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re:publica 13 „Twitter rettet Leben“

Auf der Internetkonferenz Re:publica in Berlin diskutieren seit Montag 5000 Internetbegeisterte über den drastischen Wandel, den das Netz in allen Gesellschaftsbereichen angestoßen hat. Eine der Rednerinnen ist die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez.

07.05.2013 17:02
Marin Majica
Blau, weiß, bunt: Besucherinnen der Re:publica vor einer bemalten Wand. Foto: getty images/Sean Gallup

Auf der Internetkonferenz Re:publica in Berlin diskutieren seit Montag 5000 Internetbegeisterte über den drastischen Wandel, den das Netz in allen Gesellschaftsbereichen angestoßen hat. Eine der Rednerinnen ist die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez.

Yoani Sánchez kommt von einem Ort, an dem es das Internet eigentlich gar nicht gibt. „Die Insel der Nicht-Verbundenen“ nennt sie ihre Heimat Kuba. Private Internet-Zugänge sind dort Vertretern der Elite vorbehalten, kritische Inhalte werden zensiert. Umso bemerkenswerter ist es, dass die 37-Jährige zu einem Internetstar geworden ist. „Wir haben gelernt, Hackfleisch ohne Fleisch zu machen, und wir machen Internet ohne Internet“, beschreibt Sánchez das Improvisationstalent der krisengewohnten Kubaner.

Sánchez erzählt das am Montag auf der Bühne zum Auftakt der Berliner Internetkonferenz Re:publica. Dass sie Kuba verlassen darf, schien jahrelang unmöglich. Seit 2007 beschreibt sie den kubanischen Alltags in ihrem Blog „Generation Y“ und auf Twitter so lebensnah, dass sie für viele zur prominentesten unabhängigen Stimme Kubas geworden ist. Fans übersetzen ihr Blog in zwanzig Sprachen.

Ihre Kritik an den Verhältnissen ist aber auch so unverblümt, dass sie immer wieder Repressionen ausgesetzt ist. Mehrfach wurde sie festgenommen, etwa von Unbekannten in ein Auto gezerrt, drangsaliert und am anderen Ende der Stadt ausgesetzt. Ihre Anträge auf einen Ausreiseerlaubnis wurden immer wieder abgelehnt.

Im Februar kam die Wende: Sánchez durfte Kuba verlassen und ist seitdem auf einer Tournee. Ihr Auftritt in Berlin fällt auf den 78. Tag ihrer Reise. Kaum angekommen, war sie spazieren an den Resten der Mauer. Dass sie seit ihrer Ausreise nicht mehr dauernd von Uniformierten kontrolliert und gegängelt wird, sei für sie die größte Erleichterung, schreibt sie in ihrem Blog. Dazu gehört auch, dass sie auf dem Smartphone, das ihr ihre Schwester aus den USA geschickt hat, nun dauernd ins Internet kann – auf alle Seiten, in flüssiger Geschwindigkeit. „Ich fühle mich wie ein kleines Mädchen in einem Spielzeugladen“, erzählt Sánchez nach ihrem Auftritt und lacht unbeschwert.

Ihr Alltag als Bloggerin in Kuba sieht anders aus, allein schon technisch. Um ins Internet zu gehen, musste sie sich früher in ein Hotel reinschmuggeln. Sie gab sich mit dem Deutsch, das sie in der Schweiz gelernt hat, als Touristin aus. Seit Fidels Bruder Raúl die Macht ausübt, dürfen auch Kubaner in Hotels ins Internet gehen, aber das ist teuer, sechs bis zwölf Dollar koste es in der Stunde, erzählt Yoani Sanchez. Der durchschnittliche Monatsverdienst seien 20 Dollar. Sie schreibt deshalb immer mehrere Blogeinträge vor, speichert sie auf einem USB-Stick, und wenn sie dann ins Netz kommt, datiert sie die Beiträge vor. „Wenn wir irgendwann Demokratie haben auf Kuba, werden wir dem USB-Stick ein Denkmal errichten müssen“, sagt Sánchez.

Auch den Kurzmitteilungsdienst Twitter zu benutzen, ist für Kubaner beschwerlich. Es funktioniert per SMS: Vier Nachrichten an eine bestimmte Servicenummer sind nötig, dann können Nachrichten abgesetzt werden. Die für soziale Medien typische Interaktion mit anderen Nutzer ist so nicht möglich, Kubaner nennen es „Twittern im Dunkeln“, erzählt Sánchez. „Aber es ist wichtig, dass wir so berichten können, das hat viel verändert“, sagt sie. Ihr Appell an die Berliner Zuhörer: Sie sollen Twitter-Stimmen aus Kuba verstärken, indem sie die Botschaften weiterleiten, retweeten. Das schaffe Aufmerksamkeit und schütze Kubaner vor den Behörden. „Twitter rettet Leben“, sagt Sánchez.

Mit ihrem Engagement zieht sich Yoani Sánchez auch Unmut zu. Ihr Blog steht zurzeit wieder unter Beschuss von Hackern, und wo immer sie hinkommt, mobilisieren Exil-Kubaner gegen sie. Sie werfen ihr eine zu große Nähe zu den USA vor. Wenn Sanchez am Mittwoch im Berliner Instituto Cervantes auftritt, werden sie auch dort sein, die kubanische Botschaft hat zu Protest aufgerufen. „Das bereitet mir keine Sorgen. Ich bin froh in einem Land zu sein, wo die Leute zusammenkommen dürfen, um für oder gegen jede öffentliche Person zu protestieren.“

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