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Pressefreiheit Das tägliche Risiko

In Lateinamerika werden Reporter von verschiedenen Seiten bedroht. Mexiko bleibt dabei das gefährliches Land für Journalisten.

Mexico City
Mexiko ist für Pressevertreter mit Abstand das gefährlichste Land der Welt. Foto: rtr

Das Wochenmagazin „Ríodoce“ aus Sinaloa veröffentlichte am 29. April eine bemerkenswerte Titelseite. Diese zeigte die Fotos dreier grimmig aussehender Männer und dazu ihre Alias-Namen: „El Koala“, El Diablo“ und „El Quillo“. Darunter stand geschrieben: „Querido Javier, Ellos te mataron“. Lieber Javier, sie haben Dich ermordet.

Für Ismael Bojórquez, 61, Chefredakteur und Mitbegründer von „Ríodoce“, war diese Titelseite mehr als eine journalistische Pflicht. Sie war ein persönliches Anliegen. Denn seit dem tödlichen Attentat auf ihren Freund und Kollegen Javier Valdez am 15. Mai 2017 kämpfen Bojórquez und seine Reporter nicht nur für eine freie Presse in Mexiko, sondern auch für das Andenken an ihren Starautoren Valdez.

Vor rund einer Woche hatte die Polizei Heriberto Barraza, El Koala, festgenommen. Er soll gemeinsam mit dem inzwischen ermordeten Luis Idelfonso Sánchez, El Diablo, und dem in Haft sitzenden Juan Francisco Picos, alias El Quillo, Valdez erschossen haben. Die drei Pistoleros arbeiteten für den „Dámaso-Clan“, der mit den Söhnen von Joaquín Guzmán, alias „El Chapo“ um dessen Erbe um die Macht im Sinaloa-Kartell ringt, seit Guzmán in den USA in Haft sitzt. Offenbar störten die Dámasos sich an einem der Texte von Valdez über den Nachfolgekampf im Kartell. Das reicht in Mexiko bereits für ein Todesurteil.

Aber Gerechtigkeit gebe es für Valdez noch nicht. „Die juristische Aufarbeitung des Mordes geht jetzt erst richtig los“, sagt Bojórquez im Gespräch. Er erkennt an, dass die Staatsanwaltschaft im Falle des vermutlich bekanntesten Journalisten Mexikos ihre Arbeit getan und die Täter festgenommen habe. Gewöhnlich bleiben ja neun von zehn Straftaten in Mexiko unaufgeklärt. „Aber jetzt müssen die Auftraggeber dingfest gemacht werden“, fordert der Ríodoce-Chef.

Trotz des Teilerfolgs bei der Aufklärung des Verbrechens könne von größerer Pressefreiheit in Mexiko keine Rede sein. Seit Valdez’ Tod seien weitere zehn Medienschaffende ermordet worden. „Nichts hat sich verändert, noch immer regiert die Straflosigkeit“, sagt Bojórquez. Und der Staat sei in Teilen kriminell und unfähig.

Die Zahlen geben dem Chefredakteur recht. Mexiko ist das gefährlichste Land der Welt für Reporter, noch vor Syrien und Irak. Die Journalistenschutzorganisation „Article 19“ hat 115 tote Reporter und Journalisten seit 2000 gezählt, alleine 42 in der knapp sechsjährigen Amtszeit des amtierenden Präsidenten Enrique Peña Nieto.

Auftraggeber der Verbrechen sind Kartellbosse, Polizisten, Politiker und Gouverneure. Oft sterben gerade die Reporter, die zur „Narcopolítica“ recherchieren – zur Verquickung von Politikern, Parteien und Amtsträgern mit dem Organisierten Verbrechen.

Pressefreiheit in Venezuela stürzt ab

Andernorts in Lateinamerika zeigt die Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RoG) vor allem in den großen Ländern kaum Verbesserungen. In Kolumbien hätten sich die Hoffnungen nach dem Friedensvertrag mit den FARC Ende 2016 kaum erfüllt. Das südamerikanische Land sei „nach wie vor eines der gefährlichsten der westlichen Welt für Medienvertreter“, schreibt RoG in seiner Lateinamerikaanalyse. Entführungen und Gewalt gegen Reporter und Journalisten seien an der Tagesordnung. Und bewaffnete Gruppen wie die kleine Linksguerilla ELN versuchten vor allem auf dem Land, Berichterstattung von Bürgerradios zu unterbinden, was zu „schwarzen Informationslöchern“ führe.

Den größten Absturz im RoG-Ranking verzeichnete Venezuela. Der autoritäre Präsident Nicolás Maduro verhindere unabhängige Berichte in- und ausländischer Journalisten über die Wirtschafts- und Politikkrise des Landes durch Gewalt und Einschüchterungen. Auch in Bolivien herrschten schlechte Bedingungen für kritischen Journalismus. Die Regierung von Linkspräsident Evo Morales attackiere Medienvertreter und „versucht sie mundtot zu machen“.

Brasilien, das größte Land der Region, hat mit freier Presse ebenso seine Probleme. Der rechte Staatschef Michel Temer räume „der Pressefreiheit keine hohe Priorität“ ein, heißt es bei Reporter ohne Grenzen. Vor allem auf dem Land sei es mit unabhängiger Berichterstattung nicht weit her, da es den Journalisten dort an öffentlicher Unterstützung fehle.

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