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„Kampf der Nibelungen“ Eine Mischung aus Nazis, Rockern und Hooligans

Neonazis trainieren bei organisierten Prügelorgien für den erhofften „Endkampf der Kulturen“. Ein paar von ihnen verdienen dabei auch prächtig.

„Der Burgundenuntergang“
„Der Burgundenuntergang“ im Nibelungenlied. Farbdruck aus „Urväterhort, Die Heldensagen der Germanen“ von 1904. Foto: dpa

Der „Kampf der Nibelungen“ hat die Sicherheitsbehörden in Nordrhein-Westfalen kalt erwischt. Am Mittag des 14. Oktober füllten sich plötzlich die Straßen von Kirchhundem mit muskelbepackten Männern. Gleich in Gruppen waren sie aus ganz Deutschland und sogar Osteuropa angereist, um bei einem Kampfsport-Event in der Schützenhalle der kleinen sauerländischen Gemeinde am Rothaarsteig mit Vollkontakt aufeinander einzuprügeln. Veranstaltet wurde das Treffen laut Verfassungsschutz vom Dortmunder Neonazi Alexander Deptolla. Die überrumpelten Einwohner rieten einander per Whatsapp besser zu Hause zu bleiben. „Es gab keine Vorwarnung, wir wurden überrascht“, sagt Bürgermeister Andreas Reinery.

Konspirative Planung der Nazis

Die NRW-Behörden hatten es offenbar nicht geschafft, die richtigen Quellen anzuzapfen. „Veranstaltungen wie ‚Kampf der Nibelungen‘ oder rechtsextremistische Konzerte werden in den letzten Jahren immer konspirativer geplant und vorbereitet“, antwortete das Innenministerium auf eine kleine Anfrage der Grünen im Landtag. Bei der Überwachung der Szene würde man auf „Open-Source-Recherchen“ in Zeitungen, Internet und sozialen Netzwerken zurückgreifen. Doch öffentlich gemacht hatten die Nibelungen-Macher Details freilich nicht.

Beim „Kampf der Nibelungen“ (KDN) trifft sich ein explosives Gemisch: Neonazis, Rocker und rechtsextreme Fußballfans. Gekämpft wird in den Disziplinen K1 – eine Abwandlung des Kickboxens – und MMA (Mixed Martial Arts). Offen zugängliche Informationen über die Treffen sind rar. Es gehe darum, „in kameradschaftlicher Atmosphäre eine Veranstaltung alleine für Weiße zu organisieren“, ohne dass „Kulturfremde“ dabei stören, wie ein Teilnehmer im rechten Podcast Tremonia 2015 erklärte. Auf der offiziellen Homepage heißt es: „Der ,Kampf der Nibelungen‘ ist eine Kampfsportveranstaltung unter der Organisation und Beteiligung von jungen Deutschen, welche die Hingabe und die Begeisterung für ,ihren‘ Sport eint und welche sich nicht unter das Joch des vorherrschenden Mainstreams stellen wollen.“

Urtypen der NS-Träume

Die Kämpfer verbindet ein Ziel: Die Vorbereitung auf eine Art Endkampf der Kulturen, der in ihrer Vorstellung in absehbarer Zukunft auf der Straße ausgetragen wird. „In der heutigen Zeit ist es nun ja ganz offensichtlich, dass unser Volk mit dem Rücken zur Wand steht und wir alle uns Gedanken um unseren Fortbestand machen müssen“, sagte ein Kämpfer im Tremonia-Podcast. Deshalb müsse jeder etwas für seine Fitness tun. Es werde der Tag kommen, an dem „wir uns mit diesen ganzen multikulturellen Mitmenschen in einen Ring stellen müssen“.

Die rechtsextreme Szene besinnt sich schon seit einiger Zeit zurück auf einen nazistischen Urtypus: Gestählt, skrupellos und mit radikalem Körperbewusstsein. „Die Szene idealisiert eine soldatische Männlichkeit, den asketisch kämpfenden Herrenmenschen, wie er schon im Nationalsozialismus propagiert wurde“, fasst der Rechtsextremismus-Forscher Alexander Häusler von der Hochschule Düsseldorf zusammen.

Fünfmal schon wurde der KDN ausgetragen. Die beiden ersten Veranstaltungen fanden im rheinland-pfälzischen Vettelschoß statt, 2015 traf man sich in Hamm, 2016 im hessischen Gemünden und dieses Jahr nun im Sauerland. Und es nehmen immer mehr teil – waren es bei der Premiere noch 150, so traten in Kirchhundem schon 500 an.

„Diese Art von rechtsextremistischer Erlebniswelt steigert die Attraktivität der Szene für hypermaskuline Zielgruppen (Rocker und Hooligans), bestätigt subtil die ideologischen Überzeugungen und fördert die Vernetzung sowie den Zusammenhalt der Szene“, berichtet der NRW-Verfassungsschutz. Zudem würden solche Veranstaltungen Finanzmittel generieren, „die zumindest in Teilen in die Szene zurückfließen und zum Lebensunterhalt mancher Rechtsextremisten beitragen“.

Einer davon ist der Moskauer Neonazi, Hooligan und Kampfsportler Denis Nikitin. Seine Bekleidungsfirma „White Rex“ gehörte neben „Pride France II“ zu den Sponsoren der Nibelungen-Kämpfe im Sauerland. Nikitin soll im Oktober auch selbst nach Kirchhundem gereist sein, um das Marketing vor Ort zu steuern und seine Netzwerke zu pflegen.

Der Moskauer hat sich in den vergangenen Jahren vor allem in der rechten Szene von NRW einen Namen gemacht. In dem Bundesland soll er auch lange gelebt und dort die deutsche Sprache erlernt haben. Laut Verfassungsschutz ist er eng mit Neonazi-Kadern vernetzt und pflegt Verbindungen zur NPD. „Deutsche Neonazis orientieren sich an Osteuropa, weil sie in autokratischen Ländern wie Polen und Russland ihre nationalistischen Selbstinszenierungen nahezu ungestört ausleben können“, sagt Extremismus-Forscher Häusler.

Ultras in der ersten Reihe

Eines der wirtschaftlich wichtigsten Aktionsfelder für Nikitin aber ist der Fußball. In der gewaltbereiten Moskauer Szene ist er seit vielen Jahren eine Größe. Aber auch bei Hooligan- und Ultra-Gruppen des 1. FC Köln und von Borussia Dortmund ist er inzwischen etabliert. „Er ist in dieser Szene eine wichtige Netzwerkfigur“, bestätigt Robert Claus, Experte für Rechtsextremismus im Fußball. „Diese Gruppen sind für ihn nicht nur ideologisch, sondern auch wirtschaftlich interessant. Die Szene ist für ihn auch ein Absatzmarkt.“

Ultra-Gruppen vom 1. FC Köln und BVB

Nikitin selbst beschreibt das so: „Mit den Jungs aus Köln und Dortmund ist eine echte Männerfreundschaft entstanden. Uns verbinden die nationalistischen Ideen“, sagt er in einem Interview mit der ukrainischen Website „troublemakers“ Anfang des Jahres. Die Allianz der „Ackertruppen“ von BVB und FC ist angeblich bundesweit gefürchtet. „Sie sind inzwischen so mächtig, dass sich ihnen kaum noch jemand in den Weg zu stellen wagt“ – so war es noch im Sommer aus der Fan-Szene zu hören. Inzwischen soll es etwas ruhiger geworden sein.

Kämpfer und Unternehmer Nikitin mischt gerne auch selbst mit. Bei der Randale am Rande des Testspiels von Köln gegen Schalke 04 im Januar 2014 auf dem Kölner Rudolfplatz prügelte er neben Mitgliedern der Ultragruppierungen „Boyz“ und „Desperados“ angeblich in vorderster Reihe. „Es war ein geiler Tag. Die Schalker wollten selbst nicht auf den Acker, sondern wie früher in der Stadt kämpfen“, erinnert sich Nikitin in dem Interview.

Fußball spielt bei den Treffen abseits der Stadien aber offenbar keine Rolle mehr. „Die deutschen Gruppen haben sich längst von den Mannschaften abgenabelt und machen ihr eigenes Ding“, sagte Nikitin in dem Gespräch. „Sogar in Köln ist das Verständnis so, dass wir nicht für den Verein, sondern für unsere und die Dortmunder Jungs kämpfen. Wir kämpfen für unsere Stadt, unsere Region.“

Auch in Nikitins Freundesliste auf Facebook finden sich zahlreiche Kölner. Die Kontakte offenbaren seine Verbindungen ins Milieu: Türsteher und Szenegrößen wie der Inhaber der Kneipe „Grünes Eck“, Treffpunkt von Rockern und rechten FC-Fans am Friesenwall.

Nikitin arbeite daran, den KND auch in Deutschland zu professionalisieren, sagt Experte Claus. In Russland strömen inzwischen mehrere Tausend Menschen in die Hallen, um sich die Prügeleien der Neonazis anzuschauen. Ärger mit den Behörden habe er dort nun auch nicht mehr. „Irgendwann haben die aufgehört, uns zu jagen.“

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