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Portrait Ärztin voller Leidenschaft

Frankreichs Gesundheitsministerin Agnès Buzyn geht stets aufs Ganze – und manchmal auch zu weit.

Frankreich
Agnès Buzyn. Foto: afp

Diesmal ist sie zu weit gegangen. Der Ruf nach entschlossenem Einschreiten gegen Filmszenen, die zum Rauchen animieren, kam gar nicht gut an. Agnès Buzyn hat den Rückzug angetreten. Sie habe nicht zur Zensur aufrufen wollen, hat Frankreichs Gesundheitsministerin klargestellt. Zu spät. Eine Woge des Spotts ergießt sich über die Ministerin. Ob sie zur Förderung der Verkehrssicherheit Regisseuren nicht Geschwindigkeitslimits für Verfolgungsjagden auferlegen wolle, wird die 55-Jährige gefragt. Und ob sie nicht auch gleich noch den Gebrauch von Schusswaffen auf der Leinwand verbieten wolle.

Aus diesem Appell hatte weniger die Politikerin als die Ärztin Buzyn gesprochen. Als Blutkrebsspezialistin kämpfte sie Jahrzehnte lang gegen den Tod oft junger Patienten, und sie verlor diesen Kampf so manches Mal. Nicht zuletzt wegen ihres Einsatzes vor Ort war sie im Mai überraschend zur Gesundheitsministerin ernannt worden. Staatschef Emmanuel Macron wollte keine Funktionärin. Er wollte jemanden, der Krankenhäuser von innen kennt, sich in der Praxis bewährt hat.

Bekommen hat er eine leidenschaftliche Ärztin. Ob Buzyn nun den Preis einer Zigarettenschachtel auf abschreckende zehn Euro heraufsetzt, der mächtigen Getränkeindustrie eine saftige Zuckersteuer aufbrummt oder ihren impfmüden Landsleuten noch mehr Pflichtimpfungen verordnet: Die Französin geht aufs Ganze.

Der Erfolg gibt ihr Recht. Die Verabschiedung der im Haushaltsentwurf der Sozialversicherung aufgeführten Punkte gilt als sicher. Bereits in der nächsten Woche dürfte die Nationalversammlung die Neuerungen absegnen. Die Ausweitung der Impfpflicht für Kleinkinder, die künftig elf statt bisher drei Seren verabreicht bekommen, stößt nicht einmal mehr in den Reihen der Opposition auf Widerstand. Die Einführung des zweistelligen Zigarettenschachtelpreises bis zum Jahr 2020 findet ebenfalls breite Zustimmung.

Bleibt die Zuckersteuer. Buzyn, Mutter von drei Kindern, plant eine Erhöhung von zurzeit 7,53 Euro pro Hektoliter zuckerhaltige Brause auf bis zu 20 Euro. Für den Verband der Limonaden- und Nektarhersteller ist die Grenze des Zumutbaren damit überschritten.

Das Naturprodukt Zucker als Volksfeind Nummer eins anzuschwärzen, sei nicht akzeptabel, schimpfen Branchensprecher. „Zucker tötet“, bescheidet die Politikerin die Kritiker, verweist auf Diabetes, Fettleibigkeit und deren Folgen. Auch in diesem Kräftemessen dürfte die Französin letztlich die Oberhand behalten.

Mit dem Tod konfrontiert

Doch auch wenn sie mit Leib und Seele Ärztin ist: Buzyn war stets mehr als dies. Während sie in einem Pariser Krankenhaus Leukämiepatienten mit Knochenmarktransplantationen zu retten versuchte, trieb sie an der Universität die Tumorforschung voran. Später verband sie die Arbeit in der Klinik mit der Leitung des Instituts für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit, rückte anschließend an die Spitze des Nationalen Krebs-Instituts.

Und lange bevor sie Ärztin wurde, war sie bereits mit dem Tod konfrontiert. Einer jüdischen Familie entstammt sie. Die Großeltern wurden in Auschwitz ermordet. Der Vater überlebte den Holocaust, wanderte nach Israel aus, kehrte 1956 nach Frankreich zurück. Die Mutter entging der Verfolgung dank einer Familie, die das in Paris geborene Mädchen in der ostfranzösischen Provinz Ain vor den Nazis versteckte.

Dem Tod die Stirn bieten, heilen, helfen, ist denn auch nicht nur das Anliegen der Gesundheitsministerin. Der Vater Élie ist Chirurg, die Mutter Etty Psychotherapeutin und Yves Lévy, mit dem Agnès Buzyn in zweiter Ehe verheiratet ist, ist Aids-Forscher.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frankreich

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