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Biografie Nazi-General und BND-Chef

Reinhard Gehlen macht noch fast 40 Jahre nach seinem Tod Schlagzeilen. Eine neue Biografie enthüllt, dass er seine Geheimdienstspione auch auf Willy Brandt ansetzte.

Reinhard Gehlen
Reinhard Gehlen in seinem Arbeitszimmer. Foto: imago

Am Wochenende machte Reinhard Gehlen noch einmal Schlagzeilen – obwohl er seit bald 40 Jahren tot ist. Da nämlich wurde bekannt, dass der Gründer des Bundesnachrichtendienstes einst Willy Brandt beobachten ließ. Das war nicht allein deshalb bemerkenswert, weil der Sozialdemokrat ein hochrangiger demokratischer Politiker war, sondern auch weil der BND als Auslandsgeheimdienst diente, besser gesagt: dienen sollte.

Am Donnerstag wurde die zweibändige Gehlen-Biografie des Historikers Rolf-Dieter Müller im Christoph Links Verlag vorgestellt. Sie ist Teil einer Forschungsreihe über den BND aus der Feder einer Unabhängigen Historiker-Kommission und beleuchtet ein hochgradig interessantes wie ambivalentes Leben.

Gehlen, 1902 in Erfurt geboren, stieg zu Beginn des Nationalsozialismus zum General auf. Später wurde er Chef der Abteilung Fremde Heere Ost, deren Aufgabe daran bestand, während des Zweiten Weltkriegs Protokolle über Gefangenenbefragungen, Berichte der Truppen und Informationen des Auslandsgeheimdienstes zu bewerten und Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Erkenntnis, dass diese Informationen angesichts der immer schwieriger werdenden Lage des deutschen Heeres und der Erfolge der sowjetischen Armee nicht mehr genügten, führte dazu, dass Gehlen aus seiner Abteilung eine eigene Organisation für Aufklärung und Spionage entwickelte. 1945 wechselte der damals 43-Jährige die Seiten und diente sich den Amerikanern an. Aus der sogenannten Organisation Gehlen wurde 1956 der BND.

So schillernd Gehlens Wechsel war, so schillernd waren seine anschließenden Aktivitäten. Folgt man seinem Biografen Müller, dann waren die Leistungen des Mannes als Auslandsaufklärer mehr als bescheiden. Entsprechend habe er Schwächen gehabt bei der Einschätzung dessen, was in der DDR vor sich ging. Gehlen, sagt Müller, habe keine Spitzen-Quellen in Ost-Berlin wie überhaupt in Osteuropa gehabt. Stattdessen habe er sich nach innen „als Schutzpatron des rechtskonservativen Lagers“ verstanden und sei auch nicht davor zurückgeschreckt, Nazi-Netzwerke in seiner Organisation zu dulden. Mehr noch: „Bei ihm geparkte Wehrmachtsoffiziere bildeten das Rückgrat beim Aufbau der Bundeswehr.“

Zugleich setzte Gehlen seinen Dienst für innenpolitische Zwecke ein. Aus dem nun publik gewordenen Nachlass, über den die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, ergibt sich, dass der BND einen Spitzel in der SPD-Zentrale platzierte. Als Brandt und andere führende Sozialdemokraten 1968 in Rom Vertreter der Kommunistischen Partei Italiens getroffen hätten, um sie als diskrete Vermittler zur DDR und zur Sowjetunion zu gewinnen, habe Gehlen die Gruppe überwachen lassen. Zugleich pflegte er beste Beziehungen zu dem legendären Krupp-Manager Berthold Beitz, obwohl der wie Brandt ebenfalls fleißig Kontakte nach Osteuropa pflegte – nur eben wirtschaftliche. Die persönliche Beziehung zu dem 2013 bald 100-jährig gestorbenen Beitz hinderte Gehlen wiederum nicht, ihn gleichfalls bespitzeln zu lassen. Seine intriganten Aktivitäten werfen noch heute manche Schlagzeile ab.

 

Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen – Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik, Ch. Links Verlag 2017, 98 Euro.

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