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Raus aus der Stadt Arztpraxis ohne Wert

Um die hohe Arztdichte in den Städten zu verringern, soll die Zulassung bei der gesetzlichen Krankenkasse nicht mehr verkauft oder vererbt werden dürfen.

Arzt mit Stethoskop in der Hand. Foto: dpa

Deutschlands Ärzte sollen nach dem Willen der gesetzlichen Krankenkassen jahrzehntealte Privilegien verlieren, um die hohe Medizinerdichte in den Städten zu verringern und die medizinische Versorgung auf dem Land zu verbessern. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen fordert, dass Mediziner ihre Zulassung als Kassenarzt nicht mehr verkaufen oder vererben dürfen. Stattdessen sollen diese bei Aufgabe der Praxis verfallen.

Auf diese Weise wollen die Kassen die Zahl der Ärzte in den Städten schrittweise abbauen. Zugleich soll den Medizinern, die sich in Gebieten mit hoher Arztdichte ansiedeln wollen, die Honorare gekürzt werden. Ziel beider Maßnahmen ist, dass sich die Ärzte auch in weniger gut versorgten Regionen niederlassen, also beispielsweise in sozialen Brennpunkten oder auf dem Land.

Zulassung teilweise mehr als 100.000 Euro wert

„Alle Anstrengungen der schwarz-gelben Koalition, mehr Landärzte zu gewinnen, verpuffen völlig wirkungslos, wenn das Problem der Überversorgung nicht angegangen wird“, sagte der Vize-Chef des Spitzenverbands Johann-Magnus von Stackelberg der Frankfurter Rundschau.

Ohne die vorgeschlagenen Änderungen werde das von Union und FDP auf den Weg gebrachte Versorgungsgesetz zudem zu höheren Ausgaben führen. „Die teure Überversorgung wird auf Kosten der Beitragszahler zementiert und die Versicherten allein müssen die höheren Kosten am Ende über die Zusatzbeiträge bezahlen“, warnte er. Nach früheren Angaben des Spitzenverbandes kostet die Überversorgung pro Jahr etwa fünf Milliarden Euro allein für das ärztliche Honorar. Das entspricht 0,5 Beitragssatzpunkten.

Derzeit kann jeder Arzt die Lizenz, mit den gesetzlichen Krankenkassen abzurechnen, am Ende seines Berufslebens verkaufen oder vererben. Der Wert einer Zulassung kann je nach Region und Arztgruppe mehr als 100.000 Euro betragen. Einmal vergebene Vertragsarztsitze lassen sich so praktisch nicht mehr zurückholen. „Damit wird der dringend nötige Strukturwandel verhindert“, argumentiert von Stackelberg. Nach dem Vorschlag der Kassen würde eine Zulassung automatisch erlöschen, wenn sich der Arzt zu Ruhe setzt oder die Praxis aus anderen Gründen aufgibt.

Stadt-Ärzte aufs Land locken

Auf diese Weise könnte die Zahl der Arztsitze in den überversorgten Gebieten reduziert werden. Da manche Ärzte derzeit den Verkauf der Zulassung mit Blick auf die Altersvorsorge eingeplant haben, soll die Änderung aber nur für solche Ärzte gelten, die neu als Kassenarzt einsteigen wollen.

Der Spitzenverband hält daran fest, dass es zumindest derzeit keinen generellen Ärztemangel gibt, sondern dass ein Verteilungsproblem besteht. „Wir haben in überversorgten Gebieten 25000 niedergelassene Ärzte zu viel und in Mangelregionen lediglich 800 niedergelassene Ärzte zu wenig“, sagte von Stackelberg.

Deshalb sollen Abschläge bei den Honoraren zusätzlich dafür sorgen, dass die überversorgten Gebiete unattraktiver für eine Niederlassung werden. „Wir müssen den Run auf die Städte eindämmen, sonst werden wir nie Ärzte für die Versorgung auf dem Land gewinnen“. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) lehnt es bisher allerdings strikt ab, die Mediziner an irgendeiner Stelle schlechter zu stellen. Im Kompromiss mit der Union über das geplante Versorgungsgesetz ist daher lediglich vorgesehen, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen leichter in der Lage versetzt werden, Arztsitze wieder zurückzukaufen.

„Mehr war mit der FDP nicht drin“, heißt es bedauernd auf Unionsseite, die mit der Forderung in die Verhandlungen gegangen war, die Zulassungspraxis zu ändern. Der Beratungen über das Gesetz werden fortgesetzt.

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