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Rechte Gewalt Die Lehren von Mölln

Vor zwanzig Jahren setzen Neonazis zwei Häuser in der Kleinstadt Mölln in Brand. Eine Frau und zwei Kinder sterben - ihre Familie kämpft darum, dass die Erinnerung an den Anschlag wachgehalten wird.

22.11.2012 22:29
Hans-Hermann Kotte
Demonstration "Mölln '92 - Gedenken und anklagen" durch die Innenstadt von Mölln am 17.11.2012. Foto: dpa

Der Husten ist geblieben. Er kommt immer wieder, wird stärker, wenn er an die Brandnacht denkt oder darüber spricht; wenn er Verbranntes riecht, Böller hört, ein Feuerwerk sieht. Dass es für so etwas einen Namen gibt, posttraumatische Belastungsstörung, hat er erst sehr viel später erfahren.

Ibrahim Arslan ist sieben Jahre alt, als zwei Neonazis in Mölln das Haus in Brand setzen, in dem die türkische Familie damals wohnt. Er überlebt, weil seine Großmutter ihn in feuchte Tücher wickelt und in die Küche bringt, die noch vom Feuer verschont ist. Der Junge sitzt neben dem Kühlschrank, blickt auf Kochtöpfe, auf die Flammen im Hintergrund. Nach den Löscharbeiten wird er aus dem Haus geholt, es hat lange gedauert, vier Stunden. Das Bild mit den Töpfen und den Flammen taucht immer wieder in seinen Träumen und Gedanken auf, noch Jahre später. Ibrahims Großmutter Bahide, seine Schwester Yeliz und seine Cousine Ayse Yilmaz sterben in jener Nacht vom 23. auf den 24. November 1992.

Auch jetzt, im steril wirkenden Theatersaal eines großen Seniorenwohnstifts in Mölln, ist das kurze, bellende Husten immer wieder zu hören. Ibrahim, inzwischen ein junger Familienvater, kommt den Gang herunter. Er trägt ein tailliertes dunkelblaues Jackett und wirkt sportlich. Freundlich, verhalten lächelnd, umarmt er Verwandte und Freunde. Zusammen mit den anderen Arslans sitzt er ganz vorn. 20 Jahre danach wird in der schleswig-holsteinischen Stadt an den rassistischen Anschlag erinnert. Die Regisseurin Malou Berlin zeigt ihren Dokumentarfilm „Nach dem Brand“.

Die Filmvorführung am vergangenen Freitagabend ist Auftakt für eine ganze Gedenkwoche. An deren Ende, am heutigen Freitag, dem Jahrestag, wollen Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig und der türkische Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu nach Mölln kommen.
Bürgermeister Jan Wiegels und die Pröpstin Frauke Eiben begrüßen das Publikum, zum großen Teil Schüler, der Saal ist nicht voll. Das Licht geht aus, der Film beginnt. Tanzmusik erklingt, es sind fröhliche Bilder der Hochzeit von Ibrahim Arslan zu sehen. Schnitt.

Nun wird das wiederaufgebaute Brandhaus gezeigt, mit der Gedenktafel und einem Trauerkranz. Es ist der Gedenktag 2007 in Mölln. „Salem Aleikum und schönen guten Abend.“ Ibrahim Arslan, damals noch pausbäckiger, steht in einem Versammlungssaal vor dem Mikrofon. Aufgeregt ist er, er spricht das erste Mal vor Publikum zu diesem Anlass. „Mein Auftritt soll zeigen, dass die Familie Arslan nicht gestorben ist und niemals sterben wird. Die Familie Arslan wird diesen Gedenktag weiter verfolgen. Ich bin kein Demonstrant, ich bin kein Politiker, ich bin ein Türke und mein Herz ist voller Frieden und Gerechtigkeit.“

Vier Jahre lang hat die Berliner Regisseurin die Arslans begleitet, im Mittelpunkt des 50-minütigen Films steht Ibrahim, der heute in einer Großstadt lebt und in der Kaffeebranche arbeitet. Vor zehn Jahren sind die Arslans weggezogen aus Mölln. Zu viele Erinnerungen. Zu viele dumme Bemerkungen. Die Dokumentation zeigt, wie sehr der Anschlag das Leben der Familie immer noch bestimmt, wie Seele und Körper rebellieren.

Da ist Ibrahims Husten. Vater Faruk spricht über seine Depressionen und Alkoholprobleme, Mutter Hava erklärt, wie sie durch den Anschlag ihre Deutschkenntnisse verlor. Sie hat wieder angefangen, Deutsch zu lernen, langsam kommt es zurück.

"Wir hatten das Gefühl, dass wir als Opfer stören"

Hava Arslan hat sich in der Brandnacht aus dem ersten Stock gestürzt, nachdem sie Ibrahims Bruder Namik in ein Sprungtuch der Feuerwehr geworfen hatte. Auch Ibrahims Tante Ayten, die zusammen mit ihrem Sohn Emra aus dem Fenster sprang, gehörte zu den insgesamt neun Schwerverletzen.

Bevor damals in der Altstadt von Mölln das Haus der Arslans in der Mühlenstraße brannte, hatten die Neonazis Lars Christiansen, 19 Jahre alt, und Michael Peters, 25 Jahre alt, Molotowcocktails gegen ein anderes Haus in der Ratzeburger Straße geworfen. Es war ebenfalls von türkischen Migranten bewohnt, sie konnten sich knapp retten. Kurz darauf gingen Bekenneranrufe bei der Polizei ein – beide endeten mit „Heil Hitler“.

Der Film über die Arslans zeigt Trauer und Tränen, hat aber auch lebensfrohe Momente. Da wird Kuchen gebacken, im Kleingarten geerntet, Freizeitfußballer jubeln gemeinsam und der Enkel spielt im Kinderzimmer mit dem Kreisel. Man sieht, wie Ibrahim in die Moschee geht, wie er mit seinem Vater gegen das Sarrazin-Buch protestiert, wie er sich fassungslos die alten Presseberichte über den Brandanschlag in einem Online-Archiv anschaut. In welcher Stadt die Arslans wohnen, erfährt man nicht, das wollen sie nicht.

Die Familie ringt um ein neues Selbstbewusstsein, mit Hilfe von Freunden und Unterstützern will sie stärker mitbestimmen, auf welche Weise des Anschlags gedacht wird. Schließlich sind sie die einzige Opfer-Familie, die sich zeigt beim Gedenken, die anderen acht betroffenen Familien bleiben während der Veranstaltungen lieber inkognito. „Jahrelang bestimmte die Stadt, wie das Gedenken abläuft“, sagt Ibrahim. „Wir waren Randfiguren, hatten das Gefühl, dass wir als Opfer stören.“

Auch unter denen, die der Familie nahestehen, gibt es Kritik. Von Bevormundung und fehlender Berücksichtigung ist die Rede. Vorwürfe, die die Stadt Mölln zurückweist. Anlässlich des 20. Jahrestages hat sich ein „Freundeskreis im Gedenken an den rassistischen Brandanschlag von Mölln 1992“ gegründet. Diesmal soll es anders sein, das Gedenken. Die neuen Einflüsse werden schon daran deutlich, dass der Hamburger Musiker Jan Delay ein Gedenkkonzert gab und die Nazi-Jägerin und Journalistin Beate Klarsfeld am Freitag eine Rede halten soll. Auch die Publizistin Hilal Sezgin und der Schriftsteller Imran Ayata treten auf. Ein Programm, das die Stadt Mölln allein so wohl kaum zusammengestellt hätte.

Die Arslans wollen die Erinnerung wachhalten, doch es fällt ihnen schwer, Jahr für Jahr an den Ort des Geschehens zurückzukommen. Das ist für sie kaum auszuhalten, wie auch der Film zeigt. Sie sind dann ganz steif und verkrampft in ihrer Trauer. Kann man so gesund werden? Soll die Familie besser ganz abschließen damit? Doch sie wollen weitermachen.

Nach der Filmvorführung steht Ibrahim Arslan gemeinsam mit Regisseurin Malou Berlin auf der Bühne, dankt der Filmcrew für ihre einfühlsame Arbeit und demonstriert gleichzeitig etwas von dem neuen Selbstbewusstsein. „Dieser Film ist der Familie wichtig, weil wir unsere Sicht nach vorne bringen wollen. Die Opferperspektive sollte im Vordergrund stehen“, sagt er. „Wir wollen zu Wort kommen. Wenn man auf uns zugeht, dann verschließen wir uns nicht.“ Die Regisseurin Malou Berlin sagt, dass es die herzliche Verbindung mit der Familie war, die sie und ihr Team durchhalten ließ, bei diesem No-Budget-Film.

Am folgenden Tag sammeln sich vormittags Demonstranten auf dem Platz vor der Möllner Kreissparkasse. Viele Teilnehmer sind szenetypisch schwarz gekleidet, es gibt eine Volksküche und Transparente mit Aufschriften wie: „Kein Frieden mit Staat, Nation und ihren Nazis“. Ibrahim Arslan schwingt sich am Lautsprecherwagen hoch und greift zum Mikrofon. Von seinem Husten ist kaum etwas zu merken bei seiner kurzen Ansprache. „Hier spricht ein Opfer! Nett, dass Ihr so zahlreich erschienen seid. Wir sind keine Statisten mehr, wir sind die Hauptzeugen des Geschehens – und wir machen den Weg gemeinsam mit euch.“

Vater Faruk Arslan hat schon öfter an Gedenkdemonstrationen teilgenommen, diesmal geht die ganze Familie mit. Hinter einem Transparent mit den Namen ihrer drei Toten führt sie den Zug an. Rund 800 Menschen sind gekommen, aufgerufen haben die Linkspartei und antifaschistische Gruppen. Initiativen aus ganz Norddeutschland beteiligen sich; Bürger aus Mölln sind kaum dabei, als sich der Zug gegen Mittag in Bewegung setzt.

Es geht in Richtung Brandhaus in der Mühlenstraße. Hier und in anderen Möllner Straßen waren Anfang November rechtsradikale Parolen an Wände gesprüht worden. „Nationaler Sozialismus – jetzt“ stand da und „Deutschland braucht dich – werde aktiv“. Nun sind die rechten Graffiti übermalt oder überklebt. Bevor die Demonstranten schweigend am Brandhaus vorbeiziehen, wird bei einer Kundgebung an die Zeit vor 20 Jahren erinnert. Als es hieß „Das Boot ist voll“, als die Parteien nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen über den sogenannten Asylkompromiss verhandelten, als es in einem Klima hysterischer Debatten ständig Brandanschläge auf Asylbewerberheime gab. Als die Neonazis Michael Peters und Lars Christiansen in Mölln mordeten. Die 1993 verurteilten Täter sind schon lange wieder auf freiem Fuß und leben unter neuen Identitäten irgendwo in Deutschland.

Dem Trauma trotzen

Die Redner auf dem Möllner Mühlenplatz ziehen auch Parallelen zwischen den Morden von 1992 und der 2011 aufgedeckten Mordserie der NSU-Terroristen. Auch im Möllner Fall hatten die Ermittler zunächst die Opfer-Familie und ihr Umfeld in Verdacht; auch beim Anschlag in Mölln zeigte sich der Verfassungsschutz überrascht vom rechtsextremen Gewaltpotenzial.

Die Familie Arslan will die NSU-Mordserie zum Thema beim diesjährigen Möllner Gedenken machen. Deshalb wurde Fadime Simsek eingeladen, die Nichte des ersten NSU-Mordopfers Enver Simsek. Dabei sein soll auch Hülya Özdag, die Konditoreibetreiberin, die 2004 den Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße erlebt hat. „Als ich von der NSU-Mordserie hörte, hat mich das beunruhigt. Ich dachte, es hat sich nichts geändert in den 20 Jahren. Rechtsradikalismus und Faschismus sind weiter Teil unserer Gesellschaft“, sagt Ibrahim Arslan. „Und wenn wir uns dem nicht als Gesellschaft entgegenstellen, dann wird das auch in 20?Jahren noch so sein.“

Hier spricht einer, der sich nicht irritieren lässt, wenn ihm vorgeworfen wird, er spreche inzwischen die Sprache der Antifa. Oder dass er und seine Familie eine Personality-Show abziehen. Ibrahim Arslan will Respekt. Und er will, dass das wiederaufgebaute Brandhaus eine Gedenkstätte wird. Dass es nicht bloß Wohnhaus bleibt, mit einer Gedenktafel, auf der nicht einmal steht, dass es Neonazis waren, die den Brandanschlag verübten. Er will dem Trauma trotzen: „Je mehr Opfer ihre Stimme erheben, desto besser."

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