Lade Inhalte...

Köthen Menschen voller Hass auf Flüchtlinge, Wut und Vorurteile

In Köthen zeigt sich einmal mehr, dass manche Menschen Gerüchten mehr vertrauen als offiziellen Informationen.

Blumen und Kerzen am Tatort in Köthen
Am Tatort: Blumen und Kerzen für den getöteten Markus B. in Köthen. Foto: dpa

Trauer herrscht auch in der Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe in Köthen, denn hier hat Markus B. gearbeitet. Holger Schiedewitz, Geschäftsführer der gGmbH, beschreibt den Verstorbenen als unauffällig und umgänglich. Nach der Schule habe Markus B. bei der Lebenshilfe am sogenannten Berufsbildungsbereich teilgenommen, so Schiedewitz. Später habe der junge Mann dann im Bereich Möbelmontage gearbeitet. „Es lief alles ganz normal. Man könnte nichts Negatives über ihn sagen“, so der Geschäftsführer weiter. Markus B. habe ordentliche Arbeit geleistet und sei mit seinen Kollegen gut ausgekommen. „Wir werden ihn auf Arbeit auf jeden Fall vermissen.“ Für Kollegen von Markus B., die die Vorfälle besonders belasteten, stehe bei der Lebenshilfe der Soziale Dienst zur Unterstützung bereit.

Markus B. hat die Angelika-Hartmann-Schule in Köthen besucht, eine Förderschule für Geistigbehinderte. „Er war ein angenehmer und verlässlicher Schüler“, erinnert sich eine Lehrerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Seine Mitschüler hätten ihn geschätzt. Der Junge sei selbstständig und sozial gewesen, aber nicht immer einfach.

Man wartet auf ein Zeichen der Asylbewerber

Zur Stimmungslage gehört auch die Diskussion darüber, ob von den hier lebenden Asylbewerbern und Flüchtlingen angesichts des schrecklichen Vorfalls am Sonntag nicht ein Zeichen hätte kommen müssen, ein Signal nach dem Motto: „Diese beiden Verbrecher gehören nicht zu uns“, wie es in einem Facebook-Post heißt. Man selbst habe den Leuten geraten, zu Hause zu bleiben, schreibt Pfarrer Martin Olejnicki als Antwort darauf, eben weil man seitens der Polizei Hinweise auf gewaltbereite Rechte in der Stadt erhalten habe.

Diskutiert wird auch der vermeintliche Tathergang am späten Samstagabend, nicht zuletzt unter dem Aspekt, dass die beiden Afghanen, die der Tat dringend verdächtig sind, offensichtlich nicht zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Der 18-Jährige hat, so lange er noch ein unbegleiteter minderjähriger Ausländer (Uma) war, in einer kirchlichen Einrichtung in Köthen gewohnt, der andere, der zwei Jahre älter ist, hat seine Uma-Zeit ebenfalls unter Betreuung der Kirche verbracht. „Beide“, so sagt Diane Gardyan, Leiterin des Amtes für Ausländerangelegenheiten beim Landkreis Anhalt-Bitterfeld, „sind schon auffällig geworden. Was wir dazu haben, ist nicht abschließend, vieles ist noch offen.“

Kein zweites Chemnitz

Die beiden Afghanen, die sich in Polizeigewahrsam befinden, wurden zunächst als Jugendliche von den Mitarbeitern der jeweiligen Einrichtung betreut. In der Einrichtung, in der der heute 20-Jährige nach seiner Ankunft in Köthen untergebracht war, hat der Heimleiter auf Anfrage keine rechte Erinnerung an den jungen Mann, in der zweiten Einrichtung war der Heimleiter außer Haus, eine Antwort auf die Anfrage der Redaktion blieb unbeantwortet. Der Mangel an Information verstellt den in diesem Fall besonders interessanten Blick auf die Vorgeschichte der Tragödie.

Geprägt ist die Stimmung in der Stadt aber auch davon, dass man möglichst wenig Angriffspunkte dafür liefern will, dass sich Köthen in ein zweites Chemnitz verwandeln könnte. Am Sonntagnachmittag hatte man in der Jakobskirche zu einer Trauerveranstaltung eingeladen, auf der der Oberbürgermeister und Kirchenvertreter unisono deutlich gemacht hatten, dass es darum gehen müsse, sich in der Trauer um den Toten nicht fremdbestimmen zu lassen und die Gemeinschaft zu bewahren. Beim Friedensgebet in St. Jakob am Montagabend, an dem Ministerpräsident Reiner Haseloff teilnahm, fasste Pfarrer Olejnicki die Gefühle zusammen, die Stadt und Bürger derzeit bewegen: „Wenn man durch die Stadt geht, spürt man Trauer, Entsetzen und Sorge. Trauer über den Tod eines erst 22-jährigen Mannes; Entsetzen darüber, wie Gewalt in unserer Mitte eskalieren kann; Sorge vor dem, was in den nächsten Tagen passieren könnte.“ 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen