Lade Inhalte...

Rassismus Desillusion in den USA

50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung hat sich wenig geändert. Die Tatsache, dass Obama als erster schwarzer Präsident ins Weiße Haus gewählt wurde, hat wie schon die Gesetzgebung der 60er Jahre falsche Hoffnungen geweckt.

27.11.2014 17:56
Sebastian Moll
Damals wie heute gibt es Unruhen, damals wie heute hat sich nichts geändert. Foto: rtr

Es war ein peinlicher Augenblick für Don Lemon, den schwarzen Reporter, den das TV Netzwerk CNN in dieser Woche nach Ferguson entsandt hatte, um authentisch und empathisch von den Frontlinien der Rassenunruhen zu berichten. Sichtlich angewidert stand der adrette junge Lemon vor der rauchenden Ruine eines abgebrannten Gebäudes und interviewte Jesse Jackson, die Bürgerrechtsikone, die in den 60er Jahren bereits Seite an Seite mit Martin Luther King marschiert war.

„Damals seid ihr doch ohne so etwas ausgekommen“, sagte Lemon zu Jackson, „da wart ihr doch gewaltfrei. Was hat sich denn geändert in der Kultur?“ Lemon hoffte darauf, dass der altgediente Kämpfer ihm einen Vortrag über den Moralverfall der neuen Generation hält, doch das Gegenteil war der Fall. „Lieber Don“, belehrte Jackson den jungen Journalisten. „Ich darf daran erinnern, dass die schlimmsten Rassenunruhen unserer Geschichte – Watts 1965, Newark 1967, Detroit 1968 – genau in diese Zeit fielen. Das ist nichts Neues hier.“

Lemons verklärtes Bild einer guten alten Zeit des friedvollen zivilen Ungehorsams war damit zerplatzt. Stattdessen erteilte Jackson Lemon eine Lektion in der Dauerbefindlichkeit der schwarzen Unterschicht. „Was ich hier sehe, ist ein tief sitzender Schmerz, geboren aus einer endlosen Kette des Missbrauchs, die Teil unserer amerikanischen Geschichte ist“, erklärte Jackson. „Armut und Ungerechtigkeit, angefacht durch Polizeibrutalität, sind Massenvernichtungswaffen.“

Parallelen zu den 60er Jahren

In der Tat kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das schwarze Amerika nicht von der Stelle kommt, wenn man auf die Unruhen der 60er Jahre schaut. Die Verkettung der Ereignisse von damals und heute gleicht sich auf beinahe unheimliche Weise. In Watts, einem afroamerikanischen Ghetto im Süden von Los Angeles, wurde am 11. August 1965 der 21 Jahre alte Taxifahrer Marquette Frye von einem Polizisten wegen angeblich gefährlicher Fahrweise angehalten und aus dem Auto gezogen.

Weil die Gegend, ähnlich wie Ferguson, eine tief verwurzelte Tradition von Polizeigewalt gegen die Bevölkerung hatte, kam es rasch zu einem Handgemenge mit Passanten, darunter der Bruder und die Mutter von Frye. Die beiden wurden unter Gewaltanwendung verhaftet, die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. In den folgenden sechs Tagen verwandelte sich Watts in ein Kriegsgebiet. Rund 30 000 Anwohner lieferten sich Straßenschlachten mit der Nationalgarde, beinahe 300 Gebäude wurden abgebrannt.

Der Bürgerrechtler Bayard Rustin nannte in einem Aufsatz von 1966 die Unruhen von Watts „den ersten offenen Protest der schwarzen Bevölkerung gegen die Lebensbedingungen in den Slums“. Es sollte nicht der letzte sein. Im Juli 1967 wurde in Newark im Staat New Jersey wieder ein schwarzer Taxifahrer von zwei Polizisten schikaniert. Passanten beobachteten, wie er schon vor dem Revier geprügelt und dann scheinbar bewusstlos in das Gebäude gezerrt wurde.

Wie in Watts verwandelte sich Newark im Handumdrehen in ein Kriegsgebiet. Nach sechs Tagen waren 26 Menschen tot, 725 verletzt und mehr als 1500 verhaftet. Nur wenige Tage später explodierte Detroit – wie Newark eine Stadt, die durch eine zunehmende automatisierte Industrie ein Heer arbeitsloser Afroamerikaner in der sterbenden Innenstadt hinterlassen hatte. Wie in Newark und Watts wurden Unruhen durch eine übergriffige Polizei ausgelöst.

In den Morgenstunden des 23. Juli stürmte die Polizei eine Kneipe, um die Feiernden wegen Missachtung der Sperrstunde zu verhaften. In dem Lokal befanden sich mehr als 80 gerade heimgekehrte Vietnamveteranen. Die Polizisten wurden mit Steinen beworfen, als sie die Veteranen abführten. Nach sechs Tagen Straßenkampf waren 43 Menschen tot, mehr als 7000 verhaftet und geschätzte 80 Millionen Dollar Sachschaden angerichtet. Detroit hat sich bis heute davon nicht erholt.

Es ist bemerkenswert, dass sich diese Ausbrüche Jahre nach den großen Triumphen der Bürgerrechtsbewegung ereigneten. Der Civil Rights Act und der Voting Rights Act, die Afroamerikanern volle Gleichstellung vor dem Gesetz sicherten, waren 1964 und 1965 verabschiedet worden. Doch das schwarze Amerika begann zu begreifen, dass sich ihre Lebenswirklichkeit dadurch nicht ändern würde. Das schwarze Amerika war desillusioniert.

Kürzlich schrieb Cornel West, der 1992 mit seinem Aufsatz über den „schwarzen Nihilismus“ für Aufruhr sorgte, dass „der Zustand des schwarzen Amerika im Zeitalter von Obama einer der Verzweiflung, Verwirrung und Kapitulation“ sei. Die Tatsache, dass Obama als erster schwarzer Präsident ins Weiße Haus gewählt wurde, habe wie schon die Gesetzgebung der 60er Jahre die falschen Hoffnungen geweckt, dass sich in den USA etwas Grundsätzliches ändern würde. Stattdessen habe sich Obama jedoch als weiterer Vertreter des „neoliberalen Regimes“ entpuppt. Jetzt ist die Desillusionierung größer als je zuvor. Und Ferguson ist dafür der deutlichste Ausdruck.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum