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Porträt Bin Salman Ein moderner Diktator

Der saudische Kronprinz Bin Salman zeigt seine düstere Seite. Ein Porträt.

Saudi
Schwankt im Moment zwischen düsterem Brüten und lauten Wutausbrüchen: Mohammed Bin Salman. Foto: rtr

Seit dem Debakel von Istanbul, heißt es aus dem Palast von Riad, schwankt Mohammed bin Salman zwischen düsterem Brüten und lauten Wutausbrüchen. Seit Tagen prasselt die weltweite Empörung auf das Königshaus und dessen Kronprinzen ein. Sein Kürzel MBS wird verspottet als „Mister Bone Saw“, der Mann mit der Knochensäge, während immer mehr gruselige Details über den königlichen Auftragsmord an Dschamal Khashoggi ans Tageslicht kommen.

Die Staatskrise nach dem makabren Verbrechen könnte auch mit dem Sturz des Thronfolgers enden. In Riad kursieren Gerüchte, Mohammeds drei Jahre jüngerer Bruder Khalid, der kürzlich nach Hause beorderte saudische Botschafter in Washington, könnte die Nachfolge antreten.

Hoffnungsträger der Jugend

Seit der greise König Salman vor dreieinhalb Jahren seinen als ungestüm und impulsiv geltenden Lieblingssohn Mohammed mit an die Spitze des Königreiches holte, avancierte dieser schnell zum Chefmodernisierer Saudi-Arabiens und zum Hoffnungsträger der Jugend, die gut die Hälfte der zwanzig Millionen Untertanen ausmacht. „Mehr Spaß und mehr freie Marktwirtschaft“, gab der 33-Jährige Vater von vier Kindern stattdessen als Zukunftsmotto aus. Dafür legte er sich mit den religiösen Hardlinern an, erlaubte erstmals seit vier Jahrzehnten wieder Konzerte und Kinos. Und er machte Schluss mit dem Fahrverbot für Frauen.

Fast fünf Wochen lang tourte er im März 2018 als Liebling der westlichen Medien durch die USA und Europa. Harvard, Silicon Valley und Hollywood hießen die glanzvollen Adressen in der Neuen Welt, die vor ihm noch kein saudischer Monarch mit eigenen Augen gesehen hatte.

Nach seiner Rückkehr jedoch begann die Euphorie einer rapiden Ernüchterung zu weichen. Bei dem ehrgeizigen Reformprogramm „Vision 2030“, das Saudi-Arabien von einer ölsüchtigen Staatswirtschaft in eine innovative Privatökonomie verwandeln soll, türmen sich die Schwierigkeiten. Die mit großen Fanfaren angekündigte Zukunftsmetropole Neom am Roten Meer hängt in der Luft, seit internationale Konzernchefs und Banker wegen der Khashoggi-Affäre reihenweise ihre Teilnahme an der Investorenkonferenz „Davos in der Wüste“ absagen, die nächste Woche in Riad stattfinden soll. Die Arbeitslosenquote unter den Saudis kletterte zuletzt von neun auf knapp 13 Prozent, bei denen unter 30 Jahren liegt sie sogar über 30 Prozent.

Der Thronfolger reagierte dünnhäutig und mit eiserner Hand, um alle Kritiker – egal ob außen oder innen – zum Schweigen zu bringen. Reihenweise wurden Andersdenkende, Frauenrechtlerinnen, Kleriker und Journalisten verhaftet. Unbequeme Debatten über den vor drei Jahren angezettelten, ruinösen Krieg im Jemen, die selbstherrliche Konfrontation mit Katar oder den bizarren Streit mit Kanada werden im Keim erstickt.

Die Zeitungen trommeln nur noch nationalistische Töne. Jeder, der im Internet angebliche Gerüchte streut oder „Falschinformationen“ auf seinem Computer speichert, riskiert bis zu fünf Jahre Gefängnis. Damit offenbart Mohammed bin Salman mehr und mehr auch die düstere Seite seiner Herrschermentalität. Er ist nicht nur ein Reformer, sondern auch ein Diktator, skrupellos und autoritär, aufbrausend und maßlos, umgeben von Jasagern – ein Palastmilieu, erstickend und paranoid, in dem auch der fatale Mordbefehl für Khashoggi seine Wurzeln hat.

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