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Präsidentschaftswahlen Chiles Linke ist aufgewacht

Jahrzehntelang standen sich in Chile zwei politische Lager gegenüber. Doch jetzt mischt eine neue linke Bürgerbewegung den Präsidentschaftswahlkampf auf.

Beatriz Sanchez
Präsidentschaftskandidatin Beatriz Sánchez fordert ein „feministisches Chile“. Foto: rtr

Kurz vor den Präsidentschaftswahlen steckt die traditionelle Politik in Chile in einer Glaubwürdigkeitskrise. Seit dem Ende der Militärdiktatur haben sich zwei politische Koalitionen an der Regierung abgewechselt. Die Nueva Mayoría, das Mitte-links-Bündnis von Präsidentin Michelle Bachelet, fällt nach Korruptionsskandalen auseinander. Für das rechtskonservative Bündnis kandidiert erneut Ex-Präsident Sebastian Piñera, einer der reichsten Unternehmer in Chile.

Doch nun gibt es ein neues Bündnis, das den beiden Etablierten bei der Wahl am 19. November Konkurrenz machen will: „Frente Amplio“ besteht aus zwölf linken Parteien und Bürgerbewegungen. Sie schlossen sich im August 2016 zusammen, um bei den chilenischen Kommunalwahlen eine Alternative zu bieten – mit Erfolg.

Rodrigo Echecopar war in der Studentenbewegung aktiv. Er ist Ende 20 und seit einigen Monaten Präsident der Partei Revolución Democrática, die dem neuen Bündnis angehört. Er wirkt noch etwas unsicher in seiner Rolle als Parteichef. „Die Politik in Chile ist eine Politik der Eliten“, sagt er. „Das Frente Amplio will die Bürger einladen, die für lange Zeit aus dem politischen Prozess ausgeschlossen waren.“ Bürgerbeteiligung und die Integration von sozialen Bewegungen in die Politik sind die wichtigsten Anliegen des Frente Amplio. Das Regierungsprogramm ist noch im Entstehungsprozess. Es soll das Ergebnis einer möglichst breiten Bürgerdebatte sein. Im Moment gibt es 28 Distrikte des Frente Amplio in Chile, die sich wiederum aus lokalen Standorten zusammensetzen. An jedem dieser Standorte gibt es Treffen, bei denen das Regierungsprogramm mit den Bürgern diskutiert wird.

Im Zentrum von Santiago sitzen an diesem Tag mehr als einhundert Teilnehmer in Stuhlkreisen und diskutieren, darunter sind Studenten, aber auch Senioren, Parteimitglieder und Anwohner. Raúl, ein über 60-Jähriger mit Halbglatze und Fleece-Pullover, wohnt in der Nachbarschaft. Für ihn steht das Frente Amplio für die chilenische Linke, die lange geschlafen habe. „Jetzt gibt es wieder Träume. In diesem Land, das so lange keine Träume hatte, sich aber nach Träumen gesehnt hat. Und darin besteht die große Kraft des Frente Amplio“, sagt er.

Das Bündnis spricht Themen an, die von den traditionellen chilenischen Politikern lange ignoriert wurden. Es geht um Bildung, Arbeit, Migration. Themen, die bei Protesten auf der Straße und von sozialen Bewegungen angesprochen wurden, nicht aber in den Medien oder von den Politikern.

Da viele Mitglieder in der Studentenbewegung aktiv waren, wollen sie eine grundlegende Reform des chilenischen Bildungssystems, das mit den extrem hohen Schul- und Studiengebühren die soziale Ungleichheit verstärkt. Ihre Forderung: Bildung soll ein soziales Recht sein, kein Konsumgut. Auch das private Rentensystem, gegen das seit Monaten protestiert wird, soll reformiert werden.

Die Präsidentschaftskandidatin des Bündnisses ist die Journalistin Beatriz Sánchez. In ihrem Wahlwerbespot wirbt sie für ein „feministisches Chile“. Damit will sie der erstarkenden Frauenbewegung in Chile gerecht werden. Auch den Landforderungen der indigenen Gruppe der Mapuche im Süden Chiles will das Frente Amplio Gehör schenken.

Von einigen Mapuche und auch von anderen linken Kräften werden die führenden Mitglieder des Frente Amplio jedoch als „Kinder der Bourgeoisie“ bezeichnet, weil viele von ihnen aus wohlhabenden Elternhäusern kommen und nicht aus der Arbeiterschicht.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chile

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