anliegen wenig glaubwürdig rüber, wie mehrere Youtube-Interviews mit dem rechten Maskulisten Oliver Flesch eindrucksvoll demonstrieren. Dort durfte Ogilvie im freundschaftlichen Plauderton mit Flesch unter anderem die Legende von einer Angela Merkel behaupten, die die Flüchtlinge gezielt nach Deutschland lotse: „Wenn man mich mit Geld irgendwo hin lockt, da gehe ich im Zweifel auch hin“, war einer der vielen Statements, die sie in der rechten Szene aufgeschnappt haben dürfte.

Dass ihr der ehemalige Türsteher Thomas Gardlo, dem eine Vergangenheit in der Neonazi-Szene nachgesagt wird, und der die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ im Kampfsport trainieren soll, als schützender Part an die Seite gestellt wurde, ist da nur das Tüpfelchen auf dem i.

Uta Ogilvie gab zwei Tage später ihren Rücktritt von der Demo-Organisation bekannt. Sie habe Angst um ihre Familie, nachdem es auf ihr Haus einen Farbanschlag gegeben hatte. Insbesondere von der Antifa fühle sie sich bedroht, die angeblich staatliche Unterstützung bekomme, „um zu solchen Demonstrationen zu gehen“. Dass sie aus einem mittlerweile legendären Satireartikel der taz aus dem Jahr 2015 zitiert, geschenkt, würde „ja nichts an den Fakten“ ändern, so Ogilvie auf Facebook, die mittlerweile zur „Wir sind Uta“-Märtyrerin hochgejazzt wird. 

Türsteherszene um Thomas Gardlo steht hinter der Demo

Interessant ist, dass Oliver Flesch sogleich ankündigte, die „Demonstration weiter laufen zu lassen“, und die Modellagentur-Chefin Jennifer Nathalie Gehse als neue Demoanmelderin installierte. Auch sie kommt aus dem direkten Umfeld von Flesch, machte aber noch vor ihrem ersten Auftritt als „Merkel muss weg“-Frontfrau einen Rückzieher. Sie habe Angst um ihre „physische Unversehrtheit“, wie aus ihrem Umfeld verlautet.

Doch fix schüttelte man die nächste Mitveranstalterin aus dem Ärmel, was die Frage aufwirft, warum die Herren stets eine Frau in die vorderste Reihe schicken. Laut Hamburger Abendblatt ist doch längst bekannt, dass die Türsteherszene um Thomas Gardlo hinter den Aufmärschen steckt. Scheint also, die Frauen dienten lediglich als Staffage, denn ein Oliver Flesch mit dem ehemaligen Bodyguard  von Roland Schill im Schlepptau dürfte selbst im Hamburger Konservativen-Milieu kaum einen Vertrauensvorschuss genießen. Denn tatsächlich wird mit den „Ogilvies“ der Pegida-Mief lediglich weggeschwindelt, was nicht nur die meist rechten Teilnehmer der Demo belegen.

„Merkel muss weg“ ist längst als Pegida-Slogan und rechte Phrase etabliert, weil er eben keine konkrete Merkel-Kritik übt, die diesen Namen verdiente. Vielmehr lässt er sich mit sämtlichen rechten Verschwörungstheorien, von der staatlichen Finanzierung der Antifa bis zur angeblich gewollten „Umvolkung“, füllen und markiert Merkel  als das Übel, dem es unterkomplexe Lösungen entgegenzustellen gilt. „Grenzen dicht“, ist nur eine von vielen, wobei aufgefallen sein müsste, dass die Grenzen längst dicht sind. Und Angela Merkel immer für eine Abschottungspolitik stand, was derjenige weiß, der sich mit der Materie beschäftigt, anstatt Hass-Posts unter Flüchtlings-Selfies mit Merkel zu platzieren.

Ebenso wenig ist der deutsche Volkskörper in Gefahr, und würden das einmal alle zur Kenntnis nehmen, wäre auch das Gerede vom möglichen „Bürgerkrieg“ obsolet.

„Merkel muss weg“ ist  entsprechend nichts anderes als der Ruf nach einer neuen kultur-politischen Deutungshoheit. Es ist eine Mobilmachung, die einen gesellschaftlichen Solidaritätsvertrag auch in Bezug auf Minderheiten komplett abzuschaffen und durch einen Germany-first-Nationalismus abzulösen gedenkt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen