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Rassismus-Studie in der Türkei Christen in Angst

Jeder Fünfte will keinen Ausländer zum Nachbarn: Muslime in der Türkei haben starke Vorbehalte gegen Andersgläubige. Von Gerd Höhler

Bülent Arinc türkischer Vize-Premier, nennt die Ergebnisse der Rassismus-Studie "erschreckend". Foto: afp

In der Türkei gibt es deutliche Ressentiments gegenüber Ausländern und Menschen, die keine Muslime sind. Das zeigt eine Studie, die jetzt mit Unterstützung der EU von der jüdischen Gemeinde in der Türkei ausgearbeitet wurde. Etwa jeder Fünfte will keinen Ausländer zum Nachbarn, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage. 57 Prozent der Bevölkerung wollen nicht neben Atheisten wohnen, 42 Prozent lehnen Christen als Nachbarn ab. Juden genießen nur ein wenig mehr Akzeptanz: 35 von 100 Befragten lehnen auch sie als Nachbarn ab. Die Mehrheit der Befragten kann sich auch nicht mit der Idee anfreunden, dass Christen oder Juden bei der Polizei und der Armee beschäftigt werden oder Aktivitäten in politischen Parteien entwickeln.

In der Türkei, deren Bewohner zu 99,8 Prozent Muslime sind, leben etwa 110000 Christen. Die jüdische Gemeinde zählt etwa 25000 Menschen. Der türkische Vize-Premier Bülent Arinc bezeichnete gegenüber der Zeitung Radikal die Ergebnisse der Studie als "erschreckend". Er rief die Türken auf, den Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften mehr Respekt entgegenzubringen.

Diesen Appell hätte er freilich auch an die eigene Regierung richten können. Denn nichtmuslimische Gemeinden sind in der Türkei praktisch rechtlos. Sie dürfen weder Immobilien besitzen noch Bankkonten führen. Die EU, mit der die Türkei über einen Beitritt verhandelt, fordert seit Jahren Religionsfreiheit für nicht-muslimische Kirchen in der Türkei. Und US-Präsident Barack Obama traf während seines Türkei-Besuchs im April demonstrativ mit nicht-muslimischen Religionsführern zusammen, um ihre Sorgen anzuhören.

Es bleibt nicht bei Vorurteilen und Diskriminierungen. Viele Christen in der Türkei leben in Angst, seit 2006 im nordtürkischen Trabzon ein katholischer Priester in seiner Kirche während des Gebets von einem nationalistischen Fanatiker erschossen wurde. Im April 2007 wurden im osttürkischen Malatya drei christliche Missionare, unter ihnen ein Deutscher, von mutmaßlichen Rechtsextremen stundenlang grausam gefoltert, bevor die Täter ihnen die Kehlen durchschnitten. Vergangenes Jahr konnte die Polizei in der Touristenhochburg Antalya ein Attentat auf einen 30-jährigen katholischen Priester in letzter Minute verhindern.

Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat zwar mehrfach versprochen, sich der Probleme anzunehmen. Aber es blieb bisher bei Ankündigungen. Eine Wiederer- öffnung des 1972 vom Staat zwangsweise geschlossenen orthodoxen Priesterseminars auf der Insel Heybeliada (Chalki) ist nicht in Sicht. Auch die katholischen Christen in der Türkei kämpfen bisher vergeblich um die Pauluskirche im südtürkischen Tarsus, die ein Museum ist und nur in Ausnahmefällen für Gottesdienste genutzt werden darf.

Beide Konflikte gelten als Prüfstein für die Religionsfreiheit in der Türkei - ein Thema, das auch im Ende Oktober erwarteten Fortschrittsbericht der Europäischen Union wieder kritische Erwähnung finden dürfte.

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