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Polen Beten für den schwulen Priester

Das Coming-out von Krzysztof Charamsa stößt in seiner Heimat Polen auf Kritik. Der Geistliche hat vergangene Woche die Debatte selbst ausgelöst.

Catholic faithful watch the canonisation of Pope John XXIII and John Paul II on a giant screen, in Krakow
Auf ihre Vertreter im Vatikan lassen Polens Gläubige normalerweise nichts kommen... Foto: REUTERS

Wohl nirgendwo wird Krzysztof Charamsa kritischer gesehen als in seinem Heimatland Polen. Denn das Coming-out des homosexuellen Geistlichen ist in eine innerpolnische Debatte eingebettet. Die hatte der 43-Jährige vor einer Woche selbst ausgelöst, als er in einem Beitrag in der progressiv-katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ die polnischen Bischöfe kritisierte. Sie täten nichts gegen Hasstiraden einzelner bekannter Geistlicher gegen Homosexuelle, schrieb Charamsa, der inzwischen von seinen bisherigen Tätigkeiten im Vatikan und an katholischen Institutionen entbunden wurde, in dem Artikel „Theologie und Gewalt“. Seine eigene Homosexualität verschwieg er dabei jedoch – und genau dies wird ihm nun vorgehalten.

Inzwischen distanziert sich auch das katholische Blatt von seinem Gastautor, dessen Coming-out entgegen eigener Aussage offenbar nicht spontan war. „Wir bewerten den Stil, in dem Charamsa auf die Bischofssynode Einfluss zu nehmen versuchte, als negativ“, heißt es in einer Erklärung. Auch wenn seine Kritik an homophoben Meinungen innerhalb der Kirche richtig bleibe: Der Geistliche habe „manipuliert“, weil er sein geplantes Coming-out auch gegenüber der Redaktion verschwiegen habe.

„Er hat die Kirche betrogen“

Die zahlreichen Kritiker in der Kirche glauben offenbar, mit Charamsa nun leichtes Spiel zu haben – und wählen eher mitleidige denn scharfe Worte. Der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz ruft die Gläubigen dazu auf, für den Abtrünnigen zu beten, damit er „umkehre und zur Einheit der Kirche zurückkehre“. Politiker der kirchennahen, nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) werden deutlicher: „Er hat sein gesamtes Leben verneint, er hat die Kirche und die Gläubigen betrogen“, sagt PiS-Politiker Joachim Brudzinski.

Der aus dem nordpolnischen Gdingen stammende und am Priesterseminar der Kleinstadt Pelplin ausgebildete Charamsa lebt und lehrt seit 17 Jahren im Vatikan. Nun sei er bereit, berufliche Konsequenzen für sein Bekenntnis zu tragen, so Charamsa. „Mein Coming-out soll ein Appell an die Synode sein, ihr paranoides Handeln gegenüber sexuellen Minderheiten aufzugeben“, sagte er der polnischen Ausgabe des Magazins „Newsweek“.

Dass solche Worte in Polen heftige Reaktionen und eine homophobe Welle der Entrüstung im Netz auslösen, ist klar. Denn in dem katholischen Land, das mitunter von einem nationalistischen Diskurs geprägt ist, ist das Thema Homosexualität auch jenseits von Priesterämtern heftig umstritten. In Polen gibt es bislang keinerlei rechtliche Regelungen für homosexuelle Paare, sie werden vom polnischen Gesetzgeber de jure und de facto als Einzelpersonen bewertet. Bisherige moderate Reformvorstöße scheiterten bislang im Parlament – auch auf Druck seitens der Kirche. Nach Angaben des Verbandes ILGA-Europe, der lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle und intersexuelle (LGBTI) Organisationen aus Europa vertritt, rangiert Polen bei der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation dieser Gruppen in der EU auf dem viertletzten Platz.

„Täglich Wort gebrochen“

Schwule Priester sind freilich ein noch viel größeres Tabu als Homosexualität an sich. Daher verwundert es nicht, dass inzwischen selbst liberale Medien auf vorsichtige Distanz zu Charamsa gehen. Die einflussreiche Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ etwa, die sich ansonsten vehement für eine Stärkung der Rechte von Homosexuellen und gegen Homophobie einsetzt, moniert Charamsas „Selbstzufriedenheit“. „Als Geistlicher verkündete er Ehrlichkeit, Treue zum gegebenen Wort, das er dann täglich brach – das ist Hypokrisie“, schreibt Katarzyna Wisniewska.

Dennoch dürfte der Fall auch in Polen zu einer verstärkten Diskussion über die homophoben Einstellungen innerhalb der polnischen Gesellschaft beitragen. Die bekannte Ethikerin und Publizistin Magdalena Sroda glaubt an einen positiven Effekt. „Je mehr Menschen sehen, dass es selbst unter hochrangigen Geistlichen Homosexuelle gibt, umso besser“, sagt sie. Bislang sei dies in Kirchenkreisen „als Quatsch abgetan“ worden.

Und der Schwulenaktivist Tomasz Kolodzielczyk glaubt, Charamsa könnte womöglich weitere Priester im Land ermuntern, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen. „Er hat sicher einen möglichen Weg geebnet.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Polen

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