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Prostituierte in der Ukraine Im Land der roten Regenschirme

Vor der Fußball-EM wurde ein Ansturm von Sex-Touristen in der Ukraine befürchtet. Aber offenbar war das nur Panikmache - die das Leben der Prostituierten nun noch schwerer machen wird.

13.06.2012 17:45
Von Anne Lena Mösken
Blick in einen Strip-Club in Kiew. Nirgendwo in Europa stecken sich mehr Menschen mit Aids an als in der Ukraine. Foto: Maxim Dondyuk

Elena Tsukerman war nicht nur ein schönes Mädchen, sie besaß auch einen scharfen Verstand. Vielleicht gelang es den Milizionären deshalb nur zwei Mal, sie zu vergewaltigen. Vielleicht lag es auch einfach nur daran, dass sie schnell rennen konnte. Aber es half, dass sie rasch begriff, und eines der ersten Dinge, die sie lernte, wenn sie abends mit der Metro zur Shuliavs’ka Station im Westen von Kiew fuhr und dann die achtspurige Schnellstraße Richtung Stadtzentrum entlangschlenderte: Trage niemals hohe Schuhe, denn darin kannst du nicht weglaufen. Sie lernte auch, niemals kurze Röcke zu tragen und niemals stehenzubleiben, sondern auszusehen wie ein ganz normales Mädchen, das spazieren ging. Und nicht wie das, was Elena Tsukerman damals war: eine drogensüchtige Prostituierte auf der Suche nach dem nächsten Kunden.

"Ich war ein rechtloses Wesen", sagt Elena Tsukermann. Und es war ihr egal, sie war seit Jahren abhängig von Opiaten. Sie hatte geklaut und gedealt, war verhaftet worden. Die Straße war ihre letzte Möglichkeit, an Geld für die Drogen zu kommen. "Ich hatte keine Zeit, für meine Rechte zu kämpfen", sagt sie. Also nahm sie es hin, als die Männer von der Miliz sie auf der Station vergewaltigten. Wen hätte sie anzeigen sollen? Wo hätte sie hingehen können? Nur ein Zuhälter hätte sie vielleicht beschützen, Geld an die Miliz bezahlen können. So funktioniert das in der Ukraine, sagt Elena Tsukerman, auch jetzt noch, fünf Jahre später.

Narben an den Händen

Elena Tsukerman ist kein schönes Mädchen mehr. Die Haare sind noch lang und blond, aber ihr Gesicht sieht traurig aus. Die Hände sind geschwollen und übersät mit Narben, die Nadeln dort hinterlassen haben. Ihr Körper ist schwerfällig geworden. Aber Elena Tsukerman muss auch vor niemandem mehr weglaufen.

Sie sitzt eingezwängt hinter einem Schreibtisch, der im ersten Stock eines Hochhauses im Westen von Kiew steht. Es ist das Büro der Hilfsorganisation Legalife, die Elena Tsukerman zusammen mit anderen 2007 gegründet hat. Von hier aus kämpft sie für die Rechte von all jenen Frauen, wie sie drei Jahre lang eine war, deren Arbeit illegal ist, die von korrupten Polizeibeamten erpresst und misshandelt werden. Und über die derzeit so viel gesprochen wird wie nie zuvor.

Denn wenn jetzt, wie von der Uefa erwartet, wegen der Fußball-Europameisterschaft bis zu eine Million Besucher in die Ukraine reisen, dann besuchen sie ein Land, das, seit 2005 die Visapflicht für EU-Bürger aufgehoben wurde, zu einem beliebten Reiseziel für Sextouristen geworden ist. Ukrainische, polnische und internationale Medien bis hin zum amerikanischen Time Magazine berichten deshalb seit Monaten in alarmierendem Tonfall darüber, dass mit der EM die Sextouristen kommen, die die Ukraine zu einem riesigen Bordell machen.

Aber stimmt das alles überhaupt?

Elena Tsukerman hat Kopfschmerzen, seit den frühen Morgenstunden heult aus der Nachbarwohnung eine Bohrmaschine. Das ganze Land ist derzeit eine Baustelle, auch hier, in diesem Viertel, das wohl kaum einer dieser Fußballtouristen zu Gesicht bekommen wird, das Stadion liegt am anderen Ende der Stadt.

Elena Tsukerman winkt ab, verdreht die Augen. "Die Männer interessieren sich jetzt für Fußball, nicht für Mädchen", sagt sie und schnaubt verächtlich. "Bei den Weltmeisterschaften in Deutschland oder Südafrika haben nur die Bordellbesitzer gut verdient, die einen Flachbildschirm aufgehängt haben." Es sei doch eine ganz einfache Rechnung: Die Flüge in die Ukraine sind teuer, viele Hotels haben ihre Preise verdoppelt, die Karten für das Spiel kosten ebenfalls viel Geld. Und auch die Mädchen haben ihre Preise erhöht. "Wo sollen die Männer nach den Stunden im Stadion noch die Kraft hernehmen, sich ein Mädchen zu suchen, dann Zeit mit ihr zu verbringen, wenn sie sie denn bezahlen können?" sagt Elena Tsukerman.

Die internationale Hilfsorganisation Global Alliance Against Traffic in Women warnt schon seit Jahren vor der öffentlichen Panikmache rund um Sportgroßereignisse und Prostitution. Die Nicht-Regierungsorganisation hat die Fußballweltmeisterschaften in Deutschland 2006 und in Südafrika 2010 empirisch ausgewertet. Es gebe keinerlei Hinweise, so lautet das Fazit der Studie, dass in der Ukraine während der EM mit einem signifikanten Anstieg von Sextourismus zu rechnen ist. Diese Befürchtung habe sich bereits bei den Fußball-Großereignissen 2006 und 2010 als unbegründet erwiesen. Nichts deute nun darauf hin, dass die Ukraine in dieser Hinsicht eine Ausnahme bilden werde.

Elena Tsukerman sagt, sie mache sich nun Sorgen um die Frauen, die hoffen, mit der EM komme für sie das große Geld. Prostituierte, sagt sie, sind in der Ukraine Saisonreisende, die im Sommer an die Krim fahren, wenn die Touristen an den Stränden des Schwarzen Meeres liegen, und in die Städte, wenn dort etwas Großes stattfindet. Die EM ist etwas ganz Großes. Deswegen, sagt Elena Tsukerman, kommen sie jetzt alle. Seit Wochen schon hängen in der Innenstadt große Banner über den Straßen, werben für Massagesalons und Stripclubs. In den Foyers der Hotels liegen Flyer der unzähligen Escort-Services der Stadt. "Sie werden schnell feststellen, dass es hier nicht viel zu holen gibt", sagt Elena Tsukerman. Im Gegenteil, auch die Miliz habe ihre Preise erhöht.

"Lena hatte alles"

Global Alliance warnt in ihrer Studie eindringlich vor den Folgen der aufgeregten Diskussion in den Medien für die Frauen auf der Straße. Weil die Regierung nun versuchen könnte, Prostituierte aus den Innenstädten zu vertreiben. Weil noch mehr Prostituierte von der Miliz erpresst werden könnten.

An den Wänden von Elena Tsukermans Büro hängen Poster mit Motiven einer Aidskampagne. Die Ukraine hat die höchste Ansteckungsrate von HIV in Europa. Prostituierte gehören zur Hauptrisikogruppe. Und noch immer, sagt Elena Tsukerman, wissen viele Frauen nicht, dass sie sich schützen müssen. Zwischen den Plakaten hängt ein kleines Bild von Elena Tsukerman, die mit einer Gruppe Frauen auf dem Majdan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz, steht.

Sie halten rote Regenschirme in den Händen, das internationale Zeichen für Solidarität unter Prostituierten, wie die Schleife, die HIV-Infizierte oder Brustkrebskranke in Rot oder Rosa tragen, wie die Regenbogen der Schwulenbewegung. Legalife ist längst eingebunden in das internationale Netzwerk von Organisationen, die für die Rechte von Prostituierten kämpfen. "Prostitution muss legalisiert werden in der Ukraine", sagt Elena Tsukerman. Darum geht es eigentlich. Sie tritt auf den winzigen Balkon des Büros, blickt auf den Innenhof, steckt sich eine Zigarette an.

Kalter Entzug

Die Drogen hatte Elena Tsukerman bereits ein paar Jahre, bevor sie Legalife gründete, sein gelassen, entzog kalt, in der Wohnung ihrer Mutter. Die hat ihr geholfen, ein neues Leben zu beginnen und hilft jetzt auch bei Legalife mit. Die Mutter sitzt an einem Schreibtisch, der gleich neben dem der Tochter steht. Irina Semenjuk, eine kleine, aufrechte Frau, schaut streng über den Rand ihrer Brille. "Wir sagen Sexarbeiterin, Prostituierte ist bei uns ein Schimpfwort."

Die Mutter hat lange als Dolmetscherin gearbeitet. Sie reiste viel, verdiente gut. "Lena hatte alles", sagt sie. Trotzdem verliebte sie sich in diesen Jungen, der Drogen nahm. "Er hat Lena abhängig gemacht", sagt die Mutter. Das Paar lebte von ihrem Geld. "Was hätte ich tun sollen?" sagt Irina Semenjuk, "ich wollte mein Kind nicht untergehen sehen. Ich war immer für Lena da. Ich habe Zeit", sagt sie. "Und tolerant genug bin ich auch. Ich weiß, dass es nicht das schöne Leben ist, das die Mädchen auf diesen Weg stößt." Achtzig Prozent der Arbeitslosen in der Ukraine sind Frauen. Seit der Finanzkrise sind die Arbeitslosenzahlen hoch.

Elena Tsukerman hat sich wieder neben ihre Mutter gesetzt, klickt auf dem Computerbildschirm herum. Es gibt viel zu organisieren. Sie wollen in den kommenden Wochen im ganzen Land Flugblätter verteilen. Sie werden in das Fan-Zelt am Ufer des Dnepr fahren, dort ihre roten Regenschirme aufspannen und an einen kleinen Stand stehen. Auf den Flugblättern von Legalife ist auf der einen Seite der Spielplan der Europameisterschaft abgedruckt. Auf der anderen stehen die Slogans der Organisation: "Wir sind alle Menschen" ist einer davon.

"Uns geht es schließklich um Menschenrechte", sagt Elena Tsukerman. Die Flugblätter wollen sie an die Fans verteilen. Für die Prostituierten haben sie eine andere Variante gedruckt, auf der eine Telefonnummer steht, die sie wählen können, wenn ihnen Gewalt angetan wurde. Für Legalife arbeitet während der EM ein Jurist, der den Frauen rechtlichen Beistand geben wird, sie am Telefon berät, zu ihnen fährt, wenn es nötig ist.

Denn Elena Tsukerman kämpft längst nicht mehr nur auf der Straße. Dort hat es angefangen, dort hat sie die Frauen angesprochen, hat ihnen davon erzählt, dass es Länder gibt, in denen es legal ist, Geld mit Sex zu verdienen, in denen es keine Miliz gibt, die vergewaltigt und erpresst. "Wir wollten den Frauen ein Gefühl dafür geben, wer sie sind, was sie tun", sagt Elena Tsukerman.

Sie hat neue Mitstreiterinnen gewonnen, die ehrenamtlich arbeiten, in allen Regionen des Landes. Sie fragten die Frauen nach ihren Erfahrungen, sie zeichneten Fälle von Gewalt auf, versuchten den Frauen zu vermitteln, dass sie etwas tun müssen und nicht hinnehmen, wenn ihnen Unrecht geschieht, wie Elena Tsukerman es tat, als sie nach der Vergewaltigung in der Milizstation wieder zurück auf den Straßenstrich fuhr.

Wütende Milizionäre

Als Legalife genug Fälle beisammen hatte, schickte Elena Tsukerman die Protokolle an das Innenministerium. Der Minister verwarnte daraufhin die Milizstationen. Und bei Elena Tsukerman klingelte wenig später das Handy. Wütende Milizionäre beschimpften sie, drohten ihr. Doch auch wenn sie Angst bekam, hat Elena Tsukerman weitergemacht.

Sie ist zwar nicht mehr schön, aber dafür noch klüger geworden. Sie nahm die Anrufe auf, stellte den Text auf ihre Website. Danach ließen die Milizionäre sie in Ruhe. Nur riefen dann die Mädchen an: "Lena, warum hast du das gemacht? Vorher war unser Leben schlecht, aber jetzt ist es noch viel schlimmer." Im ganzen Land hat Legalife zwanzig feste Aktivistinnen. Es sind wenige. Auch weil es nicht einfach ist, den Frauen zu erklären, warum sie etwas tun sollen, wenn das Repressionen und noch mehr Gewalt bedeutet.

Doch vielleicht kann Elena Tsukerman ihnen bald mehr Hoffnung geben. Nach einer Razzia in einem Bordell in Kiew im vergangenen Jahr wurde der Zuhälter laufen gelassen, weil er das übliche Schmiergeld zahlte, sagt Elena Tsukerman. Die Frauen aber wurden angeklagt. Ein Jurist von Legalife vertritt sie nun vor Gericht. Die Frauen sagten aus, ihre Gesichter versteckten sie hinter Masken. "Wir haben eine gute Chancen zu gewinnen", sagt Elena Tsukerman. "Wenn die Mädchen freigesprochen werden, dann ist es das erste Mal in der Geschichte der Ukraine, dass Prostituierte ihre Rechte verteidigen konnten." Mitte Juli soll das Urteil fallen.

Es ist ein mühseliger Weg. Vor einem halben Jahr erst wurde im Parlament erneut verhandelt, Geldstrafen für Prostituierte zu erhöhen, ihre Arbeit gar als Straftat zu ahnden. Eine Mehrheit für den Gesetzesentwurf gab es nicht. Der Alltag der Frauen habe sich trotzdem nicht verändert, sagt Elena Tsukerman. Es sind nicht nur die Gesetze, die das verhindern. "Die Frauen sind in der Gesellschaft stigmatisiert", sagt Elena Tsukerman. Ihr Blick ist jetzt ganz wach, es sprudelt aus ihr heraus. "Es heißt immer, die Frau verkauft ihren Körper, sie verkauft ihre Seele. Was für ein Unsinn." Elena Tsukerman macht eine Pause , dann fährt sie fort: "Sie verkauft eine Leistung und ihre Zeit. Wie bei jeder anderen Arbeit auch."

Es geht ihr um Anerkennung. Und dann erzählt sie von Neuseeland, wo Prostitution nicht nur legal ist, sondern die Frauen auch kranken- und sozialversichert sind und ihre Verdienste steuerpflichtig. Sie hat davon nichts gewusst, als sie selbst am staubigen Straßenrand von Kiew stand. Sie weiß es jetzt. Und sie wird es allen erzählen, die ihr zuhören, auch wenn die EM schon längst vorbei ist.

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