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Porträt Häufig gegen den Strom

Querulant oder Querdenker? Die Frage drängt sich auf bei dem Pazifisten Jürgen Grässlin. Einer wie er wird nie zum Everybody´s Darling. Für einen Preis für Zivilcourage reicht es aber allemal. Von Andreas Schwarzkopf

Jürgen Grässlin Foto: dpa

Querulant oder Querdenker? Die Frage drängt sich auf bei dem Pazifisten Jürgen Grässlin. Wie so oft liegt die Antwort im Auge des Betrachters. Weder noch, sagt die Solbach-Freise-Stiftung und zeichnet den Rüstungsgegner heute mit dem Preis für Zivilcourage aus. Stifterin Anne Solbach-Freise unterstützt seit 1995 Menschenrechtler und Atomkraftgegner, Kriegs- und Globalisierungsgegner.

Der 52-jährige Grässlin hat sich in diesem Sinne gleich auf mehreren Feldern verdient gemacht. Im jahrzehntelangen Kampf gegen den Waffenhersteller Heckler & Koch (HK) geht er jetzt erneut in die Offensive. Der Konzern mit Sitz im baden-württembergischen Oberndorf "ist das tödlichste Unternehmen" Deutschlands, sagt Grässlin. Demnach stirbt alle 14 Minuten ein Mensch an einer HK-Kugel, seit Firmengründung 1949 summiere sich diese Zahl auf 1,5 Millionen.

Mit ähnlich kritischen Äußerungen hat sich Grässlin beim Autohersteller Daimler unbeliebt gemacht. Als Sprecher des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre Daimler-Benz (KAD) setzte er sich gegen die Fusion des Stuttgarter Konzerns mit der US-Firma Chrysler ein und kämpft gegen das Engagement des Unternehmens in der Rüstungsindustrie - aus finanziellen und moralischen Gründen.

In der Folge bekamen er und seine Mitstreiter bei Aktionärstreffen häufig mehr Beifall für ihre Redebeiträge als Mitglieder des Vorstands. Der Konzern verklagte Grässlin mehrfach. Doch er bekam recht. Der Bundesgerichtshof etwa entschied, dass ein Aktionär durchaus öffentlich sagen darf, die Geschäfte eines Managers seien "nicht immer so sauber" gewesen. Grässlin bekam also keinen Maulkorb. Die Kosten von rund 70.000 Euro für die Verfahren bekommt er nach eigenen Angaben teilweise zurück. Der Rest komme durch ein KAD-Spendenkonto und den Zivilcourage-Preis zusammen.

Einige Anhänger kritisierten Grässlin für dessen Biografie des ehemaligen Daimler-Chrysler-Chefs Jürgen Schrempp. Ihrer Ansicht nach hatte es ein Geschmäckle, das ausgerechnet ein kritischer Aktionär solch ein Werk verfasste. Schrempp selbst hatte für das Buch Zitate freigegeben und es nach Erscheinen für zu kritisch befunden.

Das Engagement Grässlins bei den Grünen war letztlich ein Zwischenspiel. Er kandidierte 1994 und 1998 für den Bundestag, verließ die Partei allerdings, nachdem sie dem "grundgesetzwidrigen Kosovo-Kampfeinsatz" zugestimmt hatte. Rückschläge dieser Art steckte der "konstruktive Querulant" (Grässlin) weg. So einer wird eben nicht Everybody´s Darling. Für einen Preis für Zivilcourage reicht es aber allemal.

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