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Pussy Riot Prozess Ein Stups für die Fallenden

Im Pussy-Riot-Prozess tritt die rätselhafteste Zeugin auf – und auch Präsident Wladimir Putin meldet sich zu Wort. Er will keine strengen Strafen mehr für die Feministinnen.

Die drei Mitglieder der Punk-Rock-Band Pussy-Riot vor Gericht. Foto: dpa

Im Pussy-Riot-Prozess tritt die rätselhafteste Zeugin auf – und auch Präsident Wladimir Putin meldet sich zu Wort. Er will keine strengen Strafen mehr für die Feministinnen.

Nun hat sich also auch Wladimir Putin zu Wort gemeldet. Die drei Feministinnen, denen wegen einer Protestaktion in der Moskauer Kathedrale lange Haftstrafen drohten, sollten „nicht zu streng bestraft werden“, sagte er am Donnerstagabend in London. Selbst Wsewolod Taschaplin, Chefideologe des Moskauer Patriarchats, begrüßte die Präsidentenworte am Morgen danach – vor Tagen hatte er noch eine harte Bestrafung gefordert. Putin äußerte sich während eines Besuchs beim Olympia-Judoturnier.

Heiterkeit streng verboten

Ob seine Worte den Angeklagten helfen, ist fraglich – so wie auch die Bombendrohung, die am selben Tag zur Räumung des Gerichtssaales führte, den Prozess nicht aufhalten konnte. Das war um halb elf Uhr morgens; der vierte Verhandlungstag hatte gerade begonnen, und zwar mit der üblichen scharfen Ermahnung an die Presse, jede Heiterkeit werde mit Entfernung aus dem Saal bestraft. Die Mahnung war nötig, so absurd wirkt dieser Prozess.

Die Anklage rief ihre Zeugen auf. Etwa die Kirchenangestellte Irina Schukowa, die in der Epiphaniaskirche zu Jelochowo sah, wie drei maskierte Frauen eindrangen und ein Lied schmettern wollten – es war offenbar jener Auftritt, mit dem die Pussy-Riot-Gruppe vorab ihren späteren Coup in Moskaus Kathedrale üben wollten. Das Lied klang, sagte Frau Schukowa, „nicht orthodox“, auch wenn ihr später schwerfiel, die Musikkategorie genauer zu beschreiben. Pussy Riot sehen sich als Punk-Rock-Band.

Auch Stanislaw Samuzewitsch, Vater der Angeklagten Jekaterina, war als Zeuge aufgerufen – ausgerechnet von der Anklage. Die hätte gern seine Aussagen gehört, die er schon den Ermittlern gegenüber gemacht hatte – dass nämlich seine Tochter einst fleißig und ordentlich gewesen, dann aber unter den verderblichen Einfluss von Anhängern der „so genannten zeitgenössischen Kunst“ gefallen sei, zu denen die Mitangeklagte Nadjeschda Tolokonnikowa gehöre. Seither wirke Jekaterina auf ihn „wie ein Zombie“, lebe verschlossen und unordentlich. Das alles wollte Vater Samuzewitsch aber nicht wiederholen, es wurde aus den Akten vorgelesen. Er habe dies in großer Erregung ausgesagt, erklärte er. Übrigens sei seine Tochter getauft, daheim hingen Ikonen. Verlegen grinste Jekaterina im Glaskasten.

Von Gerichtsdienern eingefangen

Die rätselhafteste Zeugin verschwand öfter aus dem Gebäude und musste von Gerichtsdienern und Staatsanwalt mühsam eingefangen werden. Die Kosmetikerin Matilda Iwaschenko sollte als Bekannte der Angeklagten Aljochina Nachteiliges über deren Lebenswandel berichten. Stattdessen meldete sie sich krank. In der Wartezeit vertieften sich die Journalisten in ihr bizarres Internet-Tagebuch mit rechtsradikalen Einträgen. „Wer hat gesagt, dass man den Fallenden aufhelfen soll? Den Fallenden soll man einen Stups geben, damit sie auf ihren Zellulitis-Hintern fallen“, so ein Eintrag gegen Pussy-Riot.

Den Fallenden zu helfen, war dagegen die prominente Schriftstellerin Ljudmilla Ulitzkaja gekommen. Die Verteidigung wollte sie als Zeugin aufrufen, aber dazu kam es nicht. Richterin und Verteidiger lieferten sich darüber ein eindrückliches Schrei-Duell.
Erst am Freitag wurden auch Zeugen der Verteidigung angehört – aufgeboten hatte diese Prominente, so den Oppositionspolitiker und Blogger Alexei Navalny. Es war der Versuch, von der juristischen auf die politische Ebene zu wechseln und so den absurden Prozess wenn nicht in den Augen der Richterin, so in den Augen der Öffentlichkeit zu gewinnen. Navalny wurde nicht vorgelassen.

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