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Identitäre Bewegung Identitärer Bilderkampf

Mit einem von Spendengeldern finanzierten Schiff will die Identitäre Bewegung Stimmung gegen die Flüchtlingsrettung machen. Die visuelle Inszenierung solcher Aktionen spielt dabei eine zentrale Rolle.

Mittelmeer
Identitäre wollen sich auf dem Mittelmeer in Szene setzen. Foto: imago

„Defend Europe“ ist der neueste Coup der Identitären Bewegung unter dem österreichischen Chefstrategen Martin Sellner. Mit einem von Spendengeldern finanzierten Schiff gedenkt der als rechtsextrem eingestufte Verein, NGOs auf dem Mittelmeer zu „konfrontieren (…), um das Unrecht dort zu beenden, wo (...), Migranten das Seerecht beinhart ausnutzen und (...) Europa illegal fluten“, wie Sellner auf Facebook am 5. Juni formulierte. (Die FR kommentierte)

Vor einigen Wochen noch hatte er in einem Video um ein Schiff für seine Kampfaktion geworben; es liege an der negativen Berichterstattung, dass keiner das notwendige Equipment zu verleihen bereit sei. Jetzt vermelden die Identitären Vollzug.

Man wolle ja „niemanden am Retten hindern,…, aber das illegale Eindringen in libysche Küstengewässer, …, wird (für die NGOs) schwieriger werden“. Für die Identitären sei neben dem „Dokumentieren und Aufdecken,…, das Zerstören und Versenken der zurückgelassenen Migrantenschiffe“ vorrangiges Ziel: „Zum Ärger aller Linken und Globalisten, …. Es wäre doch richtig geil, wenn auf diesem Schiff eine Lambda-Fahne in der Seebrise flattern würde“ (Sellner, FB, 26. Juni).

Was die Identitären unter „Dokumentieren und Aufdecken“ verstehen, wird sich zeigen; in einem Werbevideo verkleiden sie ihre Aktion schon mal als „Rettung von Europa und Menschenleben“. Da es ihnen generell um den „Erhalt der ethnokulturellen Identität“ geht, wie auf ihrer Webseite formuliert, kann maximal von der Rettung ihres völkischen Identitätsgedankens die Rede sein, dem ein Multikulturalismus widerspricht. Entsprechend muss jeder Migrant, der über das Mittelmeer nach Europa einzureisen versucht, für sie wirken wie ein Fleck auf der weißen ethnisch-kulturellen Weste, den es zu bekämpfen gilt.

Politischer Kampf mit Bildern und Lifestyle

Die „reine“ Ethnie dürfte generell der Antriebsmotor sein für ihren Kampf, der nicht ohne Bilder auskommt, die medial und in den Köpfen haften bleiben. Wenn beispielsweise ca. 15 Aktivisten das Brandenburger Tor besteigen, zählt einzig die Identitären-Flagge auf dem symbolträchtigsten Bauwerk Berlins. Kurze Zeit später ist der Spuk vorbei, doch das Bild ist im Kasten und transportiert die scheinbare Eroberung analog zum Stürmer, der auf dem Gipfel seine Flagge hisst. ‚Wir haben euch bezwungen‘, soll das suggerieren, auch wenn die rechten Hipster hinterher brav ihre Personalien bei der Polizei abgeben.

Auf ihre Bildfixierung verweisen auch die Dresscodes vor jedem Aufmarsch: Erwartet werde ein „gepflegten Erscheinungsbild. Wir wollen uns als eine attraktive und offene Jugendbewegung präsentieren“. Dafür braucht es vor allem ausreichend Frauen in den eigenen Reihen. Mit ihnen versprechen sie sich ein besseres Image und vor allem „Bilder von kulturellen Veranstaltungen mit jungen Menschen (Frauen), mit,…, positiver Ausstrahlung“ (Identitäre, Schwaben).

Es geht also um visuelle Inszenierungen, die den „Revoluzzer“ als identifikationsstiftend anbieten, aber trotzdem harmlos genug daherkommen, um dem jugendlichen Mainstream genügend Andockmöglichkeiten zu bieten. Ein Schiff mit der Lambda-Fahne auf dem Mittelmeer dürfte insofern noch ins inszenatorische Muster passen, als dass sich möglicherweise das Gelb der Flagge reizvoll mit dem Himmelblau in Szene setzen lässt.

Geschickte Inszenierung „David gegen Goliath“

Im Kleinen zu Wasser geübt hatte eine „identitäre“ Delegation bereits im Mai dieses Jahres: Vor Catania blockierten sie kurzzeitig die „Aquarius“ der Hilfsorganisation „SOS Mediterrane“ und stellten anschließend ein schickes Video ins Netz: Mit dramatischer Musikuntermalung, die auch den finalen Kampf eines Blockbusters einläuten könnte, tuckert ein kleines Motorboot Richtung „Aquarius“. Die Lambda-Flagge ist unter Einsatz eines Bengalos richtig in Szene gesetzt, die Bilder teils in rot getaucht, als ginge es gerade um Leben und Tod. Die Hafenbehörde hatte dem Spuk fix ein Ende gemacht, doch haften bleibt die in Nebel getauchte Fahne der Kämpfer gegen den übermächtigen Gegner.

Es ist diese Inszenierung von „David gegen Goliath“, die auch Sellner gebraucht, wenn er sein Budget mit dem der als „kriminell“ diskreditierten NGOs vergleicht. Ziemlich erfolgreich, denn sämtliche Kosten für „Defend Europe“ werden über eine groß angelegte Spendenkampagne finanziert, wobei die Geldspenden von „Jana, Patrick, Pierre, Enrico“ (Sellner), also der jugendlichen Anhängerschaft, nicht ausreichen dürften. Möglicherweise lassen hier finanzstarke rechtsextreme Kräfte für ein bildgewaltiges „Schiffe versenken“ einige Euro springen, denen das Kriegsspielen auf dem Rechner längst nicht mehr reicht und die im jugendlich daher kommenden Sturmtrupp die entsprechende Staffage sehen.

Mögen die Identitären sich als die „Kleinen“ gebären, Fakt ist jedoch, dass sie gegen die Schwächsten zu Felde ziehen und dies als Heldentum verkaufen. Martin Sellners imaginierte „Lambda-Fahne in der Seebrise“ deutet zudem auf einen romantischen Nationalismus, der scheint‘ s verlorenes Terrain zurückzuerobern gedenkt. Um das zu erreichen, braucht er die Bilder. Dabei hat sein Verein im Mittelmeer außer Schnorcheln nichts verloren.

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