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Proteste Der Maghreb in der Krise

In Marokko, Tunesien und Algerien wächst die Wut junger Menschen. Überall herrscht Unmut über stagnierende Wirtschaft, hohe Arbeitslosigkeit, Korruption und Selbstbereicherung der politischen Klassen.

Proteste in Rabat
Die Geste des Demonstranten steht für „Amazigh“. Die marokkanische Volksgruppe der Berber will diesen Namen für sich durchsetzen, da sie die Bezeichnung Berber als Beleidigung verstehen. Foto: dpa

Aufstand im Rif, Revolten in Tataouine, gewalttätige Wirtschaftskrise in Algerien – möge Gott den Maghreb schützen“, twitterte eine besorgte Aktivistin. Ähnlich wie sie bangen sich dieser Tage viele in Nordafrika um die Zukunft ihrer Region.

Zwar ist dem Maghreb ein Staatszerfall wie in Libyen, Jemen, Syrien oder Irak erspart geblieben. Aber die Frustration seiner Bürger, die vor sechs Jahren die Lawine des Arabischen Frühling auslösten, existieren fort, egal ob in der Monarchie Marokkos, der Öl-Diktatur Algeriens oder der jungen Demokratie Tunesiens. Überall herrscht der gleiche Unmut über stagnierende Wirtschaft und hohe Arbeitslosigkeit, die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land, endemische Korruption und Selbstbereicherung der politischen Klassen.

„Lasst die Gefangenen frei oder sperrt uns alle ein“, skandierten die Menschen diese Woche im Norden Marokkos, wo die Konfrontation eskaliert, seit die Regierung den populären Führer der Protestbewegung Hirak, Nasser Zefzafi, festnehmen ließ. Die Geschäftsleute der vernachlässigten Rif-Region riefen einen dreitägigen Generalstreik aus, während die Proteste gegen Korruption und Behördenwillkür jetzt auch auf die Städte Casablanca, Rabat, Marrakesch und Taza übergreifen. Für Anfang nächster Woche wurde das Parlament zu einer Sondersitzung zusammengetrommelt. Marokkos Innenminister eilte mit großem Gefolge in die Krisenregion und versprach Investitionen von einer Milliarde Euro.

Die meisten in der marokkanischen Rif-Region jedoch trauen den Versprechen der plötzlich auftauchenden Politiker nicht. Ähnlich wie in Tunesien, als eine aufgebrachte Menge in der 500 Kilometer von Tunis entfernten Stadt Tataouine Premier Youssef Chahed ausbuhte und aus der Stadthalle jagte, als er „2000 Arbeitsplätze sofort“ versprach. Seit Wochen harren Abertausende junger Leute im Süden Tunesiens in Protestlagern aus, um die Vernachlässigung ihrer Region anzuprangern. Viele, die in den Straßen von Tataouine vor dem Gouverneurspalast kampieren, haben Universitätsdiplome. „Wir haben die Nase voll, wir sind alle in den Zwanzigern und alle arbeitslos“, schimpfte ein junger Aktivist. „Tunesien befindet sich in einer delikaten Lage“, erklärte Parlamentspräsident Mohamed Ennaceur während einer Sondersitzung der Volksvertretung. Die Regierung müsse sich endlich der Probleme annehmen, „die den Tunesiern den Eindruck vermitteln, es habe sich seit dem 14. Januar 2011 nichts geändert“, forderte die Zeitung „La Presse“. „Sonst ist das Schlimmste zu befürchten.“

Ähnliche Übel plagen das Nachbarland Algerien, auch wenn dessen Staatshaushalt – anders als Marokko und Tunesien – seit Jahrzehnten auf üppige Öl- und Gaseinnahmen zählen kann. Doch seit sich der Ölpreis mehr als halbierte, steigt im Inneren der Druck. Die Regierung muss Subventionen kürzen und Wohnungsprogramme streichen. Ein Drittel aller jungen Leute unter 30 sind mittlerweile arbeitslos, was sich im Frühjahr in einer Serie von Ausschreitungen entlud, vor allem in der Hauptstadt Algier und in der Kabylei. Der greise Präsident Abdelaziz Bouteflika ist durch einen Schlaganfall gelähmt. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 1999 strich Algerien zwischen 800 und 1000 Milliarden Petrodollar ein. Eine nennenswerte Industrie oder ein nennenswerter Agrarsektor jedoch sind nicht entstanden, auf denen der Nachwuchs seine berufliche Zukunft aufbauen könnte. Stattdessen versickerte das Geld in den Taschen der Regime-Cliquen.

„Bouteflika ist halbtot und klammert sich immer noch an die Macht“, kritisierte eine junge Frau in Algier. „Es ist traurig, aber wahr: Die alte Generation versteht uns nicht. Und wir trauen ihr nicht mehr, weil sie uns betrogen hat.“

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