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Proteste in der Türkei Brisanter Gezi-Report

Werden Aleviten in der Türkei systematisch erfasst? Dieser Verdacht besteht nach den landesweiten Gezi-Protesten, die das Land im Sommer tagelang in Atem gehalten hatten. Menschenrechtler zeigen sich empört.

Wütender Protest vor einem Gericht in Istanbul, wo ein Prozess gegen einen der Gezi-Demonstranten stattfindet. Die Polizei hat offenbar ein genaues Profil aller Demonstranten erstellt. Foto: afp

Werden Aleviten in der Türkei systematisch erfasst? Dieser Verdacht besteht nach den landesweiten Gezi-Protesten, die das Land im Sommer tagelang in Atem gehalten hatten. Menschenrechtler zeigen sich empört.

Jung, gut ausgebildet und überwiegend Aleviten – so beschreibt ein Bericht der türkischen Polizei die Teilnehmer der landesweiten Gezi-Protestbewegung vom Sommer. Die Behörde hat dafür die Daten jener 5513 Demonstranten ausgewertet, die sie von Ende Mai bis Mitte Juni vorübergehend festnehmen ließ.

Laut der Statistik waren die Verhafteten je zur Hälfte Männer und Frauen. 15 Prozent hatten eine Haupt- oder Mittelschulausbildung, 24 Prozent einen Oberschulabschluss, 36 Prozent waren Studenten und 25 Prozent fertige Akademiker. Die Altersstruktur entspricht dem Bild einer Jugendbewegung, wie es die Medien überwiegend zeichneten. 56 Prozent waren 18 bis 25 Jahre, 26 Prozent 26 bis 30 Jahre alt, nur ein Prozent älter als 40.

Der Darstellung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan während der Unruhen, es handle sich bei den führenden Aktivisten um „Marodeure“ und „marginale Gruppen“, widersprechen die Daten des Berichts klar. Demnach waren nur zwölf Prozent von ihnen Mitglieder – vorwiegend linker – politischer Parteien.

„Verdächtige Zahlen“

Für manch einen haben die Daten einen Beigeschmack von Propaganda. 3,6 Millionen Menschen sollen sich demnach an den Protesten beteiligt haben – es waren mit Sicherheit weit mehr. Die Zahl verletzter Menschen wird mit 4329, darunter 697 Polizisten, nach Angaben von Bürgerrechtsgruppen um etwa die Hälfte zu niedrig angegeben.

Die interessanteste Zahl des Polizeiberichts besagt, dass 78 Prozent der Gezi-Aktivisten Aleviten waren, also zur größten religiösen Minderheit der Türkei gehörten, die als säkular und liberal gilt. Vor allem diese Zahl ruft in sozialen Medien in der Türkei große Empörung hervor. Viele Nutzer äußerten die Befürchtung, dass damit Ressentiments gegen Aleviten geschürt werden sollten.

Orhan Kemal Cengiz, Rechtsanwalt und einer der bekanntesten Menschenrechtler der Türkei, nennt die Zahl in der konservativen Zeitung „Today’s Zaman“ „unheimlich und verdächtig“. „Wie hat die Polizei diese Information erlangt?“, fragt er. Die Religionszugehörigkeit von Aleviten und Sunniten werde weder in Personalausweisen eingetragen noch in offiziellen Statistiken erhoben.

Der seltsame Vorgang beschäftigt inzwischen auch das Parlament in Ankara. Der Abgeordnete Sezgin Tanrikulu von der kemalistischen Oppositionspartei CHP fragte offiziell die Regierung, ob sie Aleviten systematisch per Code erfassen lasse. Der Parlamentarier bezieht sich damit auf eine schockierende Enthüllung vom August, wonach alle nicht-muslimischen Bürger der Türkei seit Gründung der Republik 1923 mit geheimen Herkunftscodes für „Griechen“, „Armenier“ oder „Juden“ registriert werden.

Das war herausgekommen, als eine Armenierin aus einer islamisierten Familie wieder zum Christentum konvertierte und ihr Kind in einer armenischen Schule anmelden wollte. Sie bekam gesagt, dass das Kind dafür eine bestimmte Registriernummer brauche. Als der Vorgang publik wurde, sprachen Kritiker von staatlich sanktioniertem Rassismus.

Die Enthüllungen verpufften ohne messbare Folge. Das könnte jetzt anders sein. Denn anders als Juden und Griechen stellen die Aleviten mit rund 15 Prozent der Bevölkerung eine starke Minderheit in der Türkei.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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