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Prozess in Nürnberg Die Parallelwelt des „Reichsbürgers“

Heute wird der Prozess gegen den mutmaßlichen Todesschützen von Georgensgmünd fortgesetzt. Nachbarn und Bekannte hielten ihn für einen Freak - verrückt, aber harmlos.

Briefkasten
„Regierungsbezirk Wolfgang“: Briefkasten des Reichsbürgers Wolfgang P. Foto: dpa

Bloß die Fahne weht nicht mehr, ein Stofffetzen mit zwei Löwen auf weißem Untergrund. Sonst hat sich kaum etwas verändert an dem kleinen Anwesen am Ende der bergan führenden Stichstraße, seit hier am 19. Oktober vorigen Jahres Gewehrsalven die frühmorgendliche Stille zerrissen. Aus dem ersten Stock richtete Wolfgang P. Schüsse auf Beamte eines Sondereinsatzkommandos, das das Gebäude stürmen wollte, um Waffen sicherzustellen.

Elfmal drückte P. mit einer Pistole vom Kaliber neun Millimeter ab. P. setzte sich nicht nur als Hausherr zur Wehr gegen die Eindringlinge, sondern als Gebieter über ein selbst geschaffenes Pseudo-Reich, das außerhalb des Territoriums der Bundesrepublik liegt und wo deren Regeln außer Kraft gesetzt sind.

„Mein Wort ist hier Gesetz“, steht noch immer unübersehbar auf einem selbstgebastelten Schild am Briefkasten. Wie ernst es der damals 49-Jährige mit seinen spinnerten Vorstellungen meinte, ahnte niemand in dem 6000-Einwohner-Städtchen 30 Kilometer südlich von Nürnberg, am wenigsten seine Nachbarn.

Natürlich war ihnen nicht entgangen, dass er sich einen Fantasiestaat kreiert hatte, den „Regierungsbezirk Wolfgang“. Aber dass der Mann schon seit Längerem in einer Parallelwelt lebte und einen Hass auf Behörden und deren Vertreter entwickelt hatte, war offenbar niemandem aufgefallen.

Ein Polizist getötet, zwei weitere verletzt

Er ist immer noch da, der seltsame gelbe Streifen, mit dem P. sich nicht nur räumlich, sondern offensichtlich auch mental ganz bewusst abschottete gegenüber seiner als feindlich empfundenen Umwelt. Klebten an der Haustür nicht noch die Siegelreste der Staatsanwaltschaft, könnte man annehmen, Wolfgang P. habe eine längere Auszeit genommen. Im Wintergarten liegt ein Nummernschild, vermutlich von P.s Auto, das er abgemeldet hatte, weil er als Sympathisant der sogenannten „Reichsbürgerbewegung“ Steuern verweigerte und Strafzettel ignorierte. Ab und zu komme für Herrn P., der in Nürnberg vor Gericht steht, noch etwas an, sagt die Postbotin.

Sein Briefkasten sei für P. „bloß ein Mülleimer“ gewesen, erklärte ein Zeuge. Auch die Aufforderung des Landratsamtes, seine Waffen abzugeben, schlug P. beharrlich in den Wind – was schließlich Auslöser für den verhängnisvollen SEK-Einsatz mit einem getöteten und zwei angeschossenen Beamten war. Der Fall Georgensgmünd hat die Sicherheitsbehörden, die das Phänomen Reichsbürger lange ignoriert oder zumindest verharmlost hatten, nachhaltig aufgeschreckt. Seit November 2016 interessiert sich der Verfassungsschutz für die unübersichtliche Szene.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth hat Wolfgang P. „heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen“ geschossen. Er muss sich wegen Mordes, zweifachen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Es ist der fünfte Verhandlungstag. Durch einen Seiteneingang wird der mittelgroße stämmige Mann, vor Kurzem im Gefängnis 50 geworden, aber älter wirkend, an seinen Platz geführt. Nur die Handfesseln werden ihm abgenommen. Die Fotografen lässt er gewähren und verbirgt sein Gesicht nicht hinter Aktendeckeln.

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