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Chemnitz Der rechte Terror hat eine lange Tradition

Mitglieder der jetzt ausgehobenen Zelle waren schon vor Jahren bei einer Nazi-Gruppe aktiv.

Rechtextremismus
Vorne die Populisten, hinten die Terroristen: Rechtsextreme Demo am 7. September in Chemnitz. Foto: afp

Mindestens zwei der mutmaßlichen Rechtsterroristen von „Revolution Chemnitz“ haben schon vor mehr als zehn Jahren aktiv Ausländer und Linke in Sachsen terrorisiert. Die heute 30- und 31-Jährigen gehörten als Heranwachsende zur Gruppe „Sturm 34“. Die von Mittweida aus agierende Kameradschaft, deren Name an eine SA-Gruppe angelehnt war, wurde bereits 2007 vom sächsischen Innenministerium verboten.

Zuvor hatten die zwischenzeitlich mehr als 100 Mitglieder in konzertierten Aktionen über rund anderthalb Jahre Jagd auf Andersdenkende und Ausländer gemacht, Institutionen angegriffen und knüppelnd Volksfeste überfallen. Tom W., der als „Anführer“ des harten Kerns galt, wurde in der Folge zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland soll aber auch Christian K. damals bei „Sturm 34“ mitgemacht haben. Das bestätigt die sächsische Linken-Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz. K. sitzt bereits seit dem 14. September in Untersuchungshaft und gilt laut Bundesanwaltschaft als „Rädelsführer“ von „Revolution Chemnitz“.

Ein weiterer der Festgenommenen soll der Gruppe nicht angehört, aber mit ihr in Kontakt gestanden haben. Ein anderer wiederum sei nach ihren Informationen der Hooligan-Szene von Dynamo Dresden zuzurechnen, sagt Köditz. „Das spricht wieder dafür, dass die Fußballhooligan-, Kampfsport-, Neonaziszene bis hin zum Biker-Milieu eng vernetzt sind und sich bei Aktionen gegenseitig unterstützen.“

Gerade in der Hooliganszene sei eine rechtsradikale bis rechtsextreme Gesinnung an der Tagesordnung, die auch auf Demonstrationen zur Schau getragen werde. Als Beispiele nannte Köditz die „Freien Kräfte“ Dresden und die „Faust des Ostens“, Hooligan-Gruppierungen, die aus Anhängern des Fußballvereins Dynamo Dresden bestehen.

Wie brutal „Sturm 34“ damals in der Region Mittweida vorging, geht aus Schilderungen von zweien ihrer Opfer hervor. David Rausch und Robert Sobolewski wurden als Punks und Lokalpolitiker der Linkspartei immer wieder drangsaliert und verprügelt. Die Neonazis gingen abends auf „Skinhead-Kontrollfahrten“ und schlugen zu, wenn jemand äußerlich in ihr Feindraster passte.

Auch Unbeteiligte wurden krankenhausreif geschlagen, berichten die beiden: „Ein 17-jähriger wurde auf dem Weg von Jugendclub nach Hause brutalst zusammengeschlagen“, erinnert sich Rausch. „Als drei unbeteiligte Erwachsene eingriffen, wurden auch sie attackiert und verbrachten drei Wochen im Krankenhaus.“ Der Jugendclub, in dem Sobolewski damals aktiv war, wurde „mindestens alle 14 Tage angegriffen“.

Die Polizei war lange untätig, die Gerichte milde gestimmt. Das Resultat war, so schildert es David Rausch, eine Atmosphäre der puren Angst: „Das war Terror“, sagt er noch heute. „Terror gegen Leib und Leben, gegen die Psyche, gegen die Freiheit. Wir hatten in deren Augen das Recht verwirkt, in der Region zu leben, nur weil wir anders waren.“

Nach einem Bericht von „Report Mainz“ nahm Tom W. damals Befehle der NPD entgegen. „Tom, mach in Mittweida Unruhe, brüll ‚Sieg Heil‘ und schlag die Ausländer zusammen“, soll der Kreisvorsitzende dem Kopf von „Sturm 34“ gesagt haben. Wenn „Zecken“, also Linke, bei einer NPD-Veranstaltung auftauchten, solle der Saalschutz von „Sturm 34“ denen „richtig eins vor die Glocke krachen“.

In einem ersten Prozess vor dem Landgericht Dresden wurde „Sturm 34“ 2008 dennoch nicht als kriminelle Vereinigung eingestuft. Vor allem der notwendige „Gruppenwille“, dem sich alle Mitglieder einer Vereinigung nach einer Abstimmung oder ähnlichem unterordnen, sei im Falle des „Sturm 34“ nicht zu erkennen. In der Revision 2012 sah das Landgericht dies anders – „Sturm 34“ wurde als kriminelle Vereinigung eingestuft und blieb verboten, die Angeklagten aber blieben auf Bewährung draußen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chemnitz

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