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Rechtsextremismus „Auch die AfD wird den Osten enttäuschen“

Nach Chemnitz fragen viele: Was ist da los im Osten? Die Journalistin Jana Hensel und der Soziologe Wolfgang Engler im Interview über die Folgen des Umbruchs nach 1989.

Chemnitz
„Wir sehen die Bilder von Chemnitz und denken an Rostock-Lichtenhagen 1992.“ Foto: rtr

Ein Donnerstag im Spätsommer. Die Journalistin Jana Hensel, 42, und der Kultursoziologe Wolfgang Engler, 66, sitzen im vierten Stock des Aufbau-Hauses am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg und geben Interviews. Es ist erst ein paar Tage her, dass in Chemnitz nach dem Tod eines jungen Mannes aufgebrachte Demonstranten durch die Stadt marschierten, Ausländer wurden bedroht, Nazisymbole gezeigt. Wieder fragen alle: Was ist da los im Osten? Sind die alle rechts? Der Band, der auf Gesprächen von Wolfgang Engler und Jana Hensel beruht, heißt „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ und beschäftigt sich mit genau diesen Fragen, die Autoren nehmen dreißig Jahre Nachwende-Geschichte in den Blick. Es ist das Buch der Stunde.

Frau Hensel, Herr Engler, bei den Ausschreitungen in Chemnitz, die viele erschütterten, wurde auch immer die ostdeutsche Kanzlerin Angela Merkel beschimpft. Warum ist Merkel ausgerechnet bei den Ostdeutschen so unbeliebt?
Jana Hensel: Bei einigen Ostdeutschen ist sie das, nicht bei allen, da muss man differenzieren. Und ich bin mir nicht sicher, ob der Protest wirklich etwas mit ihr als Person zu tun hat. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit haben im Osten immer dazu gedient, das ganze System infrage zu stellen. Das ist im Westen anders, dort lassen sich rassistische Einstellungen durchaus in ein demokratisches Miteinander einordnen. Angela Merkel steht nun einmal stellvertretend für diesen Staat. Aber gleichzeitig ist sie auch eine Spiegelfigur eines jeden Ostdeutschen, jeder positioniert sich zu ihr und vergleicht sich. Sie hat als eine von uns Weltkarriere gemacht, ohne sich auf ihre Wurzeln je besonders berufen zu haben, das irritiert, verhindert Loyalität. Außerdem ist sie eine Frau, das spielt auch eine Rolle, denn der Protest von rechts hat ja eine männliche Seele.
Wolfgang Engler: Wahrscheinlich haben etliche, die da auf der Straße zeterten, sie in der Vergangenheit sogar gewählt. Die CDU war viele Jahre im Osten sehr stark. Der Umschwung begann nach meinem Eindruck 2015, als Hunderttausende Flüchtlinge ins Land kamen. Da zerbröselte der stillschweigende Konsens mit den Regierenden. Ich merkte das in meinem eigenen Umfeld. Viele Ostdeutsche haben Merkel die Politik der offenen Tür nicht verziehen. 
Hensel: In diesem Punkt sind wir uns uneinig: Ich glaube, der Rechtspopulismus ist ein Gefäß für Gefühle und Einstellungen, die schon vorher da waren. Pegida hatte schon im Winter 2014/15 viel Zulauf, also vor der eigentlichen Flüchtlingskrise. 
Engler: 2015 hat sich etwas Bahn gebrochen, was schon latent vorhanden war. Das hat weniger mit der DDR und der angeblich vererbten demokratiefeindlichen Gesinnung zu tun, wie man jetzt wieder liest, sondern eher mit dem Gefühl, nicht gesehen und gehört zu werden. Und dann wirft Merkel so ein „Wir schaffen das“ hin, und es wird wahrgenommen als Arroganz der Macht, über die Köpfe der Regierten hinweg. Das hat den Ultrarechten einen Aufschwung gegeben, dessen Ende noch nicht absehbar ist. Dass die AfD gerade in prosperierenden Ländern wie Sachsen, Baden-Württemberg und Bayern so stark ist, zeigt, dass die Mitte der Gesellschaft ebenfalls anfällig ist.

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