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Breivik-Prozess Die starken Überlebenden von Utøya

In Oslo sagen die Überlebenden des Massakers von Utøya gegen Anders Breivik aus. Sie berichten von ihrem ungläubigen Erschrecken - und zeigen, welch unfassbaren Lebensmut sie nach wie vor haben.

Eivind Thoresen - einer der Überlebenden des Massakers von Utoya. Foto: REUTERS

Vor ein paar Tagen hat Tore Bekkedal seine Kamera zurückbekommen. Die Polizei hatte sie nach dem Massaker von Utøya beschlagnahmt. Auf der norwegischen Insel war Bekkedal der inoffizielle Fotograf des sozialdemokratischen Jugendcamps, jener Veranstaltung, die am 22. Juli letzten Jahres durch den rechtsradikalen Anders Breivik zum Blutbad wurde. Nach diesem Tag waren die 3?000 Fotos, die Bekkedal dort machte, plötzlich nicht mehr die liebevolle Dokumentation unbeschwerter Tage, sondern unentbehrliches Beweismaterial.

Jetzt also hat Bekkedal sein Eigentum wieder: den Fotoapparat, die Memory-Cards, die Videoclips und die Bilder. Es sind Bilder von jungen, meist lachenden Menschen, von Regentagen und Sonnenschein, vom Alltag auf der Insel und von wichtigen Vorträgen. Bilder, die eine glückliche Woche dokumentieren, die Zeit auf Utøya bis zu jenem Moment, als die Campleiterin den Fotografen anwies, die Kamera wegzustecken.

Das war an jenem 22. Juli, als in Oslo gerade eine Bombe explodiert war und sie auf der Insel zusammenkamen, um die neuesten Informationen über den Anschlag auszutauschen – nicht ahnend, dass sie selbst nur kurze Zeit später zu Opfern werden sollten. Tore Bekkedal möchte mit seinen Fotos dem späteren Grauen etwas entgegensetzen. „Ich will diese Bilder mit allen teilen, die Utøya so in Erinnerung behalten wollen, wie es eigentlich war“, sagt der 23-jährige.

Auf einem der Fotos ist Silja Uteng zu sehen, sie umarmt eine Freundin. Jetzt, neun Monate später, sitzen die beiden im Saal 250, in einem Gericht in Oslo, wo gegen den Massenmörder Anders Breivik verhandelt wird. Journalisten aus der ganzen Welt sind gekommen, und aus den kichernden Mädchen von dem Foto sind ernste junge Frauen geworden. Silja Uteng, inzwischen 21 Jahre alt, ist die erste der Überlebenden des Massakers, die über ihre Flucht vor dem Mörder berichten soll. Sie erzählt, wie sie und ihre Freundin im Zelt schliefen, bis sie von den Schreien „Rennt, rennt um euer Leben“ geweckt wurden, wie sie einen Schlag auf den Arm spürte, aber erst, als sie ihre weiße Jacke ausziehen wollte, um sich besser zu tarnen, den blutgetränkten Ärmel sah und begriff, dass jemand auf sie geschossen hatte.

Obduktionsberichte lösen Grauen aus

Eine Woche zuvor hatten noch nicht die Lebenden das Wort, sondern es wurden die Obduktionsberichte der 69 Utøya-Opfer vorgestellt, die unter den Zuhörern ein Grausen auslösten, wie man es wohl noch nie in einem norwegischen Gerichtssaal erlebt hat. Klinisch nüchtern dokumentierten die Rechtsmediziner anhand einer lebensgroßen Puppe, wie jeder der Ermordeten gestorben ist. Die meisten Opfer wurden von zwei oder drei Schüssen getroffen, fast alle mit solchen, die sofort töteten – Treffer, abgefeuert aus nächster Nähe, in Kopf oder Nacken. Mit roten Punkten sind auf einer Karte von Utøya die Fundorte der Toten markiert.

Dazu wurden im Gericht zu jedem der Opfer noch persönliche Worte von Angehörigen und Freunden verlesen, die die Menschen zeigten, die hinter den roten Punkten steckten. Sie sei besonders fürsorglich gewesen, hieß es über die 15-jährige Brigitte. „Er konnte nicht zusehen, wenn sich jemand als Außenseiter fühlte“ über den ein Jahr älteren Steinar. „Gott holte dich, weil er einen Engel brauchte“, schrieb Cathrine Trønnes Lie, die schwer verletzt überlebte, über ihre 16-jährige Schwester Elisabeth. Diese hatte gerade ein Moped bekommen und einen Freund – „Dein Leben war perfekt“. Bis ein Mörder kam und es auslöschte.

Jetzt sprechen die Überlebenden

Nach der Woche des Todes sprechen im Gerichtssaal 250 jetzt die Überlebenden. Sie berichten von ihrem ungläubigen Erschrecken, als sie die ersten Schüsse hörten. Fast alle glaubten an ein Feuerwerk oder Knallkörper, an einen schlechten Scherz angesichts des Bombenanschlags, von dem sie gerade gehört hatten.

Einer der Zeugen, er heißt Marius Hoft, erzählt, wie er sogar noch von einer Übung mit blinder Munition überzeugt war, als er sah, dass der als Polizist verkleidete Breivik auf ein Mädchen schoss und dieses zu Boden stürzte. „Dann sehe ich, wie er sie direkt in den Kopf schießt, wie der Kopf hart auf die Erde schlägt, und da verstehe ich: Das ist Ernst.“ Die Polizeiuniform, in der Breivik mordet, sie lässt die Situation noch makabrer wirken, macht sie für die Opfer noch unwirklicher, beängstigender. Ane Evenmo hatte es in ein Ruderboot geschafft, als sie den Uniformierten am Ufer auftauchen sah. „Ich winkte ihm zu, weil ich glaubte, jetzt sei die Rettung da. Da hob er die Waffe.“ Als Silja Uteng sich dem Festland näherte, sah sie dort Männer in schwarzer Uniform. „Da war ich bereit zu ertrinken, lieber das, als erschossen zu werden“, erzählt sie jetzt. Erst als sie hörte, wie die Männer die Schwimmenden anfeuerten und ihnen an Land halfen, verstand sie, dass der Albtraum vorbei war.

Ane Evenmo hat noch eine Schussnarbe am Knöchel, sie musste das Handballspielen aufgeben, der Fuß schmerzt zu sehr. Wie es ihr sonst gehe? „Halbwegs“, sagt sie. „Manche Tage sind besser als andere“, aber keiner vergeht, an dem sie nicht an Utøya denkt. „Vergessen kann man das nicht.“ So wie die anderen aus dem Camp nennt auch sie Breivik nicht beim Namen. „Er“, sagen sie, oder „der Täter“ oder „der Angeklagte“. „Wie bei Harry Potter mit Lord Voldemort“, meint die 17-Jährige lachend und einen Augenblick lang ist sie nicht eine junge Frau, die viel zu früh etwas viel zu Schlimmes erlebt hat, sondern ein großes Kind, so wie andere junge Menschen in ihrem Alter.

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Die Auftritte der Zeugen dienen nicht nur der Aufklärung, sagt die Staatsanwältin Inge Bejer Engh in einer Verfahrenspause. Sie haben auch eine moralische Dimension. Sie geben den Überlebenden die Möglichkeit, mit ihrem Peiniger abzuschließen. Während ihrer Aussage blickte Ane Evenmo ihn manchmal an, „ich schaute, ob ich eine Reaktion bekomme, ein Zeichen der Reue“. Doch von Anders Breivik kam nichts. Mit dem stets gleichen, unbewegten Ausdruck folgt der Täter den Zeugenaussagen. Interessiert zwar, aber so, als ginge ihn das Ganze nichts an.

Auf Ina Libak hat Breivik mindestens fünfmal geschossen, jetzt sitzt die 22-Jährige im Zeugenstand und schlägt mit ihrer starken Erzählung alle Zuhörer in ihren Bann. Sie machte gerade den Abwasch, als das Morden begann, und verbarg sich im Hauptgebäude. „Und dann wurde ich beschossen.“ Die ersten Schüsse trafen in Arm und Hände, „da dachte ich, das kann man überleben. Der nächste durchschlug den Kiefer. Da dachte ich, das ist schlimm. Dann in die Brust. Da dachte, jetzt sterbe ich.“ Sie lief aus dem Haus, stark blutend, rief um Hilfe, sah die anderen in Panik wegrennen. „Da hatte ich aufgegeben.“ Dann kam einer ihrer Kameraden angerannt und rief: „Wir können Ina hier nicht liegenlassen.“ Er hob sie auf, lief mit ihr in den Wald. In einem Versteck wurde sie von anderen verbunden, die Jugendlichen munterten sich gegenseitig auf. „Wir sind stark, das überleben wir.“ Als Breivik später in nur zwei Metern Entfernung an der Gruppe vorbeiging, blickte er in die andere Richtung und sah die Versteckten nicht.

Unfassbar, welchen Lebensmut eine junge Frau ausstrahlen kann, die so etwas durchmachte. Ohne Scheu zeigt sie die tiefen Narben, die ihren Arm verunstalten, auch von einem Streifschuss im Gesicht seien noch Spuren zu sehen, sagt sie. Staatsanwalt Svein Holden merkt an, dass man dies kaum sehe und fügt freundlich hinzu: „Gut geschminkt.“ Da lächelt sie sogar und sagt: „Danke.“ Damals, als sie im Rettungsboot Richtung Festland lag, mit zerschmettertem Kiefer und blutverschmiert, graute sie sich davor, wie sie später aussehen würde. „Du wirkst, als hättest du dein Leben im Griff“, sagt der Staatsanwalt. „Ja“, entgegenet Ina Linak, „aber ich muss gestehen, dass der Ernst Teil des Lebens geworden ist.“ Dann lacht sie.

„Wir haben gewonnen, du hast verloren“

Es sind solche Auftritte, die dem Gerichtssaal, der Öffentlichkeit, einem ganzen Land zeigen, dass Breivik irrte, wenn er glaubte, durch sein Gemetzel eine Generation politischer Aktivisten auslöschen zu können. Mit jeder neuen Aussage wachsen die Überlebenden, und der Mörder schrumpft.

„Ich will ihm in die Augen sehen“, hatte sich Frida Skoglund vor ihrem Auftritt vor Gericht vorgenommen. Sie will aber dann doch lieber, dass der Attentäter während ihrer Aussage den Saal verlässt. Skoglund ist 20, sieht aber viel jünger aus, ein schmächtiges Mädchen mit Blumenspangen im langen, roten Haar. Seit Wochen war ihr übel beim Gedanken an den Tag vor dem Gericht. So dünn ist ihr Stimmchen, dass sogar Staatsanwalt Holden wirkt, als würde er sie lieber in den Arm nehmen und beschützen. Skoglunds Stärke wird erst deutlich, als sie vom 22. Juli erzählt. Als Breivik sie anschoss, kratzte sie sich selbst die Kugel aus dem Bein. Sie floh schwimmend von der Insel, erbrach sich mehrmals, bekam einen Asthmaanfall, schluckte Unmengen Wasser, hörte die Kugeln über ihren Kopf zischen, die Breivik den Flüchtlingen nachfeuerte, hörte, wie er rief: „Stopp, kommt zurück!“ – „Hast du daran gedacht umzukehren?“, fragt Holden. „Nein, wirklich nicht“, erwidert sie. „Was fühltest du da?“ – „Weiß nicht. Ich bin ja nicht gewohnt, dass ich vor einem Mann mit Gewehr wegschwimmen muss.“ Mehr als eine Stunde war sie im eiskalten Wasser, das Bein versagte zuletzt den Dienst, aber die Kälte stoppte die Blutung, und so überlebte Frida Skoglund. Wie es ihr jetzt geht? „Rauf und runter“, sagt sie. Schuldgefühle plagten sie manchmal. „Ich war doch Delegationsleiterin und habe unsere drei Jüngsten verloren“, erklärt sie leise. Doch ganz am Ende, als sie ihre Botschaft an den Mörder formuliert, da scheint wieder ihre Kraft auf. „Wir haben gewonnen, du hast verloren“, sagt Frida Skoglund und fügt hinzu: „Und die norwegische Jugend kann schwimmen.“

Breivik hat sich verkalkuliert

Es sind sorgsam gewählte Worte, gerichtet an jenen Mann, der erklärt hatte, dass er alle 560 Lagerteilnehmer töten wollte, indem er sie ins Wasser trieb, wo sie ertrinken würden. Aber Breivik hat sich verkalkuliert. Nicht nur, weil die Jugendlichen schwimmen konnten, sondern auch, weil sie der Todesgefahr trotzten, um einander beizustehen, weil wagemutige Touristen, die am Festland zelteten, mit ihren Booten die Fliehenden retteten, lange bevor die Polizei auftauchte.

Als der nächste Zeuge seine Aussage macht, kehrt Skoglund zurück, in die Zuhörerbänke, mit einem Strauß Tulpen im Arm, den sie von Freunden bekommen hat. Einmal will sie Breivik, der in der Zwischenzeit in seine Bank zurückgekehrt ist, doch sehen. Und jetzt blickt sie ihm entschlossen in die Augen.

„Du hast auf mich geschossen, aber hier stehe ich, und du kannst mir nichts tun“ – das ist das Gefühl, das Ane Evenmo aus dem Gerichtssaal mitnimmt. Und Silja Uten sagt: „Jetzt bin ich fertig mit ihm, ich habe mein Leben wieder in der Hand und bin stärker denn je.“

Direkt aus dem Gerichtsgebäude ging Silja Uteng in ein prominentes Modehaus, um Brautkleider anzuprobieren. Am 29.September wird sie heiraten. Tore Bekkedal soll die Bilder machen.

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