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Praktiken westlicher Konzerne 50.000 Menschenversuche in der DDR

Die Zahl der Menschenversuche an Bürgern der DDR nimmt ein erschreckendes Ausmaß an. Laut einem Bericht des "Spiegel" sollen an mehr als 50.000 Menschen Mittel für Chemotherapie und Herzmedikamente getestet worden sein. Mehrere Testreihen führten zu Todesfällen.

12.05.2013 11:52
Mehr als 50.000 Menschen sollen in der DDR als Testpersonen für Medikamente gedient haben (Archivbild). Foto: dpa

Westliche Pharmakonzerne sollen in mehr als 50 DDR-Kliniken hunderte Medikamentenstudien in Auftrag gegeben haben. Wie der „Spiegel“ vorab aus seiner neuen Ausgabe berichtete, dienten in der DDR bis zum Mauerfall in rund 600 Kliniken mehr als 50.000 Menschen als Testpatienten etwa für Chemotherapie-Mittel und Herzmedikamente - oft ohne es zu wissen. Mehrere Testreihen hätten zu Todesfällen geführt und mussten abgebrochen werden. Das Magazin beruft sich auf bislang unbekannte Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen.

Den Akten zufolge starben bei einem Test des Hoechst-Medikaments Trental zwei Kranke in Ost-Berlin. In der Lungenklinik Lostau bei Magdeburg seien zwei Patienten gestorben, die mit dem von Sandoz entwickelten Blutdrucksenker Spirapril behandelt wurden - der Versuch wurde abgebrochen.

DDR als "Günstige Teststrecke"

An der Universitätsklinik Charité ließ Boehringer-Mannheim demnach die als Dopingmittel missbrauchte Substanz Erythropoetin („Epo“) an 30 „unreifen Frühgeborenen“ erproben, wie der „Spiegel“ aus den Akten zitiert. Bayer habe Nimodipin, ein Mittel zur Verbesserung der Hirndurchblutung, unter anderem an Alkoholikern im akuten Delirium testen lassen. Diese konnten aufgrund ihres Zustandes nicht um Einwilligung gefragt werden.

Die Hersteller boten demnach bis zu 800.000 D-Mark pro Studie an. Manager der West-Berliner Schering AG hätten der Charité sogar ein Testvolumen von jährlich sechs Millionen D-Mark angeboten. Führende Mediziner an der Charité waren sich laut Gesprächsprotokollen der Motive der Konzerne bewusst. So habe etwa Schering im Westen wohl „generelle ethische Probleme: der Mensch als Versuchskaninchen“, sagte damals ein zuständiger Arzt der Charité. Die DDR riskiere, wegen der Tests als „günstige Teststrecke“ bekannt zu werden.

Patienten seien über Risiken und Nebenwirkungen oft im Unklaren gelassen worden. Noch im März 1989 habe sich Hoechst laut Sitzungsprotokoll einverstanden erklärt, „dass der Aufklärungstext beim Prüfer verbleibt und nicht dem Patienten ausgehändigt wird“. Weiter heiße es in dem Protokoll: „Die Einwilligung des Patienten wird durch Unterschrift des behandelnden Arztes und eines Zeugen“ dokumentiert.

Die betroffenen Unternehmen weisen laut „Spiegel“ darauf hin, dass die Vorgänge weit zurücklägen. Sie betonen, dass klinische Tests prinzipiell nach strengen Vorschriften erfolgten. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller sieht „bisher keine Verdachtsmomente, dass irgendetwas faul gewesen wäre“, schreibt der „Spiegel“. (mit afp)

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