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„Combat 18“ Schießübungen im Namen Hitlers

Dokumente legen die interne Struktur der Neonazi-Gruppe „Combat 18 Deutschland“ offen - sie ist bisher nicht verboten.

Neonazi in Wetzlar
Martialischer Auftritt: Zahlencodes sind in der Neonazi-Szene verbreitet, die 18 steht für A. H., die Initialen Adolf Hitlers. Foto: Peter Jülich

Die Regeln in dem dünnen Heftchen sind klar und deutlich: Bei „Auswärtsfahrten“ gilt eine Kleiderordnung, monatlich ist ein Beitrag zu zahlen, endgültige Aufnahme erst nach einer Probezeit. Was zunächst vielleicht nach Kegelfreunden klingt, sind die bislang unbekannten internen „Richtlinien“ einer Neonazi-Organisation: „Combat 18 Deutschland“ steht in Frakturschrift auf dem Deckblatt der Broschüre, die die Frankfurter Rundschau einsehen konnte. Als Symbol prangt ein weißer Drache darauf. Die Zahl 18 verweist auf den ersten und achten Buchstaben im Alphabet, die Initialen Adolf Hitlers. Das Dokument und weitere Unterlagen erlauben einen Blick in das Innenleben der klandestinen Gruppe, die bisher in Deutschland nicht verboten ist. 

Die Mitglieder werden ermahnt: Aus sozialen Netzwerken sei die Gruppe herauszuhalten, es gilt „absolute Verschwiegenheit“. Kein Wunder: Combat 18 steht in der Neonazi-Szene international für den bewaffneten Arm des Neonazi-Netzwerks „Blood and Honour“ (Blut und Ehre).

Mit dem Namen ist ein Konzept rassistischen Terrorismus verbunden, entstanden in den Zirkeln gewaltbereiter Neonazis in England Anfang der 1990er Jahre, seither diskutiert und kopiert in der Szene in Europa und den USA. „Führerloser Widerstand“ lautet das Motto – auch die Morde und Anschläge des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) lassen sich als ein solches Agieren in Zellenstrukturen und ohne klare Bekenntnisse zu den Taten beschreiben.

Die internen Dokumente lagen zuerst der antifaschistischen Website Exif-Recherche vor, die Aktivitäten von Neonazis dokumentiert und Material zu „Combat 18“ veröffentlicht hat. Auch das ARD-Magazin „Panorama“ berichtete.

Fromm: keine „verbotsfähige Struktur“ in Deutschland

Seit einigen Jahren räumt die Bundesregierung ein, dass es in Deutschland mindestens seit 2013 eine Organisation gibt, die sich „Combat 18 Deutschland“ nennt. Wie kann das sein? „Blood and Honour“ selbst ist hierzulande seit mehr als 18 Jahren verboten, aber eine Organisation, die sich „Kampftruppe Adolf Hitler“ nennt und in der Szene als deren bewaffneter Arm gilt, bleibt legal?

In der Vergangenheit hatte es dazu aus den Behörden geheißen, „Combat 18“ verfüge in Deutschland nicht über eine „verbotsfähige Struktur“. Das sagte etwa der frühere Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Heinz Fromm im Februar 2016 als Zeuge im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss. Es gebe lediglich Sympathisanten, ein Verbot sei eine Frage des Vereinsrechts. Verbieten kann das Bundesinnenministerium aber auch Gruppen, die keine eingetragenen Vereine sind, sich aber ähnlich organisieren. 

Die schriftlichen „Richtlinien“ von „Combat 18 Deutschland“ lesen sich jedenfalls wie die primitive Form einer Vereinssatzung, die Regeln vorgibt, eine Art Uniform definiert, regelmäßige Treffen oder die Unterteilung in Sektionen nach „Bundesland/Gau“ festhält. Brisant ist auch ein weiteres Detail: Mitglieder müssen dem Dokument zufolge monatlich 15 Euro Beitrag leisten.

Unterlagen, die die FR einsehen konnte, belegen, dass Zahlungen, häufig in exakt dieser Höhe, mindestens seit 2014 und bis mindestens Anfang 2017 immer wieder auf einem Sparkassen-Konto in Kassel eingingen. Sie stammen von bekannten Neonazis aus verschiedenen Bundesländern. Rund 90 Personen zahlen, teils regelmäßig, teils einmalig, Geld ein. Im Jahr 2017 gehen bis Mai Überweisungen in Höhe des Mitgliedbeitrags von rund zehn Personen ein.

Der Inhaber des Kontos ist kein Unbekannter: Stanley R. ist seit vielen Jahren in der militanten Neonazi-Szene aktiv und mit führenden Akteuren in Deutschland vernetzt. Die Behörden rechnen den 42-Jährigen aus dem nordhessischen Kaufungen zu den Anführern von „Combat 18“ in Deutschland. Das sagte etwa der Chef des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, Burkhard Freier, im Juni 2016 vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im Düsseldorfer Landtag aus. 

Vor etwas mehr als zehn Jahren war R. nach FR-Recherchen in der „Oidoxie-Streetfighting-Crew“, einer Gruppe Neonazis, die sich um die radikale Rechtsrock-Band „Oidoxie“ aus Dortmund scharte, aktiv. Die Band wirbt mit Liedern ganz offen für das Terrorkonzept von „Combat 18“, der Sänger trägt den Schriftzug auf die Brust tätowiert. In einem Song wird etwa zum gemeinsamen Kampf im „Terrorteam“ und dem „führerlosen Widerstand“ aufgerufen. Auch im Zusammenhang mit den NSU-Ermittlungen tauchen Stanley R. und „Oidoxie“ auf. Das Bundeskriminalamt (BKA) befragte R. 2012, weil Zeugen ausgesagt hatten, dass die damals untergetauchten NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu einem Konzert jener Band anlässlich seines 30. Geburtstag nach Kassel gekommen seien – kurz vor dem NSU-Mord an Halit Yozgat in der Stadt am 6. April 2006. Bestätigt ist das bis heute nicht. R. stritt im BKA-Verhör ab, etwas vom NSU gewusst zu haben, wie aus Ermittlungsakten hervorgeht. Als die FR ihn 2015 mit den Aussagen seiner ehemaligen Mitstreiter konfrontierte, wollte er sich nicht äußern. Eine neuerliche Anfrage zu seiner heutigen Rolle bei „Combat 18“ ließ er bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss fiel der Name Stanley R. immer wieder, als Zeuge wurde er jedoch nicht geladen. Erst im März wurde R. zu einer Geldstrafe wegen eines fahrlässigen Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt, weil er zwei Patronen nach Deutschland einführte. Die Polizei-Sondereinheit GSG9 hatte im September 2017 zwölf Neonazis, die von den Behörden „Combat 18 Deutschland“ zugerechnet werden, gestoppt. Sie kamen von Schießübungen in Tschechien. Ein weiterer Mitreisender aus Hessen, Tobias V., wurde später zu einer Haftstrafe verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde, weil bei ihm 24 Schuss Munition gefunden wurden – darunter solche für Sturmgewehr und Schrotflinte. V. hat gegen das Urteil Revision eingelegt, wie ein Sprecher des Amtsgericht Hof der FR bestätigte.

Verbindungen reichen nach England und Holland

Auch V. zahlte regelmäßig auf das Kasseler Konto ein. Die Kontobewegungen zeigen, wie Geld gesammelt, auch bar ein- und ausgezahlt wird, Autos gemietet oder Einkäufe getätigt werden. Zum Konzept von „Blood and Honour“ gehört die Neonazi-Subkultur und ihre Musik seit jeher. Die Konzerte generieren nicht unerhebliche Einnahmen und ermöglichen die, auch internationale, Vernetzung. Auch für solche Veranstaltungen sind die Mitgliedsbeiträge laut den „Richtlinien“ gedacht. Sie dienen aber ebenso für den Fall der „Inhaftierung eines Bruders“. Darauf ist man wohl vorbereitet. 

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