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Rechtsextreme in Chemnitz „Wer macht die Analyse bei der Polizei?“

Extremismus-Experte Nattke spricht mit der FR über die Chemnitzer Vorfälle, das Verhalten der Polizei und die Folgen für die rechte Szene.

Rechte Demonstration in Chemnitz
Der rechtsextreme Demonstrationszug in der Chemnitzer Innenstadt. Foto: rtr

Herr Nattke, von außen ist die Lage noch sehr unübersichtlich. Sie sind vor Ort vernetzt, haben viele Informationen gesammelt. Wer stand da am Sonntag in Chemnitz auf der Straße?
Nach dem, was wir gesichtet haben, waren die Agierenden auf der Straße, die den Ton angegeben haben, tatsächlich rechte Hooligans oder Menschen, die schon in der Vergangenheit mit rechten Gruppen in Erscheinung getreten sind. Letztere sind nicht unbedingt Neonazis, aber Menschen, die sich in asylfeindlichen Zusammenhängen bewegen. Darüber hinaus sind aber auch einfach Leute mitgelaufen und haben sich angeschlossen. 

 
Der Aufruf zur Versammlung kam ursprünglich von dem rechten Hooligan-Verein „Kaotic Chemnitz“. Was ist darüber bekannt? 
Das ist eine rechte Hooligan- und Ultra-Gruppe. Bisher sind sie noch nicht mit solchen großen Aktionen in Erscheinung getreten. Aber mit ihren eigenen Aufklebern sind sie im Stadtbild durchaus sichtbar und in der Hooligan-Szene bekannt und auch mit anderen Gruppen vernetzt. 

Kamen die alle aus Chemnitz oder sind welche angereist? 
In den Hooligan-Kreisen gibt es ein sehr hohes Mobilisierungs-Potenzial, auch über soziale Medien. Es waren Hooligans aus der ganzen Region dabei, die aus den umliegenden Landkreisen angereist sind. Auch aus Dresden ist uns eine Gruppe bekannt, die asylfeindliche „Wellenlänge“, die mit mehreren Mitgliedern vertreten war. 
 
Wie gefährlich sind die Hooligans?
Man sieht zum wiederholten Mal, dass es rechten Hooligans gelingt, so zu mobilisieren, dass die Sicherheitskräfte erst einmal überfordert sind. Das hat sich schon mehrfach gezeigt, in Köln, Heidenau, Freital und Clausnitz. Dass die Sicherheitskräfte davon so überrascht werden, das macht mir ehrlich gesagt größere Sorge als die Menge, die sich zusammenfindet. 
 
Hat die Polizei also versagt? 
Die Polizisten direkt vor Ort haben einen großartigen Job gemacht. Sonst wäre es zu einer totalen Eskalation und möglicherweise auch zu Verletzten gekommen. Ich frage mich aber: Wer macht die Analyse bei der Polizei, um einzuschätzen, wie viele zu einer solchen Veranstaltung kommen? 
 
Wie sollte die Polizei künftig reagieren?

Von Seiten der Polizei darf es null Toleranz für Selbstjustiz geben. Gruppen, die durch die Straßen ziehen und eigenmächtig tun, was sie wollen – das muss im Keim erstickt werden. Es ist ein Angriff auf die Demokratie, wenn plötzlich 800 Leute durch die Straße ziehen und glauben, dass sie angreifen können, wen sie wollen. 
 
Wie kommt es, dass sich den Hooligans ganz normale Leute anschließen? 
Das ist eine spezielle Dynamik, dass da 200 bis 300 Leute losgehen und andere Leute mitlaufen, auch weil sie schaulustig sind. Man darf außerdem nicht vergessen, was die Cegida-Demos, also der Chemnitzer Ableger von Pegida, ja auch gezeigt haben: Wir haben in Chemnitz ein Potenzial von rassistischen Bürgern und Bürgerinnen, die nicht zwangsweise Neonazis sind. Sicherlich werden sich aus diesen Kreisen auch Leute angeschlossen haben. 

 
Wie gefestigt ist rechtes Denken in der sächsischen Bevölkerung?
In den Jahren 2015/2016 konnte man das ja in Sachsen sehr gut erkennen: Die asylfeindlichen Proteste, die es dort gab, hatten eine relativ hohe Akzeptanz. Ein Beispiel war Chemnitz-Einsiedel, ein Vorort von Chemnitz, dort gab es eine Initiative „Einsiedel sagt Nein zum Erstaufnahmeheim“. Diese Initiative in Einsiedel wurde bundesweit zu einem Symbol für einen Schulterschluss zwischen organisierten rechtsextremen Kreisen und Bürgern. Da haben es die Neonazis geschafft, bis in bürgerliche Kreise hineinzuwirken. Zum vollständigen Bild muss man aber auch sagen: Es gibt auch in Chemnitz viele Menschen und Gruppen, die sich für Asyl einsetzen und Solidarität zeigen.
 
Es soll am Sonntag Übergriffe auf Migranten gegeben haben, von Hetzjagden ist die Rede. Können Sie das bestätigen? 
Unserem derzeitigen Kenntnisstand nach gab es zumindest Versuche, Migranten anzugreifen. Aus der spontanen Versammlung heraus, die sich ja auch in Bewegung gesetzt hat, wurde wohl immer wieder versucht, Migranten zu attackieren. Uns ist bisher zum Glück aber nicht bekannt, dass es zu Verletzten kam. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chemnitz

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