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Radioaktive Strahlung Rekruten als Versuchskaninchen

Ein Geheimbericht zeigt: Frankreich hat bei seinen frühen Atomtests Soldaten vorsätzlich radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Warum? Um die Reaktion von Truppen in einem Atomkrieg zu untersuchen. Von Axel Veiel

Fireball of H-bomb explosion after test
Nach der Bombenexplosion schickten Befehlshaber der französischen Armee seine Leute in der Wüste Algeriens auf Patrouille. Foto: getty

Paris. "Vertraulich - Verteidigung", steht auf dem Dossier über Frankreichs erste Atombombenversuche in der algerischen Sahara. Seit Dienstag ist es mit der Vertraulichkeit vorbei. Die Zeitung Le Parisien hat Auszüge aus dem Bericht veröffentlicht, die schaudern lassen. Schon zuvor war Frankreichs Armee dem Vorwurf ausgesetzt, bei Kernwaffentests in den 60er Jahren erschreckend sorglos agiert zu haben. Im Licht des 260-seitigen Dossiers erscheint ihr Vorgehen nun skrupellos, ja "fast kriminell", wie Patrice Bouveret sagt. Er ist Vorsitzender des Observatoriums für Rüstung.

Bei den 17 erst oberirdisch und dann unterirdisch durchgeführten Atombombentests in der algerischen Wüste setzte der französische Generalstab die ihm anvertrauten Soldaten demnach nicht nur fahrlässig radioaktiver Bestrahlung aus. Die Befehlshaber schickten Rekruten absichtlich kurz nach dem Zünden einer Bombe an den Explosionsort, um "die körperlichen und seelischen Auswirkungen der Atomwaffe auf den Menschen zu erkunden".

Viele haben Krebs

Der Argwohn vieler Veteranen, unwissentlich als Versuchskaninchen gedient zu haben, hat sich damit 50 Jahre nach den Tests erhärtet. "Wir Menschen zählten damals nichts", sagt Lucien Parfait, einer von 4800 Angehörigen des Verbands der Veteranen der Nuklearversuche. Rund ein Drittel der Mitglieder ist an Krebs erkrankt, etwas mehr als die Hälfte leidet an anderen, der Verstrahlung zugeschriebenen Krankheiten.

Schwerpunkt des 1998 erstellten Berichts ist der vierte und letzte oberirdische Atomtest vom 25. April 1961. Der Versuch mit dem Code-Namen "Gerboise verte" (Grüne Wüstenspringmaus) sollte zeigen, wie ein mit Atomwaffen angegriffenes Gelände zurückerobert werden kann. "Zwanzig Minuten nach der Explosion stiegen die Männer aus ihren Schutzräumen und betrachteten furchtsam den Atompilz", heißt es im Dossier. Weitere 40 Minuten später habe sich eine Patrouille dem Explosionsort bis auf 275 Meter genähert, unter den Füßen der Männer verbrannter Sand. Schlussfolgerung aus dem Experiment: Um den Soldaten "körperlich und moralisch zu einem modernen Kämpfer auszubilden", empfiehlt es sich, die Gasmasken, die die Beweglichkeit einengen, durch einfache Staubmasken zu ersetzen.

Frankreichs Verteidigungsminister Hervé Morin hat versichert, vom Bericht bisher nichts gewusst zu haben. Das Parlament habe auf seine Initiative Ende 2009 ein Gesetz verabschiedet, dass Opfern der Atomversuche Entschädigung zuspricht. Zehn Millionen Euro wurden bereitgestellt, eine Summe, die nach Morins Worten bei Bedarf erhöht werden soll. Noch 2001 hatte die Regierung bestritten, dass bei den 210 Atomtests zwischen 1960 und 1996 in der Sahara und im Pazifik Menschen zu Schaden gekommen seien.

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