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18. Todestag Helmut Sackers Braune Musik und tödliche „Notwehr“

Heute jährt sich der Tod Helmut Sackers zum 18. Mal: Der Rentner wollte das Horst-Wessel-Lied nicht hören und musste sterben - der Täter bekam Freispruch. Wir dokumentieren einen FR-Bericht vom 25. April 2001.

Opfer rechtsextremer Gewalt
Helmut Sackers starb, weil er sich gegen Neonazis wehrte. Foto: Mobile Opferberatung

Eins, eins, null. Drei Tasten auf dem Telefon, in wenigen Sekunden gewählt. Sie versprechen Hilfe und Einsatzbereitschaft. Genau die wünscht sich Helmut Sackers, als er am 29. April 2000 zum Hörer greift und den Notruf der Halberstädter Polizei anklingelt. Um 22 Uhr wird das Gespräch dort automatisch aufgezeichnet: „Bei uns im Haus werden Nazilieder gespielt, Horst-Wessel-Lied, ganz laut.“ Nach dem Versprechen „Wir gucken uns das mal an“ legt Helmut Sackers auf. Eine Stunde später ist der 60-jährige Kaufmann aus Kleve tot. Verblutet an vier Messerstichen im Treppenhaus eines Plattenbaus, in dem seine Lebensgefährtin wohnte.

„Nachbar nach Streit um laute Musik erstochen“, schrieben die Regionalzeitungen damals. So hatte das Polizeipräsidium Halberstadt den Tod gemeldet. Geht es nach Polizeipräsident Andreas Schomaker und Staatsanwältin Heidi Pötzsch, soll es dabei bleiben. Zumal im November drei Richter am Landgericht Magdeburg geurteilt haben, Helmut Sackers sei in „Notwehr“ getötet worden und der Täter – der 29-jährige Skinhead A. P. – freizusprechen. Ein rechtsextremer Hintergrund? Den gebe es nicht, sagen übereinstimmend der Polizeipräsident und die Staatsanwältin.

Die Staatsanwältin referiert den Fall: Nach Sackers Notruf fuhren zwei Streifenpolizisten zum Plattenbau am Stadtrand. Die Beamten gaben später zu Protokoll, die Musik dort sei zwar laut, die Texte seien aber nicht verständlich gewesen. Während eines sachlichen Gesprächs mit dem Wohnungsinhaber A. P. habe Helmut Sackers erregt dabeigestanden und sich eingemischt: „Spielst Du noch einmal Nazilieder, erstatte ich Anzeige!“ Danach sei der ältere Mann in die Wohnung seiner Lebensgefährtin Heide Dannenberg zurückgekehrt, die Ruhe im Haus wiederhergestellt und der Einsatz für die Beamten beendet gewesen.

Frau Dannenberg erinnert sich anders: Es blieb laut – und braun. Um Krach allein hätte sich das Paar nicht weiter gekümmert. Sackers sei es um den Inhalt der Musik gegangen: „Der war eindeutig rechtsextrem.“ Das möge so gewesen sein, sagt die Staatsanwältin, doch werde daraus noch lange kein politischer Hintergrund. Fest stehe lediglich, dass der Skinhead und der Rentner an jenem Abend nach dem Polizeieinsatz noch zweimal im Treppenhaus des hellhörigen Plattenbaus aufeinander trafen.

Für die erste Begegnung gibt es einen Zeugen. Ein Freund von A. P. berichtet von einem lautstarken Wortwechsel, in dessen Verlauf sich der junge Mann über den Polizeieinsatz beschwert und Sackers gefragt habe, ob er Kommunist sei. Bei der zweiten Begegnung bleibt es nicht bei Worten. A. P. beobachtet vom Balkon aus, wie Sackers von einem Gang mit seinem Hund zum Hauseingang zurückkehrt. A. P. läuft daraufhin die sechs Stockwerke zum Eingang herunter. Warum? „Um seinen Freund zu verabschieden“, der noch draußen auf dem Gehweg gestanden habe, sagt die Staatsanwältin. Und warum muss man dazu ein Messer mit einer 17 Zentimeter langen Klinge mitnehmen? Das habe A. P. „zum Selbstschutz“ immer bei sich getragen, seit ihm 1991 ein Unbekannter in Magdeburg schwere Stichverletzungen zufügte.

Auch für die anschließende tödliche Auseinandersetzung gibt es laut Pötzsch einen Zeugen. A. P.s Verlobte sei dabei gewesen, als Helmut Sackers den Skinhead im Hauseingang erst beleidigt, dann den Hund auf das Pärchen gehetzt und schließlich den 30 Jahre Jüngeren gepackt habe, um ihn die Kellertreppe hinunterzustoßen. „In Todesangst“ habe A. P. – fest im Klammergriff des Rentners – zum Messer gegriffen und zugestochen: in die Wade, in den Magen, in die Brust und unterhalb der Achsel. Jawohl, sagt Heidi Pötzsch, die Notwehrsituation sei vom Täter und seiner Freundin im Prozess glaubhaft geschildert worden. Hatte die Verlobte zunächst nicht das Gegenteil ausgesagt? Dass sie zum Tatzeitpunkt in der Wohnung gewesen sei? Hier hebt Staatsanwältin Pötzsch die Stimme: „Die Zeugin war glaubwürdig.“

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