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Propaganda-CD Tiefbrauner Silberling

Militante Neofaschisten haben die Idee der sogenannten Schulhof-CDs der NPD, die Erstwähler mit rechter Musik für die braune Sache gewinnen sollten, zu einem üppigen Multimedia-Machwerk weiterentwickelt.

Neonazis kennen keine schönere Anerkennung, als wenn vor ihnen gewarnt wird. Es ist deshalb leicht auszumalen, wie sie sich auch diesen Satz braun einrahmen werden: „Von allen Nazi-Werbemitteln, die ich kenne“, sagt Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative (Antifa-BI) im hessischen Friedberg, „ist das mit Abstand am besten gemacht.“

Was der Gegner der Rechtsextremen meint, nennt sich „Schüler-CD des nationalen Widerstands“: Militante Neofaschisten aus der Szene der „Freien Kameradschaften“ haben die Idee der sogenannten Schulhof-CDs der NPD, die Erstwähler mit rechter Musik für die braune Sache gewinnen sollten, zu einem üppigen Multimedia-Machwerk weiterentwickelt. Eine neue Form der Propaganda und, wie Balser findet, „erschreckend professionell“.

Lädt man die fast 700 Megabyte große CD aus dem Internet herunter, öffnet sich automatisch das Tor zur rechtsextremen Welt: Unter der Überschrift „Jugend in Bewegung“ bietet ein Menü, dessen hippes Design linkem Antifa-Style abgeschaut ist, Zugriff nicht nur auf einschlägige Musik, sondern auch auf Propagandadateien, Hassvideos, Schablonen zum Parolensprühen oder fertig layoutete Flugblätter und Plakate.

Interaktives Quiz „Teste dein Geschichtswissen“ relativiert die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg. Und unter dem Button „Kontakt“ finden sich mehr als 250 Links zu Neonazi-Gruppierungen im In- und Ausland.

„Mit dieser CD für euren Computer“, heißt es im Begrüßungstext an die „lieben Schüler“, „wollen wir euch das wahre Bild der nationalen Bewegung in Deutschland näher bringen.“ Denn die ist, wenn man den Selbstdarstellungen Glauben schenkt, vollkommen harmlos: „Wir sind ganz normale Jugendliche, die einfach die Schnauze voll haben.“ Weder ausländerfeindlich noch gewalttätig.

Einschlägig vorbestraft

Solche Beteuerungen werden freilich schon durch den Mann Lügen gestraft, der als Produzent im Impressum steht. Daniel T. (24), Führer der „Nationalen Sozialisten“ im brandenburgischen Zossen, ist mehrfach vorbestraft. Demnächst muss er sich erneut vor Gericht verantworten, weil er im Januar zwei Jugendliche zu einem Brandanschlag auf das Haus der Demokratie in Zossen angestiftet haben soll. Außerdem ist er wegen Volksverhetzung und dem Sprühen von Hakenkreuzen in großem Stil angeklagt. Zugleich pflegt Daniel T. beste Kontakte zur NPD – die rechtsextreme Partei nimmt auch auf der „Schüler-CD“ einen prominenten Platz ein.

Inwiefern der braune Silberling gegen Strafrecht, Urheberrecht oder Jugendschutz verstoßen könnte, wird derzeit geprüft. Große Bedeutung aber misst weder das brandenburgische Innenministerium noch das Bundesamt für Verfassungsschutz dem Projekt bei: Systematische Verteilaktionen, heißt es unisono, seien nicht bekannt. Die Neonazis selbst behaupten derweil, dass bereits „mehrere tausend CDs“ den „Weg in die heimischen Kinderzimmer“ gefunden hätten – obwohl die Propagandascheibe bislang offenbar lediglich an Schüler in Zossen, Günzburg, Zwiesel und Hamm verteilt wurde. Wohl auch weil sie nicht einfach als fertige CD, sondern nur als Download aus dem Internet zu haben ist.

Für Nazi-Gegner Balser ist das kein Grund zur Entwarnung. Er verweist darauf, dass die Internet-Seite bis zu 280-mal am Tag aufgerufen wird. Und: „Wir fürchten, dass die Schüler-CD in den nächsten Wahlkämpfen groß zum Einsatz kommen könnte.“ In den nächsten Wochen will die Antifaschistische Bildungsinitiative deshalb eine Argumentationshilfe gegen das rechtsextreme Machwerk erarbeiten. Rechtzeitig vor den hessischen Kommunalwahlen im März soll sie fertig sein.

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