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Präsidentenwahl Rumänien „Guter Rumäne“ gegen „echter Rumäne“

Klaus Johannis aus Siebenbürgen will Präsident Rumäniens werden. Sein Konkurrent, der sozialdemokratische Amtsinhaber Victor Ponta, setzt im Wahlkampf auf nationalistische Ressentiments.

Der sozialdemokratische Amtsinhaber Victor Ponta setzt auf seine rumänische Identität im Wahlkampf. Foto: REUTERS

Scheinbar ganz liberal eröffnete der Kandidat Victor Ponta seinen Kampf um das Präsidentenamt. „Ich würde nie sagen: Wählt den Klaus Johannis nicht, weil er ein Deutscher ist!“ Aber gleich im nächsten Satz ließ der Premierminister ahnen, was Rumänien in den nächsten Monaten bevorsteht: „Aber ich kann nicht akzeptieren, dass man mich beschuldigt: Oh Gott, du kannst nicht Präsident sein, weil du Rumäne bist! Du kannst nicht Präsident sein, weil du orthodox bist! Soll ich mich schämen? Soll ich mich verstecken? Was soll ich tun?“

In dem Sozialdemokraten Victor Ponta, 41, und dem liberalen Siebenbürger Sachsen Klaus Johannis, 55, ringen nicht nur Rechts und Links miteinander. Zum ersten Mal seit dem Sturz des Diktators Ceauçescu vor 25 Jahren werden, wenn es nach Ponta geht, auch Identität und Orientierung der Nation neu verhandelt. „Guter Rumäne“ gegen „echter Rumäne“, Rumänien gegen Deutschland, eigene Tradition gegen fremden Einfluss: Als Victor Ponta vorletzte Woche in Craiova seine Kandidatur platzierte, brachte er mit wenigen Sätzen so gut wie alle nationalen Komplexe zum Klingen.

Über ihre ethnischen Minderheiten pflegen die Rumänen meist negative Klischees, kommentiert der bekannte Kulturphilosoph Andrei Oisteanu das Duell. Außer über die Deutschen: Sie gelten als seriös und fleißig, sparsam und wohlhabend, ehrlich und korrekt, als gute Bauern und als gute Handwerker. Dass die deutsche Minderheit in Siebenbürgen und im Banat nach 1989 fast vollständig ausgewandert ist, tue dem Image keinen Abbruch. Im Gegenteil, so Oisteanu: Das Klischee setzt sich an die Stelle der direkten Anschauung, und wie an die Stelle der Juden nach ihrer Ausrottung der „imaginäre Jude“ trat, so wird aus dem realen Sachsen oder Schwaben nach dem Exodus der „imaginäre Deutsche“.

Klaus Werner Johannis, erfolgreicher Bürgermeister von Sibiu oder Hermannstadt, wirkt auf seine Landsleute tatsächlich wie aus ihren eigenen Germanenklischees zusammengesetzt: korrekt, effizient, bedächtig, aber auch ein wenig hölzern und langweilig. Genau das wollten die Rumänen von Sibiu, die in der einstmals deutschsprachigen Stadt heute 95 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Gewählt wurde Johannis 2000 als Kandidat des Demokratischen Forums der Deutschen, einer Minderheit von inzwischen 1,6 Prozent.

Zusammengesetztes Germanenklischee

Der neue Bürgermeister tat deutsche Investoren auf, verbesserte die Verwaltung, ließ die schöne Altstadt renovieren und holte deutsche Touristen her. Inzwischen stellt das winzige Deutsche Forum im Stadtrat die absolute Mehrheit. Das Modell, sich von Deutschen regieren zu lassen, machte Schule: Zeitweise residierten in zehn Gemeinden deutschsprachige Bürgermeister, acht Jahre lang war ein Deutscher Vorsitzender des Kreisrats von Sibiu.

Drei Mal wurde Johannis wiedergewählt, einmal mit fast 90 Prozent. Vor fünf Jahren nominierten ihn die Nationalliberalen zum ersten Mal zum Regierungschef, scheiterten mit dem Vorschlag aber an Traian Basescu, dem Populisten im Präsidentenamt.

Seither ging keine Kür eines Premierministers ins Land, ohne dass Johannis’ Name fiel. Im vorigen Jahr schließlich wechselte er förmlich vom Forum zur Partei, wurde sofort Vize und jetzt Ende Juni zum Parteichef gewählt. Er blieb dabei „der Deutsche“. Wenn auch nicht voll und ganz: Mit seinem eleganten Eintritt ins Bukarester Haifischbecken habe Johannis sich als „waschechter Drahtzieher“ erwiesen, schrieb die Zeitung „Gandul“ (Der Gedanke), und eine bekannte Kolumnistin warnte vor dem „Mythos vom rettenden Teutonen“.

Unbeachtet blieb die Folie, vor der Johannis aufstieg: der rumänische „Selbsthass“ wie Oisteanu es nennt und wie ihn der Schriftsteller Mihail Sadoveanu in eine viel zitiertes Aperçu gepackt hat. Der Herrgott habe bei der Erschaffung der Welt jedem Volk in Rumänien sein Werkzeug gegeben: Dem Deutschen die Schraube, dem Zigeuner die Geige, dem Serben den Spaten, dem Türken das Schwert, dem Ungarn die Reitstiefel, dem Russen den Wodka und dem Juden das Geld. Nur der Rumäne sei „mal wieder zu spät gekommen“ und vom Schöpfer dafür mit einem „leichten Herz“ ausgestattet worden, das ihn den Mangel an Gottesgaben besser ertragen lasse.

Victor Ponta, Premier seit 2012, entspricht dem Eigenstereotyp der Rumänen so präzise wie Johannis dem von einem Deutschen. Mit geschickter Intrige bezwang der junge Aufsteiger den als unüberwindlich geltenden Basescu. Leichtherzig setzte er sich über den Skandal seiner abgeschriebenen Doktorarbeit hinweg. In Umfragen qualifizieren die Rumänen ihren Regierungschef als „lügnerisch“, „populistisch“ und „demagogisch“, trauen ihm aber zugleich die Schaffung von Arbeitsplätzen und dem sozialen Ausgleich zu.

In den noch hypothetischen Umfragen liegt Ponta mit sechs Prozentpunkten vor dem „Anti-Helden“ Johannis. Geschlagen ist die Schlacht aber noch nicht. Nur fünf Prozent der Wähler hielten es noch im Juli für einen Nachteil, dass Johannis der deutschen Minderheit angehört – entsprechend dem Stimmenpotenzial der rechtsaußen angesiedelten Groß-Rumänien-Partei und dem Einfluss des konservativen Flügels der orthodoxen Kirche.
Stärkster Verbündeter Pontas ist die Ignoranz. In ersten Straßenbefragungen kommen Bürger zu Wort, die sich wundern, wie ein „Mann aus dem Ausland“ Rumänien regieren wolle. Vor allem im Süden und Osten des Landes ist die Existenz der deutschen Minderheit, die einst 800 000 Köpfe zählte, schon in Vergessenheit geraten.

Unklar ist, wie weit Ponta mit seinen nationalen Tönen den Prozentsatz anheben kann. Vorerst überwiegt der Solidarisierungseffekt. „Unchristlich“ seien die demagogischen Eröffnungssätze Pontas gegen Johannis, urteilte dessen innerparteilicher Konkurrent Catalin Predoiu. Oisteanu qualifizierte sie als „pervers“. Selten habe er eine „so peinliche, so gequälte, populistische und heuchlerische Rede gehört“. Dass Ponta nur zwei Sätze brauchte, um sein Bekenntnis zur Gleichrangigkeit von Minderheiten ins Gegenteil zu wandeln, erinnert gebildete Rumänen an den Geniestreich des Mark Anton in Shakespeares „Julius Cäsar“, wie er den Tyrannenmörder Brutus, den „ehrenwerten Mann“, mit vorgetäuschtem Lob dem Volkszorn auslieferte.

Dass Johannis‘ Partei das Wort „national“ im Namen trägt und Ponta Sozialdemokrat ist, wirkt nur auf Ausländer verwirrend. „Rechts“ heißt in Rumäniens Politik pro-westlich. So werden ausgerechnet die Aktivisten, die sich für Frauenrechte oder für Minderheiten wie Roma oder für Schwule einsetzen, als besonders „rechts“ qualifiziert – etwa die Ex-Justizministerin Monica Macovei, die sich als Kämpferin gegen Korruption einen Namen gemacht hat und als unabhängige Kandidatin antreten will.

„Links“ ist dagegen, wer auf irgendeine Weise mit dem alten kommunistischen Regime assoziiert wird – einschließlich der autoritären Chauvinisten und Securitate-Agenten, die unter Ceauçescu den Ton angaben.

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