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Fall Oury Jalloh Vertuschungsmord durch Polizisten?

Der festgenommene Flüchtling Oury Jalloh könnte in seiner Zelle verbrannt worden sein, um von früheren Todesfällen abzulenken.

Brandanalyse Zellenbrand Oury Jalloh
Auch fast 13 Jahre nach Oury Jallohs Tod geben Angehörige und deren Unterstützer nicht auf und fordern restlose Aufklärung. Foto: dpa

Drei Männer, drei Festnahmen, drei Todesfälle in Dessau. Es beginnt in einer Nacht im Dezember 1997, als Hans-Jürgen Rose nach einer Alkoholfahrt von Polizisten aufgegriffen wird. Was im Revier passiert, bleibt unklar. Sicher ist: Kurz darauf wird der sterbende Mann wenige Häuser entfernt mit schweren inneren Verletzungen aufgefunden. Ein zweiter Fall, fünf Jahre später: Der obdachlose Mario Bichtemann wird in Zelle 5 des Dessauer Reviers eingesperrt. Als die Zellentür aufgeschlossen wird, liegt er mit einem Schädelbasisbruch tot auf dem Boden. Es bleibt nicht der letzte Todesfall in dieser Zelle. 2005 verbrennt genau dort ein gefesselter Asylbewerber aus Sierra Leone. Es ist Oury Jalloh. Er stirbt unter unklaren Umständen. So wie Rose und Bichtemann.

Wolfgangstraße 25, 06844 Dessau-Roßlau. Lassen hier Polizisten Menschen sterben? Es gibt diese schlimme Theorie schon seit Jahren. Die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ sprach 2015 von „mörderischen Umständen“ in der Polizeizentrale: „Fakt ist, dass mindestens drei Menschen auf bislang ungeklärte Weise im Polizeirevier Dessau-Roßlau ums Leben gekommen sind.“ Allen Todesfällen gemein seien die schweren Verletzungen der Männer „und der mehr als naheliegende Verdacht, dass im Dessauer Polizeirevier über Jahre hinweg Menschen gequält und getötet wurden“.

Chefermittler geht nicht von Selbstentzündung aus

Lange Zeit konnte dies als Verschwörungstheorie abgetan werden. Das ändert sich nun. Bislang unbekannt ist, dass auch der bis Mai zuständige Leitende Oberstaatsanwalt im Fall Oury Jalloh ganz offiziell mit dieser These arbeitete. Ein brisantes Detail in den bislang verschlossenen Akten zum Feuertod.

Nach Recherchen der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) ging der jahrelang zuständige Dessauer Oberstaatsanwalt Folker Bittmann in seinem Vermerk vom 4. April 2017 nicht nur von einem Tötungsdelikt „seitens garantenpflichtiger Polizeibeamter“ aus. Er verknüpfte diesen Verdacht auch mit den früheren Todesfällen Rose und Bichtemann. Das geht aus dem neunseitigen Dokument hervor, das der MZ in Kopie vorliegt. Darin fasst Bittmann die Erkenntnisse aus einem neuen Brandversuch von 2016 zusammen, der offene Fragen zum Feuerausbruch in Jallohs Zelle klären sollte. Das Ergebnis: Chefermittler Bittmann geht nicht mehr von Selbstentzündung, sondern Mord durch Polizisten aus.

In dem Abschlussdokument legt er Gründe dar: Nach Analysen beauftragter Mediziner „kann Oury Jalloh nicht mehr über die Handlungsfähigkeit verfügt haben, die es ihm erlaubt hätte, das Feuer selbst zu entzünden“. In zwei zurückliegenden Prozessen hatte dies kein Gericht so festgestellt. Als Beleg führt Bittmann zum einen an, dass der im Urin des Toten festgestellte Adrenalinspiegel „ein Erschrecken und Todesangst“ ausschließe. Jalloh hätte den Feuerausbruch also nicht bewusst erlebt. Zum anderen fand sich in seiner Lunge nur wenig Ruß – für die Ärzte ein Indiz, dass der Asylbewerber allerhöchstens noch eine Minute nach Brandausbruch lebte. Bittmann hält daher folgendes Szenario in der Zelle für am wahrscheinlichsten: „Oury Jalloh befand sich bereits in einem Zustand der Agonie, als er mit einer geringen Menge von Brandbeschleuniger bespritzt wurde, und verstarb spätestens unmittelbar nach Ausbruch des Feuers.“

Fall Oury Jalloh: Einschätzung mit Sprengkraft

Eine juristische Einschätzung mit Sprengkraft. In zwei früheren Gerichtsprozessen waren Richter immer davon ausgegangen, dass sich Oury Jalloh selbst mit einem Feuerzeug auf der Matratze in Zelle 5 entzündet hatte. Obwohl er von Polizisten durchsucht worden war, an Händen und Füßen gefesselt war und unter starkem Alkoholeinfluss stand. Bittmann geht im April von dieser These ab und schreibt es so auf.

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