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Chemnitz Kein rechter Mob in Chemnitz?

Die Opfer von Übergriffen erzählen etwas anderes, z.B. der Betreiber eines jüdischen Restaurants. Er berichtet von einem Überfall, bei dem die Angreifer schrien: „Judensau, verschwinde aus Deutschland!“

Hooligans und Neonazis in Chemnitz
Hooligans und Neonazis pöbeln bei einer Demonstration in Chemnitz gegen Polizei und Gegendemonstranten. Foto: imago

Nur 20 bis 30 Sekunden habe der Angriff gedauert, sagt Roland D. – aber der Schock sitze ihm noch in den Knochen. Immer wieder kämen ihm die Tränen. Der 69-Jährige ist SPD-Mitglied aus der Nähe von Marburg. Mit einer 35-köpfigen Gruppe seiner Partei hat er am Samstagabend an der Gegendemonstration „Herz statt Hetze“ in Chemnitz teilgenommen. Man habe sich gegen 20 Uhr auf den Heimweg gemacht, sei die wenigen Hundert Meter auf dem Bürgersteig zum Bus gelaufen, der sie nach Hause bringen wollte. 

Da seien sie attackiert worden, von einer Gruppe mit circa 15 Mann, unauffällig gekleidet, „nicht klar erkennbar als Rechtsextreme“. Einer habe einen Baseball-Schläger getragen. „Deutschlandverräter“ hätten sie gebrüllt, den SPD-Leuten Fahnen aus den Händen gerissen und seien „mit Fäusten und Tritten“ auf einige losgegangen. Dann türmten sie. Die Polizei sei sofort da gewesen, habe sich gekümmert und Anzeigen aufgenommen. „Wir waren gelähmt und geschockt“, sagt D., „einige haben geweint.“

Michael Kretschmer sieht „keinen Mob, keine Hetzjagden“

Am Mittwoch verkündete Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), es habe in Chemnitz „keinen Mob, keine Hetzjagden, keine Pogrome“ gegeben. Dabei ist noch sehr unklar, wie viel Gewalt es in Chemnitz gab. 

An fünf von zehn Tagen hat es diverse Demonstrationen in der Stadt gegeben, organisiert vor allem von rechten Gruppen, aber auch von Gegendemonstranten. Tausende waren auf der Straße. Ein Riesen-Aufwand für die Justiz. Die Ermittlungen verteilen sich auf drei Behörden: Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden kümmert sich um Anzeigen rund um die Demonstrationen von Sonntag und Montag, als es aus Gruppen heraus zu Angriffen auf ausländisch aussehende Passanten gekommen sein soll. Die Polizei Chemnitz übernimmt den größten Rest. Einige Delikte bearbeitet das Landeskriminalamt Sachsen. 

120 Ermittlungsverfahren habe man in Bezug auf Sonntag und Montag, den 26. und 27. August, inzwischen eingeleitet, teilt die Generalstaatsanwaltschaft der FR mit, unter anderem wegen Körperverletzung, Beleidigung, Landfriedensbruch und Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Wie viele Gewaltdelikte darunter waren, will man noch nicht sagen, weil es Täter gebe, die mehrfach straffällig geworden seien mit verschiedenen Anzeigen für dasselbe Delikt. Auch das Videomaterial sei noch nicht fertig ausgewertet, ständig komme neues hinzu. Man rechne auch mit weiteren Anzeigen. „Wir sortieren und ermitteln noch“, sagt ein Sprecher.

Chemnitz: 17 Anzeigen wegen Körperverletzungen

Der Polizei Chemnitz geht es ähnlich: Bisher habe man für Donnerstag, 30. August, als die rechtsextreme Gruppe Pro Chemnitz demonstrierte, 26 Straftaten dokumentiert und am Samstag, 1. September, 36 weitere – darunter 17 Körperverletzungen. Vorläufig, weitere Anzeigen könnten jederzeit eintrudeln. Zudem gibt es viele Gewaltdelikte, in denen die Täter organisiert oder blitzschnell vorgingen – auch abseits der Demonstrationen. Zu den Angreifern und ihrer politischen Gesinnung lässt sich dann kaum etwas mit Sicherheit sagen. Saifullah Z., afghanischer Flüchtling, wurde am Samstagabend im südlichen Stadtteil Markersdorf krankenhausreif geprügelt. Mit seinem Freund Ahmet B. sei er gegen 20 Uhr auf dem Weg zu dessen Wohnung gewesen. Da löste sich gerade die AfD-, Pegida- und Pro Chemnitz-Demo auf.

Saifullah Z. sagt, ein Mann habe ihn unvermittelt mehrfach ins Gesicht geschlagen. Fotos zeigen seine linke Wange blau, die Augen zugeschwollen, das rechte blutunterlaufen. Sein Kumpel Ahmet B. hat die Angreifer nach eigener Aussage gesehen: Sie seien zu sechst oder siebt gewesen, ganz in Schwarz gekleidet und hätten Masken getragen. „Nur ihre Augen waren zu sehen.“

Gesprochen hätten sie nicht. „Die hatten schon einen Plan“, sagt der 23-Jährige. Er selbst habe fliehen können und sei in einen nahe gelegenen Park gelaufen. Ahmet B. will jetzt raus aus Chemnitz, in den kommenden zwei Wochen zieht er zu einem Freund nach Düsseldorf. Ähnlich ist es am Montag zuvor, den 27. August, Uwe Dziuballa ergangen. Der 53-Jährige betreibt das einzige jüdische Restaurant in Chemnitz namens „Schalom“. Ein Verein, der Lesungen, Konzerte und Diskussionen veranstaltet, gehört dazu.

Normalerweise sei Chemnitz friedlich, seine Erfahrungen hier sehr gut, sagt Dziuballa. Am Montagabend aber, als keine zehn Minuten Fußweg entfernt Rechte mit Hitlergrüßen durch die Stadt zogen, habe er die Tür seines Restaurants geöffnet – und sechs bis sieben Schwarzgekleideten gegenübergestanden, zum Teil vermummt. „Judensau, verschwinde aus Deutschland!“, habe einer gerufen. Mehrere Gegenstände seien auf ihn geflogen, einer davon habe ihn an der Schulter erwischt. Nur ein paar Sekunden habe die Attacke gedauert. Dann waren die Angreifer weg. Die Polizei stellt später auf der Terrasse die Gegenstände fest, die die Angreifer vermutlich geworfen haben: ein Eisenrohr, Flaschen und Steine.

Dziuballa selbst glaubt nicht, dass er die Täter jemals wiedererkennen würde: „Es ging viel zu schnell – und die sahen alle gleich aus.“ Die Polizei Chemnitz ermittelt in beiden Fällen gegen mehrere unbekannte Täter. Erfolge gibt es noch nicht zu verkünden. Ein Problem, dass die Opferberatung Chemnitz schon kennt. In solchen Situationen seien detaillierte Beschreibungen der Angreifer schwer möglich – und damit die Chance, die Täter jemals zu fassen, gering. Viele Betroffene gingen deswegen gar nicht erst zur Polizei. Ähnlich sei es bei denen, die vor dem Mob am Sonntagabend davongerannt seien. „Wer aus Angst wegrennt, aber nicht verletzt wird, der sieht selten Grund, eine Anzeige zu stellen.“ Die Opferberater führen ihre eigene Statistik, nicht alle Fälle liegen der Justiz vor: Insgesamt 39 Angriffe sind bei ihnen inzwischen dokumentiert, davon 27 Körperverletzungen und 12 Nötigungen. Wichtigste Aufgabe für die Chemnitzer sei jetzt, sagte André Löscher von der Opferberatung: „Das Klima der Angst vertreiben, das dazu führt, dass sich Leute gar nicht erst vor die Tür trauen.“ 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chemnitz

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