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Pressefreiheit Erdogans „Retterin“ in Ungnaden

Mit ihrer Livemoderation trug die Starjournalistin Hande Firat zum Misslingen des Putschversuchs in der Türkei bei. Doch nach einem kritischen Artikel über das Militär hat sie nun das Regime gegen sich.

Hande Firat
Hande Firat, Leiterin des Hauptstadtbüros der „Hürriyet“, hat sich bei Erdogan unbeliebt gemacht. Foto: afp

Sie wurde als „Erdogans Retterin“ gefeiert und sollte in Schulbüchern besungen werden. Sie war der journalistische Engel, der den Staatschef womöglich vor dem Tod bewahrte – doch jetzt ist die 42-Jährige in Ungnade gefallen und könnte sogar im Gefängnis landen. Die türkische Journalistin Hande Firat moderierte in der Nacht des Putschversuchs vom 15. Juli vergangenen Jahres die Live-Sondersendung des TV-Kanals CNN Türk aus dem Hauptstadtstudio in Ankara, während ganz in der Nähe Kampfjets das Parlament bombardierten. Plötzlich rief Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan im Sender an und bat um Hilfe. Er war in der Stadt Marmaris an der Ägäis, und musste befürchten, in die Gewalt der Putschisten zu geraten.

Die Moderatorin überlegte kurz, beriet sich mit den Senderchefs und schaltete Erdogan dann über die Facetime-App seines Smartphones in die Sendung. Sie hielt ihr Handy mit seinem Livebild in die Kamera und ließ ihn die türkischen Bürger zum Widerstand gegen das Militär aufrufen. Viele folgten dem Appell und trugen so dazu bei, dass der Putschversuch scheiterte. Firats Interview mit Erdogan gilt seither als entscheidender Wendepunkt der blutigen Putschnacht. „Es passt zu ihr“, sagt ein Schulfreund vom französischen Gymnasium in Ankara, der Hande Firat als „selbstbewusst und nervenstark“ beschreibt.

Nach dem Scoop wurde die Mutter einer erwachsenen Tochter als Heldin gefeiert. Kurz nach dem Putsch bestellte ihr Arbeitgeber sie zur Leiterin des Hauptstadtbüros der auflagenstärksten türkischen Zeitung „Hürriyet“, die wie CNN Türk zum milliardenschweren Dogan-Konzern gehört. Ihr Buch über den Staatsstreich „24 Stunden“ wurde zum Bestseller. Sie gewann den „Goldenen Schmetterling“, einen renommierten türkischen Medienpreis, und wurde vor wenigen Tagen zur „besten politischen Journalistin der Türkei“ gewählt. Hande Firat schien eine steile Karriere vor sich zu haben – bis zum vorvergangenen Sonnabend.

Ein Artikel bringt den Umschwung

An diesem Tag publizierte sie in der „Hürriyet“ einen kontroversen Artikel über das Militär. Unter der Überschrift „Unruhe im Militärhauptquartier“ berichtete Firat über Konflikte in der Armee. Führende Offiziere seien empört, dass Erdogan sie demütige und bei wichtigen Entscheidungen übergehe, etwa als er kürzlich das Kopftuchverbot für Soldatinnen aufhob. Fast noch schlimmer war die Schlagzeile, die an eine berüchtigte Überschrift aus dem Jahr 1997 erinnerte, bevor das Militär im sogenannten postmodernen Putsch die damalige islamistische Regierung Erbakan zum Rücktritt zwang, ein traumatischer Moment in Erdogans politischem Leben.

Laut türkischen Medien tobte der Präsident, unterstellte Firat, einen Putsch herbeischreiben zu wollen und forderte vom Dogan-Konzern Konsequenzen. „Diese Schlagzeile ist unverschämt“, sagte er. „Wer immer versucht, uns gegeneinander aufzubringen, wird den Preis zahlen.“ Wie meistens unterwarf sich die Konzernspitze dem politischen Willen. Die „Hürriyet“-Redaktion entschuldigte sich für den „redaktionellen Fehler“ – wenn sie auch den Textinhalt verteidigte – , ihr Chefredakteur Sedat Ergin trat zurück und wurde durch Fikret Bila, ersetzt, einen langgedienten Kolumnisten mit guten Verbindungen zur Regierung. Doch Erdogan reicht das offenbar nicht. Er betrachtet den 80-jährigen Konzernchef Aydin Dogan seit jeher als politischen Feind, da dessen Medien die säkulare, kemalistische Türkei repräsentierten und häufig kritisch über die AKP-Regierung berichteten.

Doch seitdem Dogan 2009 zu einer Steuernachzahlung von 2,5 Milliarden Dollar verurteilt wurde, hat er seine Medien auf Stromlinienform getrimmt. Kritische Kolumnisten wurden geschasst, regierungsnahe Journalisten eingestellt, aber liberale Stimmen waren immer noch hörbar. Erdogan aber erweist sich einmal mehr als unversöhnlich. Medienzar Dogan wurde in der vergangenen Woche vor Gericht zitiert, wo ihm wegen angeblichen Ölschmuggels eine neue Millionenstrafe droht. Erdogan nutze die Chance, um auch die Hürriyet und die Dogan-Sender gleichzuschalten, heißt es in Istanbuler Journalistenkreisen.

Ermittlungen eingeleitet

Hande Firat wurde bisher nicht entlassen, aber ihre journalistische Karriere dürfte einen empfindlichen Knick erleiden. Dabei genießt die studierte Medienwissenschaftlerin unter Kollegen durchaus den Ruf einer staatsnahen Journalistin mit Sympathien für die nationalistische MHP, die inzwischen mit Erdogans islamisch-konservativer Regierungspartei AKP kooperiert. So könnte sich Hande Firat wegen einer „falschen“ Schlagzeile bald im Gefängnis wiederfinden, wie mehr als 150 andere Journalisten. Ein Staatsanwalt hat jedenfalls ein Ermittlungsverfahren gegen sie eingeleitet.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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