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Porträt Ottilie Scholz Man nannte sie Spaßbremse

Sie ist Oberbürgermeisterin einer Ruhrpott-Stadt wie Adolf Sauerland. Aber Ottilie Scholz, 61, SPD, sagte in Bochum die Loveparade ab.

02.08.2010 21:44
Annika Joeres
Ottilie Scholz sagte die Loveparade in Bochum ab. Foto: dpa

Sie war die „Buhfrau“ des Ruhrgebiets, die Spaßbremse schlechthin. Als Ottilie Scholz Anfang 2009 die Loveparade für Bochum aus Sicherheitsgründen absagte, wurde die SPD-Oberbürgermeisterin mit Häme überschüttet. Sie sei „provinziell“, hieß es damals in der Presse. Die Katastrophe von Duisburg hat Scholz verspätet recht gegeben.

Geschickt vermeidet die 61-Jährige, schadenfroh oder besserwisserisch nach der Tragödie in der nur dreißig Kilometer entfernten Stadt zu klingen. Sie sei die Letzte, die sich anmaße, über das todtraurige Ende der Loveparade in Duisburg zu befinden, sagt die Soziologin in Interviews. Sie habe damals eine vernünftige Entscheidung getroffen, weil der Platz in Bochum für die erwartete eine Million Besucher zu klein gewesen wäre. Vielleicht hat die vornehm gekleidete, grauhaarige Frau auf diese Weise ein Drama verhindert.

Dabei ist die immer etwas streng blickende Scholz an viele nervenaufreibende Situationen in Bochum gewöhnt. Beinahe jährlich zittert sie um die verbliebenen 6000 Jobs bei Opel, nach der Ruhr-Universität der zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt. Unzählige Male stand sie vor den Werkstoren. Den Autobauer konnte sie vorerst in der Stadt halten, dem plötzlichen Aus von Nokia stand die zierliche Frau hingegen hilflos gegenüber. „Das ist schwer zu ertragen“, sagte sie damals über den Wegzug des Handyherstellers. Die Bürger der einstigen Zechenstadt haben ihr die wirtschaftlichen Niederlagen nie persönlich angekreidet. Bei der Kommunalwahl im August 2009 erhielt Scholz satte 52 Prozent.

Die resolute Stadtchefin hat sich in ihrer politischen Laufbahn allerdings einige dicke Fehler geleistet. In einem Bürgerbegehren lehnten die Bochumer 2003 ab, das städtische Abwassersystem an US-Investoren zu verleasen. Die damalige Kämmerin Scholz jettete in der Concorde nach New York und drückte das Projekt gegen alle Widerstände durch. Diese Geschichte nahm ein schlechtes Ende: Mit der Wirtschaftskrise wurde das vormals so lukrative Verleasen zum millionenschweren Minusgeschäft für die Stadt. Ein schwerer Verlust für die verschuldete Kommune mit ihren 400000 Einwohnern.

Typisch für das gebeutelte Bochum, dass ausgerechnet die Absage eines Ereignisses zum Glückstreffer wird. Allerdings war auch Scholz den Verheißungen einer Großveranstaltung wie der Loveparade zunächst erlegen. Sie sang 2007 mit im einstimmigen Chor der Oberbürgermeister des Reviers, die das Techno-Event unbedingt zu sich holen wollte. Trotz aller neuerlichen Anerkennung – warum Scholz erst zwei Jahre später erkannte, dass die zugebaute Stadt zu klein für Hunderttausende Tänzer sein könnte, bleibt ihr Geheimnis.

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