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Propaganda im Syrien-Krieg Die erste Offensive Russlands läuft schon

Russland schickt der Schlacht um die Region Idlib eine Propaganda-Welle voraus.

Flüchtlingslager in Idlib
Eine Flucht haben die Kinder schon hinter sich, jetzt droht die nächste: Lager in Idlib. Foto: afp

Die Zahl der Verletzten und Toten sei noch unbekannt. Aber am Samstag hätten zwei US-amerikanische F15-Kampfjets das syrische Dorf Hajin mit Phosphorbomben angegriffen, verkündete vorgestern Generalleutnant Wladimir Sawtschenko, Chef des russischen Befriedungszentrums in Syrien. Heftige Brände seien ausgebrochen. Außerdem hätten die Rebellen mehrere Ortschaften an den Grenzen der Region Idlib unter Beschuss genommen.

Der Krieg in Syrien droht, wieder zu eskalieren. Und mit ihm die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen. Moskau antwortet mit massiver Gegenpropaganda auf Drohungen der USA, man werde auf Giftgasangriffe durch die Truppen Baschar al-Assads militärisch antworten. „Die USA verbrennen Syrien mit Napalm“, titelt das nationalistische Portal Swobodnaja Presse. „Und drohen mit einem Militärschlag gegen Russland.“

Russlands Mächtige, von Generalstabsvertretern bis zu Wladimir Putin, prophezeien seit Wochen, die Islamisten bereiteten eine Chemiewaffen-Provokation vor. Armeesprecher Igor Konaschenkow erklärte, am Freitag hätten sich in der Stadt Idlib Vertreter der terroristischen Gruppierung Hayat Tahrir asch-Scham, anderer Rebellengruppen und der Zivilschutzgruppe „Weißhelme“ getroffen. Dort hätten sie ein „Drehbuch“ für die Simulation von Giftgasangriffen auf vier Ortschaften vereinbart, die die „Weißhelme“ dann als vermeintliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung filmen sollten. Zweck der Übung: Assad des Genozids zu beschuldigen.

In der Region Idlib war es schon vorher wiederholt zum Einsatz von chemischen Kampfstoffen gekommen, der verheerenste Angriff traf im April 2017 die Stadt Chan Schaichan. Die internationale „Organisation für das Verbot chemischer Waffen“ (OPCW) bestätigte später, die über 80 Todesopfer seien durch das Nervengift Sarin umgekommen. Russische Militärsprecher aber erklärten, eine syrische Bombe habe zufällig eine Giftstofffabrik der Terroristen getroffen. Donald Trump ließ hinterher einen Militärflughafen der Syrer mit Raketen beschießen.

Dieses Szenario droht sich zu wiederholen. „Die Großoffensive der syrischen Regierungstruppen und ihrer Verbündeten gegen Idlib wird entweder von echten oder von inszenierten Giftgasattacken begleitet werden“, sagt der russische Nahostexperte Alexander Schumilin der Frankfurter Rundschau. „Propagandistisch geht Russland auf jeden Fall auf Nummer sicher, indem es im Voraus vor Provokationen warnt“.

Drei Millionen leben in Idlib

Idlib gilt als letzte Bastion der sunnitischen Rebellen gegen Assad. Nach Einschätzung des Moskauer Carnegie-Zentrums haben sich etwa 150 000 Oppositionskämpfer hierher zurückgezogen, viele mit ihren Familien. Deshalb ist die Einwohnerschaft der Region von 1,8 Millionen auf nach Einschätzung der UN über drei Millionen Menschen gestiegen. Westliche Beobachter warnen vor einer humanitären Katastrophe, während man in Russland Endkampf predigt: „Das ist wie die Schlacht um Berlin“, zitiert der staatliche TV-Sender NTW den früheren Oberst Igor Korotschenko: „Die letzte Stellung, dort wird aller organisierte Widerstand gebrochen. Dazu wollen es die Amerikaner nicht kommen lassen.“

Moskau vermerkt besorgt das Auftauchen von mit Tomahawk-Raketen bestückten US-Zerstörer und U-Boote im Mittelmeer. Und veranstaltete in der vergangenen Woche selbst ein Flottenmanöver mit 26 Kriegsschiffen vor der syrischen Küste. Allerdings glauben auch russische Fachleute, beide Seiten würden eine militärische Konfrontation vermeiden. „Wie bei den Raketenschlägen im April werden die USA keine Angriffe fliegen, die russische Staatsbürger treffen könnten“, sagt der Militärexperte Viktor Litowkin.

Wo liegt Ankaras rote Linie?

Russland aber hat es in Idlib auch noch mit der Türkei zu tun. Obwohl der mit den USA heftig zerstrittene Nato-Staat in Syrien seit einiger Zeit gemeinsame Sache mit Moskau macht, gilt er noch immer als Schutzmacht der Sunniten im syrischen Nordwesten. Türkische Medien melden schon jetzt zivile Opfer durch russische Luftangriffe. Und befürchten eine neue Flüchtlingswelle von einer Viertelmillion Menschen aus Idlib. „Nur weiß niemand genau, wo die rote Linie der Türken liegt, bei einem neuen Chemiewaffenangriff oder bei Massenbombardements gegen die Zivilbevölkerung“, sagt Nahostexperte Schumilin. „Recep Erdogans Aussagen selbst schwanken heftig.“

Um sich aber gegen die von Russland unterstützte Offensive Assads zu wehren, bräuchten die Rebellen in Idlib dauerhafte taktische Luftunterstützung. Sehr fraglich, ob die Türkei oder der Westen sie ihnen leisten werden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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