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Polizeikomödie mit Terroristen Jagdszenen im Sauerland

Slapstick im Sauerland. Aussagen von Polizisten zeigen: Bei der Festnahme der mutmaßlichen Terroristen der "Sauerland-Gruppe" hat es offenbar schwere Pannen gegeben. Gelinde formuliert. Von Marianne Quoirin

11.11.2009 00:11
Marianne Quoirin
Im Prozess gegen die islamistische "Sauerland"-Gruppe hat ein ranghoher Beamter seine Aussage widerrufen, der Angeklagte Daniel Schneider habe bei der Festnahme auf einen Polizisten geschossen. Foto: dpa

Düsseldorf. Eigentlich sollten die Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) am Dienstag vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf klären helfen, ob der mutmaßliche Terrorist der Sauerland-Gruppe Daniel Schneider vor seiner Festnahme versuchte, einen Polizisten zu töten. Doch die Aussagen der Zeugen werfen ganz andere Fragen auf: So soll die größte und angeblich erfolgreichste Fahndungsaktion seit den Zeiten der Rote Armee Fraktion (RAF) geendet haben?

Es klingt eher nach einem Ausschnitt aus einer Polizeikomödie, was sich da am 4. September 2007 im sauerländischen Dorf Oberschledorn abgespielt hat.

"Wir hatten da technische Probleme, was den Funk angeht", bekennt Roger O., BKA-Kriminalhauptkommissar. Der 43-Jährige leitete das mobile Einsatzkommando, das die Absperrung rund um das Ferienhaus sicherte, in dem ein Team der Eliteeinheit GSG 9 die mutmaßlichen Terroristen festnehmen sollte.

Hauptkommissar O. wusste sich zu helfen: Weil die drahtlose Kommunikation fehlte, hatte er die Fenster seines Autos "weit geöffnet". So habe er gehört, wie ihm ein GSG-9-Mann zugerufen habe: "Wo ist er? Habt ihr ihn?"

Mit "Höchsttempo" durch drei Gärten

Gemeint war Daniel Schneider, der sich nach einem Sprung aus der Toilette auf der Flucht befand: barfuß, mit einem T-Shirt und einer Jogginghose bekleidet rannte Schneider durch Gärten und übersprang Zäune, verfolgt von zwei BKA-Polizisten. Ein GSG-9-Beamter hatte ihm zuvor wegen seiner schweren Schutzkleidung nicht schnell genug folgen können. Doch davon hatten weder das BKA-Duo, das dann die Jagd auf ihn übernahm, noch die Einsatzleitung etwas mitbekommen.

Kriminalkommissarin Susanne V., die mit ihrem Kollegen F. die Verfolgung aufnahm, sagte am Dienstag aus, dass sie bei der Anfahrt "eine männliche Person" laufen sah. Dann begann, wie die Kommissarin beschreibt, mit "Höchsttempo" die Jagd durch drei Gärten. F. konnte den Flüchtigen zu Fall bringen, aber nicht außer Gefecht setzen. Schneider schaffte es sogar, ihm die die Dienstwaffe zu entreißen.

Kommissarin V. versuchte vergebens, Schneider mit einem "Griff in die Augen" zur Aufgabe zu zwingen. Ihr Versuch, per Funk Verstärkung anzufordern, sei gescheitert. "Ich habe fünf- bis sechsmal so laut wie möglich nach dem Team geschrien", sagt die Polizistin. Als der Einsatzleiter und ein vierter Beamter endlich kamen, hätten sie Schneider nach Schlägen gegen den Kopf die Waffe entrissen.

Hat sich der Schuss zufällig gelöst?

Offen blieb, ob der Jüngste aus der Sauerland-Zelle bei der Festnahme zweimal vorsätzlich versuchte, auf die Polizisten zu schießen. Davon geht die Bundesanwaltschaft aus, während der Angeklagte beteuert, ein Schuss im Gerangel habe sich zufällig gelöst.

Polizistin V. sagte, sie habe bei dem Handgemenge nur einen Schuss gehört. Der ging nach übereinstimmenden Aussagen der Beteiligten ins Leere. Sie habe kein zweites Klicken wahrgenommen, als ob der Abzug der Waffe ein weiteres Mal betätigt worden sei. Sie habe "keine Erklärung dafür", dass einer der Einsatzleiter später aussagte, Schneider habe auf ihren Kollegen geschossen.

Entlastung lieferte am Mittwoch ein ranghoher Beamter, der seine Aussage widerrief, einer der Terroristen habe bei der Festnahme auf einen Polizisten geschossen. Sein damaliger Vermerk, der Angeklagte Daniel Schneider habe bei einem Handgemenge einen Schuss auf einen am Boden liegenden Polizisten abgegeben, der ihn aber verfehlte, sei "so nicht richtig", sagte der Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) am Mittwoch in Düsseldorf. Er habe möglicherweise etwas missverstanden. (mit dpa)

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