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Breivik-Prozess in Norwegen Die vielen Seiten der Inga Bejer Engh

Freundlich und sanft, fast wie mit einem Kind. so redet die Staatsanwältin mit dem Massenmörder Breivik. Doch ihre Freundlichkeit ist nicht mit Schwäche zu verwechseln.

Inga Bejer Engh, 41, Staatsan-wältin, setzt Breivik in den Verhören zu. Foto: Reuters

Freundlich und sanft, fast wie mit einem Kind. so redet die Staatsanwältin mit dem Massenmörder Breivik. Doch ihre Freundlichkeit ist nicht mit Schwäche zu verwechseln.

Ihre Stimme ist mild und ruhig. Sie legt ihr Kinn auf die Hände, wenn sie zuhört und blickt ihrem Gegenüber mitten ins Gesicht. Inga Bejer Engh, die 41-jährige Staatsanwältin, die die Anklage gegen den Massenmörder Anders Breivik führt, ist keine Furie, die den Verbrecher ihre Verachtung spüren lassen möchte. In den zurückliegenden vier Prozesstagen hat sie sich oft sanft gegeben, so sanft, dass Prozessbeobachter sich schon fragten, warum sie denn mit Breivik rede wie mit einem Kind.

Doch Freundlichkeit ist mit Schwäche nicht zu verwechseln, das beweist Bejer Engh. „So ist meine Methode“, sagt sie, „damit erziele ich die besten Ergebnisse.“ Wenn sie vom Angeklagten zu hören kriegt, was sie hören wollte, dann kann sie ohne Vorwarnung auf Konfrontation schalten. „Mir war es lieber, als du mich wie ein Kind behandelt hast“, monierte Breivik am dritten Prozesstag. „Damit ist es vorbei“, gab sie zurück, todernst.

Die Mutter von zwei kleinen Kindern ist ein Profi. „Ich habe unterschiedliche Stile, je nach Bedarf“, erläutert sie. Andere Juristen zollen ihr Respekt. Fachlich fundiert, mit großem psychologischem Verständnis, lautet die Einschätzung. Sie führe Verhöre, ohne zu tyrannisieren, sie kann so fragen, dass das Gericht alle relevanten Informationen bekommt, und wenn sich der Anklagte verweigert, weiß sie sein Schweigen zu überbrücken. „Sie kann Menschen lesen“, fasst es jemand in ihrem Umfeld zusammen. Privat sei sie humorvoll, impulsiv und mit der nötigen Portion Selbstironie ausgestattet.

Bejer Engh hat im Justizministerium, als Polizeianwältin und als Gerichtsassessorin die Karriereleiter erklommen, ehe sie Staatsanwältin wurde. Sie hat sich mit Sexual- und Rauschgiftdelikten beschäftigt und einige spektakuläre Prozesse geführt, gegen einen Polizistenmörder etwa und gegen einen Alkoholschmuggler, an dessen gepanschtem Schnaps 18 Menschen starben. Doch nichts von dem, was sie bisher erlebte, kann sich mit dem Fall Breivik messen.

Als sie am ersten Prozesstag die Anklageschrift vortrug, schnürte die Schwere der geschilderten Verbrechen ihr noch die Kehle zu, immer wieder musste sie zum Wasserglas greifen. Doch als sie Breivik dann zu seinem Werdegang befragte, als sie seine Hirngespinste zerriss, so dass der Kommentator der Zeitung Dagbladet Breiviks Glaubwürdigkeit „zu Staub zermahlen“ sah, da hatte sie die Oberhand. „Warum versuchst du, mich lächerlich zu machen?“, fragt Breivik. Doch das tut sie nicht. Das tut er selbst.

Nur in einem Punkt gibt es Kritik gegen Bejer Engh: dass sie zu viel Gewicht darauf lege, die Unglaubwürdigkeit des Angeklagten zu belegen, etwa, wenn er behauptet, Mitglied einer Terrorgruppe zu sein. Zu wenig Gewicht lege sie dagegen darauf, seine Zurechnungsfähigkeit zu prüfen. Diese Einschätzung muss am Ende des Prozesses jedoch den Ausschlag dafür geben, ob sie eine langjährige Gefängnisstrafe oder die Zwangseinweisung in die Psychiatrie beantragt.

Für die schwere Aufgabe wurde die Juristin nicht zuletzt wegen ihrer Fähigkeiten als Teamspielerin ausgewählt. Sie teilt sich die Rolle als Verhörsleiterin mit ihrem Kollegen Svein Holden. Am Donnerstag führte er das Wort, sie sekundierte. Breivik wurde zu seinen Attentatsplänen verhört, und den Zuhörern boten sich Schreckensszenarien, wie man sie in einem norwegischen Gerichtssaal noch nie gehört hat.

Utøya sei ein „Ersatzziel“ gewesen, erklärte Breivik: Ursprünglich habe er den Aufmarsch am 1. Mai bombardieren wollen, da sei die „gesamte kulturmarxistische Elite“ versammelt. Doch die „Tausenden Toten“ seien doch zu drastisch gewesen. Auch einen Angriff auf die Zeitung Aftenposten verwarf er, weil diese in einem Bürohaus mit „vielen Unschuldigen“ untergebracht sei. Dann überlegte er, drei Bomben zu platzieren, eine im Regierungsviertel, eine vor dem Parlament und eine vor dem Schloss – dabei wollte er freilich einen Tag abpassen, an dem sich die Königsfamilie nicht dort aufhielt, „denn viele militante Nationalisten sind Monarchisten, ich auch“. Anschließend, so Breiviks Plan, wollte er zum Sponti-Haus „Blitz“ und zum sozialdemokratischen Blatt Dagsavisen fahren und „so viele wie möglich hinrichten“.

Doch seine Vorbereitungen verzögerten sich. „Es war Ferienzeit und bei den meisten konventionellen Zielen waren zwei Drittel im Urlaub. So mussten neue Ziele her.“ Und da war ihm Utøya, das sozialdemokratische Jugendlager, die „attraktivste Alternative“. Dort wollte er „A-Klasse-Verräter“ wie Ex-Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland und Juso-Chef Eskil Pedersen fesseln und köpfen, vor laufender Videokamera. Doch sie waren nicht mehr da, und Breivik richtete seine Waffen auf die Jugendlichen. „Das Ziel war nicht, 69 zu töten, sondern alle“, erklärte er. Er wollte seine Opfer ins Wasser treiben. „Ich dachte, sie würden ertrinken, in Todesangst schwimmt man nicht leicht.“ Und ungerührt wiederholt Breivik, was er am ersten Prozesstag gesagt hat: „Ja, ich würde es wieder tun.“

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