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Leitartikel zu "Politically Incorrect" Wo das Netz stinkt

Auf der Internetseite Politically Incorrect finden sich Menschen zusammen, die einen Kreuzzug gegen den Islam führen. Dagegen hilft nur eine kritische Öffentlichkeit.

22.09.2011 17:39
Uwe Vorkötter
Foto: dpa

Auf der Internetseite Politically Incorrect finden sich Menschen zusammen, die einen Kreuzzug gegen den Islam führen. Dagegen hilft nur eine kritische Öffentlichkeit.

Es gibt nichts, was es im Internet nicht gibt: Nachrichten aus dem Regierungsviertel, aus der deutschen Provinz und aus dem Kosmos der Hollywood-Sternchen, Vergleichsrechner zum Auffinden der günstigsten Lebensversicherung oder des billigsten Begräbnisses, Videos und Musikdateien mit den neuesten (und natürlich auch den ältesten) Popsongs, ungefähr 1,07 Millionen (!) Rezepte für Spaghetti Bolognese, Doktorarbeiten zum Abschreiben, Partner zum Flirten oder zum Tauschen, Freunde auf Facebook, ein unendliches Geschnatter über alles und jedes bei Twitter ... Das Netz ist so bunt wie das Leben, so vielfältig wie die Gesellschaft.

Wie das reale Leben und die Gesellschaft auch, hat das Internet seine dreckigen und stinkenden Ecken. Es ist ein Tummelplatz für Kriminelle, für Betrüger und Abzocker aller Art. Es steckt voller Pornografie, es hält die übelsten Killerspiele für Halbwüchsige bereit – und es bietet eine Plattform für politische Extremisten jeglicher Couleur.

Über eine der vielen Schmuddelecken des weltweiten Netzes haben wir in den vergangenen zwei Wochen ausführlich berichtet: Unter dem Namen „Politically Incorrect“ finden sich Menschen zusammen, die einen Kreuzzug gegen den Islam führen. Sie sehen sich selbst als aufrechte Konservative, die im Gegensatz zur Politik und zu den etablierten Medien die Dinge beim Namen nennen.

In diesem und ähnlichen Foren bewegen sich rechte Intellektuelle, die eine ernsthafte Debatte über Islam und Christentum, über Kirchen und Ideologien führen wollen. Es sind zugleich Hetzer darunter, die geifernd und vulgär gegen alle zu Felde ziehen, die nicht Müller oder Meier heißen, sondern zum Beispiel Kiyak. Unsere Kolumnistin Mely Kiyak in diesem Netzwerk wüst beleidigt und beschimpft worden, wir haben den Fall dokumentiert.

Es geht nicht immer so handfest zu. Etwa, wenn auf den Seiten der „Islamkritiker“ über Mesut Özil geschrieben wird. Allen Ernstes wird dort diskutiert, ob Özil – in Gelsenkirchen geboren, deutscher Nationalität, bei Schalke 04 und Werder Bremen als Fußballer groß geworden – in der deutschen Nationalmannschaft spielen darf, wo er doch „Mohammedaner“ ist. Die Diffamierung kommt bisweilen plump daher, manchmal subtil. Es bleibt eine Diffamierung: der Andersdenkenden, der anders Aussehenden, der Andersgläubigen.

Was tun dagegen? Verbieten! Der Ruf ertönt, sobald im Netz etwas Anstößiges auftaucht. Recht und Gesetz müssen auch im Internet gelten, sagt zum Beispiel unser Innenminister Hans-Peter Friedrich von der CSU. Wer wollte dem etwas entgegensetzen? Niemand? Doch, die Piraten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ein einfacher Grundsatz - und wie wir ihm zum Durchbruch verhelfen können.

Die Piraten feiern gerade ihren strahlenden Wahlsieg in Berlin, und sie geben eine ganz andere Antwort: Verbot ist Zensur! Egal was verboten wird: Rechtsextremismus, Linksextremismus, Kinderpornographie. Das Netz ist frei, also frei von Regeln, frei von Grenzen. Aus gutem Grund feiern wir diese Freiheit, wenn sie chinesischen Dissidenten dient, oder syrischen Oppositionellen. Aber der Islamhasser von „Politically Incorrect“ ist deshalb noch kein Freiheitskämpfer, der Hassprediger von der anderen Seite übrigens auch nicht.

John Stuart Mill, der große Philosoph des 19. Jahrhunderts und radikale Verfechter der Meinungs- und Gedankenfreiheit, kannte das Internet nicht. Seine Regeln, angewandt auf die virtuelle Welt, sind gleichwohl von durchschlagender Überzeugungskraft. Jeder, so postulierte es der liberale Denker, darf sagen und publizieren, was er will. Er darf sogar Fakten unterdrücken, Beweise fälschen, seine Gegner grob attackieren. Denn in der öffentlichen Debatte wird die Wahrheit ohnehin ans Licht kommen. Aber: „Die Freiheit des Einzelnen darf sich nicht zu einer Belästigung für Andere entwickeln.“ Soweit der einfache Grundsatz. Dem müssen wir jetzt nur noch zum Durchbruch verhelfen.

Das ist ohnehin schwierig, aber im Internet erst recht. Schon weil diejenigen, die dort Andere – vorsichtig gesagt – belästigen, nicht mit ihrem Namen und ihrem Gesicht dafür einstehen; sie verbergen sich hinter Fantasienamen. In der alten Welt gilt diese Art der Maskerade als feige. In der neuen, digitalen Welt gilt das leider als Normalform der öffentlichen Kommunikation. Hinzu kommt, dass diejenigen, die die technische Infrastruktur bereitstellen, jederzeit ins Ausland ausweichen können, wenn ihnen die deutschen Behörden das Leben schwer machen. Insofern kann der Innenminister nach Recht und Gesetz rufen, durchsetzen kann er es nicht.

Gegen Schmutz und Schund hilft folglich nicht die Polizei, jedenfalls nicht allein. Dagegen hilft nur eine kritische Öffentlichkeit, die ihre Scheinwerfer in die dunklen Ecken des Netzes richtet. Damit die Feigen, die Verleumder und die Scheinheiligen sich dort nicht zu allzu bequem einrichten können. Wir werden sie weiter stören.

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