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Pussy Riot Russland Wie die Inquisition

In Moskau hat die Hauptverhandlung im international kritisierten Prozess gegen Mitglieder der regierungskritischen Punkband Pussy Riot begonnen. Zum Auftakt am Montag erklärten die drei angeklagten Frauen ihre Unschuld.

Nadezhda Tolokonnikova und Maria Alyokhina sitzen seid fünf Monaten in Untersuchungshaft. Sie verfolgten den Prozess eingesperrt in einer vergitterten Glasbox. Foto: REUTERS

An diesem Montag stehen drei junge Frauen darin; noch können sie es an Prominenz nicht mit dem Oligarchen aufnehmen, aber das könnte sich ändern. Denn ihr Prozess droht jetzt schon so absurd zu werden wie der seine. Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch sind bereits den fünften Monat in Untersuchungshaft – und das nur, weil sie in der Moskauer Kathedrale ein provokatives Punkgebet aufgeführt haben. In Masken tanzten sie vor dem Altar und riefen die Gottesmutter auf, Wladimir Putin zu vertreiben.

Eine Kerzenputzerin klagt

An diesem ersten Verhandlungstag wird die Anklage verlesen. „Hooliganismus“ heißt der Paragraf, es stehen bis zu sieben Jahre Haft darauf. Gegenüber dem Glaskasten sitzen aber nicht nur zwei Staatsanwälte in ihren blauen Uniformen; es sitzen da nicht weniger als neun Nebenkläger. Da sind etwa die Wachleute aus der Christ-Erlöser-Kathedrale, und da ist die Kerzenputzerin, die freudig in sich hineinlächelt, während ihre Mitstreiter teilnahmslos schauen.

Zwei Kameras im Saal übertragen das Geschehen, ungewöhnlich für Russland, live ins Internet. Und eben das führt an diesem ersten Gerichtstag zum Streit. Die Staatsanwälte fordern ein Ende der Übertragung – sie bedeute ein Sicherheitsrisiko für die Prozessteilnehmer, sagen sie, angesichts der „Spaltung der Gesellschaft“.

Die Verteidigung wiederum weiß, dass maximale Öffentlichkeit ihr bester Schutz im absurden Verfahren ist. Die Anklageschrift ist noch gar nicht vorgestellt, da verliest Anwältin Violetta Wolkowa ihrerseits schon drei ausführliche Stellungnahmen ihrer Mandantinnen dazu – „weil wir das tun wollen, solange dieser Prozess noch öffentlich ist“.

Nadeschda Tolokonnikowa – sie ist die bekannteste der drei und Ehefrau des Aktionskünstlers Peter Wersilow, der im Publikum sitzt – lässt die Gesellschaft wissen, dass sie ihren Auftritt bereue. Es sei ein moralischer Fehler gewesen, in der Kirche aufzutreten, wie sie jetzt verstehe, aber gewiss kein Verbrechen im strafrechtlichen Sinne. Nicht Feindschaft gegen Kirche und Gläubige habe sie getrieben, sondern ein politisches Motiv: Dass Patriarch Kirill sich zugunsten Putins in den Präsidentschaftswahlkampf eingemischt habe.

Um Bürger einzuschüchtern

„Ich bin selbst rechtgläubig“, ergänzt Maria Aljochina durch Anwältin Wolkowas Mund; „und die Kirche müsste alle ihre Kinder lieben. Aber sie liebt nur die, die Putin lieben“. Aljochina ist – wie Tolokonnikowa – selbst Mutter eines kleinen Kindes, von dem sie nun getrennt ist. „Dieser Prozess ist der Anfang einer autoritär-repressiven Kampagne, um die politische Beteiligung zu senken und Bürger einzuschüchtern“, lässt Samuzewitsch mitteilen.

Das denken auch einige Bürger, die vor dem weitläufig abgesperrten Gericht demonstrieren. Viele sind es nicht, dafür ist die frömmelnde Gegenseite gar nicht erschienen. Aber der Fall Pussy Riot erbost viele Moskauer. Und im Gerichtssaal wiederum sind die Anwälte der Nebenkläger erbost, dass die Richterin den Angeklagten überhaupt eine Plattform für ihre Stellungnahmen gegeben hat. Am Nachmittag wird die Online-Übertragung abgeschaltet, dann beginnt überraschend früh die Zeugenbefragung. Der Prozess, so scheint es, soll schnell durchgepeitscht werden.

„Es ist wie die Inquisition“, sagt kopfschüttelnd der Vater von Jekaterina Samuzewitsch vor dem Gerichtssaal. Er erwartet, dass seine Tochter auf lange Zeit in Haft kommt.

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