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Polizeigewalt in Hamburg „Alle Erwartungen mit einem Schlag zerstört“

„Entwürdigt“ in Hamburg: Ein arabisch-israelischer Student berichtet von Polizeigewalt in Hamburg am Rande des G20-Gipfels.

Polizei
Die Polizei im Einsatz. Das Symbolfoto entstand in Berlin. Foto: Imago

Man merkt Firas S. an, dass er es sehr ernst gemeint hat mit Deutschland. Erst seit Ende 2016 ist er hier, aber der 18-Jährige will lieber Deutsch sprechen als Englisch. Er macht sich, während er spricht, Gedanken über die korrekte Grammatik.

Firas kam aus dem arabischen Dorf Eilaboun in Israel nach Deutschland, um Maschinenbau zu studieren. Eigentlich lief alles gut. Er absolvierte Sprachkurse, bestand Prüfungen, seit Juni lebt er in Baden-Württemberg bei langjährigen Freunden seiner Familie. Im nächsten Jahr wollte er sein Studium beginnen. Aber jetzt, sagt er leise, wisse er nicht, ob er bleibe.

Wenn er über die Ereignisse der Nacht vom 7. auf den 8. Juli spricht, klingt er bedrückt. Als an jenem Abend im Hamburger Schanzenviertel die G20-Ausschreitungen eskalierten, stand Firas kilometerweit von den Krawallen entfernt am Hauptbahnhof. Tags zuvor hatte er in der Stadt das Global Citizen Konzert besucht. Fotos zeigen ihn zwischen den Zuschauern, strahlend. Er formt mit den Fingern ein Herz in der Luft.

„Sie sind in Deutschland, Sie müssen Deutsch sprechen“

An Abend darauf will Firas mit dem Bus nach Stuttgart zurückfahren, doch er verpasst ihn, wegen des G20-Gipfels wurde die Haltestelle verlegt. Er sagt, er sei nicht informiert worden, und er weigerte sich, mehr für ein neues Ticket zu bezahlen als für das stornierte. Im Flixbus-Büro kommt es darüber zu einem Streit, in dessen Verlauf Firas die Handykamera einschaltet und die Mitarbeiter des Unternehmens die Polizei rufen.

Die folgenden Ereignisse hat Firas in einem detaillierten Bericht festgehalten. Seinen Angaben zufolge gibt er den drei Beamten seinen israelischen Pass, wird aber nicht nach seiner Sicht der Dinge befragt. Als er nach einem Übersetzer fragt, oder ob er Englisch sprechen kann, wird das abgelehnt. „Sie haben geantwortet: ‚Sie sind in Deutschland, Sie müssen Deutsch sprechen und die deutschen Regeln beachten.‘“ Wieder lässt er die Kamera seines Handys mitlaufen, bis ihm einer der Beamten sagt, dass das verboten sei. „Ich habe mich entschuldigt und wollte das Handy ausschalten. Da hat er es mir aus der Hand gerissen.“

Als das Handy weg ist, eskaliert die Situation

In dem Moment eskaliert die Situation vor dem Büro. Er habe, erzählt der 18-Jährige, „sehr emotional“ reagiert und versucht, sein Telefon wiederzubekommen, sei aber von den Beamten zu Boden geworfen worden. „Obwohl ich mich nicht gewehrt habe, haben sie mich mehrere Male ins Gesicht und in den Bauch geschlagen.“ Ein Polizist habe Firas’ Kopf mit dem Knie auf den Boden gedrückt und mit der Faust zugeschlagen. Eine Viertelstunde habe er dort gefesselt gelegen, bis man ihn zur Wache gebracht habe.

Auch weitere Details dieser Nacht beschreibt er: Dass die Beamtin ihm auf dem Weg die Augen zugehalten habe. Dass man ihm auf der Wache neue Schläge androhte, falls er sich zu schnell bewege. Und dass, als sein Handy geklingelt habe, ein Polizist gelacht und es ihm gezeigt habe, ohne es ihm zu geben. „Er sagte, dass ich es ja gewöhnt sei, in Israel so behandelt zu werden.“ Als Firas nach Stunden wieder vor der Wache steht, mit Schmerzen und in einer fremden Stadt, hat er kein Handy und keine Nummer, die er anrufen könnte. Er sucht sich am Hauptbahnhof eine WLAN-Möglichkeit und googelt nach der nächsten Klinik.

Im Hamburger Marienkrankenhaus behalten sie ihn eine Nacht da. Die Diagnose laut ärztlichem Bericht: Gehirnerschütterung, stumpfes Bauchtrauma, die rechte Augenhöhle hämatös zugeschwollen. Wegen des ausgeprägten Blutergusses ums Auge könne man die Pupille nur eingeschränkt beurteilen.

Verfahren wegen Handyaufnahmen

Gegen Firas läuft nun ein Verfahren, es soll dabei unter anderem um die Handyaufnahmen gehen, die er gemacht hat. Man könne derzeit zu diesem Fall keine weiteren Auskünfte geben, weil die Akte nicht entbehrlich sei, heißt es dazu aus der Staatsanwaltschaft.

In einem Statement beschreibt das Reiseunternehmen Flixbus vor allem die Auseinandersetzung zwischen Firas und den Mitarbeitern. Der 18-Jährige sei aggressiv aufgetreten und verbal auffällig gewesen, heißt es da. Und auf die Frage nach dem Vorgehen der Polizeibeamten: Man könne leider nur detaillierte Informationen über die Vorkommnisse in dem Shop liefern, als Mitarbeiter involviert waren. „Zu den Ereignissen nach dem Eintreffen der Polizei können wir keine übertriebene Polizeigewalt bestätigen.“

Laut Hamburger Innenbehörde wird nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen die Beamten nun „von Amts wegen ein Verfahren durch die Staatsanwaltschaft eingeleitet, um die näheren Umstände dieses Falles zu prüfen“. Die Staatsanwaltschaft werde dabei eng mit dem Dezernat Interne Ermittlungen zusammenarbeiten.

Das Dezernat ist derzeit auch mit Dutzenden Ermittlungsverfahren gegen Polizisten im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel beschäftigt.

Realität nicht so schön wie der Traum

In Firas’ Umfeld herrscht derweil Fassungslosigkeit. Die Gasteltern Christoph Köhler und Hanne Kreuziger haben den Teenager als „immer fröhlich“ kennengelernt und ihn nach jener Nacht verstört und niedergeschlagen erlebt. Seit 20 Jahren sind sie mit seiner Familie in Israel befreundet.

„Alle Erwartungen, die in diesen Jahren aufgebaut wurden, waren mit einem Schlag zerstört“, sagt Hanne Kreuziger. „Wir haben eine tiefe Verletzung gespürt.“ Sie selbst hätten auch Polizisten im Bekanntenkreis. „Dass so etwas in Deutschland passiert, hätten wir nie gedacht.“ Der Anwalt der Familie will Strafanzeige stellen.

Fragt man Firas nach seinen Gefühlen in jener Nacht, ringt er mit den Worten. „Entwürdigt“ ist einer der Begriffe, die er findet. „Und einsam habe ich mich gefühlt. Ich war ganz allein, ohne Handy, ohne Nummern. Niemand wusste, dass ich ein Problem habe.“

Ob Firas in Deutschland bleibt, wird auch davon abhängen, ob und wie der Fall aufgearbeitet wird. Seine Familie hat ihm gesagt, dass er zurückkommen oder in einem anderen Land studieren könne, in Frankreich vielleicht. Aber er denkt auch an die vergangenen Monate, an die Sprachkurse, an all das Geld, das sie gekostet haben. „Wir haben so viel investiert“, sagt er. Es sei schon immer sein Traum gewesen, in Deutschland zu studieren und dann hier in der Automobilindustrie zu arbeiten. „Aber die Realität ist nicht so schön wie mein Traum.“

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