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Fall Oury Jalloh Vertuschungsmord durch Polizisten?

Der festgenommene Flüchtling Oury Jalloh könnte in seiner Zelle verbrannt worden sein, um von früheren Todesfällen abzulenken.

Brandanalyse Zellenbrand Oury Jalloh
Auch fast 13 Jahre nach Oury Jallohs Tod geben Angehörige und deren Unterstützer nicht auf und fordern restlose Aufklärung. Foto: dpa

Zwei Todesursachen hält der Ermittler für denkbar: Einen Hitzeschock, der auf das plötzliche Einatmen heißer Gase folgt. Oder einen Herztod aufgrund von Jallohs Drogenkonsum. Der 36-Jährige hatte laut Ärzten fast drei Promille Alkohol und Spuren von Kokain im Blut. Bittmanns Fazit zum Feuer in Zelle 5: „Da Oury Jalloh“ – an Händen und Füßen gefesselt – „über keinen Brandbeschleuniger verfügte und zudem in der letzten Minute seines Lebens physisch auch gar nicht in der Lage gewesen wäre, das Feuer selbst zu entfachen, setzen beide denkbaren Todesalternativen das Verursachen des Feuers von dritter Hand voraus.“

Nasenbeinbruch bei Jalloh festgestellt

Mit welchem Motiv sollten Polizisten den wehrlosen Jalloh in Brand stecken? Die Frage sei „offen“, schreibt Bittmann im Vermerk. Und zieht dennoch mögliche Verbindungen zu den Fällen Rose und Bichtemann: „Beide Todesfälle hatten zu Untersuchungen auch gegen Polizeibeamte geführt.“ Folgender Ablauf sei in Jallohs Todesnacht denkbar: Bei der Kontrolle von Zelle 5 „könnten Polizeibeamte auf die Ohnmacht Oury Jallohs aufmerksam geworden und sich daraufhin bewusst geworden sein, dass schwere Verletzungen oder gar das Versterben eines weiteren Häftlings neuerliche Untersuchungen auslösen würden“.

Nicht allein Jallohs mögliche Ohnmacht könnte Polizisten laut Bittmann erschreckt haben: Bei einer zweiten Obduktion der Brandleiche hatten Ärzte einen Nasenbeinbruch bei Jalloh festgestellt. Polizisten hatten später ausgesagt, der betrunkene Asylbewerber habe nach einer Festnahme im Revier an einem Tisch gesessen und seinen Kopf auf die Platte gestoßen. Bittmann zitiert dies aus Ermittlungsakten und vermerkt, „die Gesichtsverletzung dürfte geeignet gewesen sein, den Vorwurf einer Körperverletzung im Amt“ zu befürchten.

Bittmann hält es für plausibel, dass in Polizisten der Dienststelle in diesem Moment die Furcht vor internen Ermittlungen aufstieg – und die Angst, ältere Fälle könnten neu aufgerollt werden. „Diese Sorge mag zu dem Entschluss geführt haben, mit der Brandlegung alle Spuren zu verwischen, die den Vorwurf unterlassener Hilfeleistung gegen die diensthabenden Polizeibeamten begründen könnten.“ Ein äußerster schwerer Verdacht: Mord mit dem Motiv Verdeckung.

Wahrscheinlich Brandbeschleuniger im Spiel

Doch Bittmanns Vermerk blieb folgenlos, denn seine Behörde gab den Fall im Mai ab. Die Staatsanwaltschaft Halle übernahm: Nach dem aufrüttelnden Signal der Dessauer sollten die Halleschen Ermittler auf Geheiß der Naumburger Generalstaatsanwaltschaft ein endgültiges, unabhängiges Fazit ziehen – mit den alten und neuen Akten, allen Gutachten und Urteilen. Fünf Umzugskisten, die am 8. Juni eintrafen. Ergebnis: Die Ermittlungen wurden im Oktober eingestellt.

Dies hatte Halles Oberstaatsanwältin Heike Geyer zuletzt im Rechtsausschuss des Landtags verteidigt. Die Behörde sehe nach Sichtung aller Akten keinen Anfangsverdacht gegen Dritte.

Geyer widersprach im Ausschuss letztlich den Einschätzungen ihres Dessauer Kollegen. Sie erklärte, die Rechtsmediziner hätten aus ihrer Sicht keineswegs eindeutig widerlegt, dass Jalloh handlungsfähig war. Sie verwies auf die Rußpartikel in der Lunge des Toten. „Diese können nur dorthin gekommen sein, wenn die betreffende Person den Ruß eingeatmet hat.“ Die Logik: Wenn er noch lebte, könnte er auch Feuer entfacht haben. Ein Widerspruch zu Bittmann, der für die Abgeordneten im Ausschuss in diesem Moment nicht ohne weiteres erkennbar war: Zwar hatte sich auch Bittmann in seinem Vermerk mit den schwachen Rußspuren in der Lunge beschäftigt. Doch für ihn beweisen sie eher die versiegende Lebenskraft Jallohs: Bittmann zitiert Mediziner, für die das nicht mit einer Selbstentzündung zusammenpasst.

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